Geschichte

Blutlandschaften

14 Millionen Menschen wurden zwischen 1933 und 1945 in den »Bloodlands« ermordet. Foto: Frank Albinus

Als Ernst Nolte 1986 die These von der Einmaligkeit des Holocaust anzweifelte, brach unter den Historikern ein Sturm der Entrüstung los, dem ein jahrelanger Streit folgte. Heute gibt es kaum noch jemanden, der an der Singularität des europäischen Judenmords durch das NS‐Régime zweifelt.

Auch dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder geht es in seinem Buch Bloodlands nicht um eine Relativierung dieses Verbrechens. Aber er betrachtet die Schoa als besonderen Teil eines allgemeinen Massenmordes, dem in den Jahren 1933 bis 1945 in Europa 14 Millionen Zivilisten zum Opfer fielen, vor allem Juden, Weißrussen, Ukrainer, Polen, Balten.

Die Region, in der diese Menschen starben, erstreckt sich von Zentralpolen bis Westrussland, einschließlich der Ukraine, Weißrusslands und der baltischen Staaten. Snyder, Professor für osteuropäische Geschichte an der Yale University, bezeichnet diesen Raum als »Bloodlands« – Blutlandschaften. Alle 14 Millionen Opfer wurden in jenen Jahren umgebracht, in denen Hitler und Stalin gleichzeitig an der Macht waren.

Zwangsläufig kommt der Autor zu einem Vergleich zwischen Hitlers Rassengenozid und Stalins Klassengenozid, ohne freilich die Systeme beider Despoten gleichzusetzen. Und doch gab es, wie er fundiert herausarbeitet, auffallende Gemeinsamkeiten.

opferzahlen Hitler wollte die Sowjetunion in wenigen Wochen militärisch unterwerfen, danach Millionen sowjetische Bürger verhungern lassen und die Juden über den Ural nach Asien vertreiben. Als sich der Krieg hinzog, von einem Blitzsieg nicht mehr die Rede war, trat mit der geplanten »Endlösung der Judenfrage« der Massenmord an die Stelle der geplanten Deportationen.

Stalin machte für den Misserfolg bei der Kollektivierung der Landwirtschaft Anfang der 30er‐Jahre die ukrainische Nation verantwortlich. Er verkündete die »Liquidierung des Kulakentums als Klasse« und ließ zwei Millionen Bauern deportieren. Seine mörderischste Waffe war der Hunger. Der sowjetische Diktator selbst sprach später Churchill gegenüber von insgesamt zehn Millionen Hungertoten, vor allem in der Ukraine. Stalins Massenmordregister, rechnet Snyder vor, war fast ebenso lang wie das Hitlers. SS und NKWD mordeten gewissermaßen um die Wette, wobei Stalin – wie Snyder schreibt – seine eigenen Bürger »nicht weniger effizient« umbringen ließ als Hitler die Bürger anderer Staaten.

interaktion Zwischen beiden Diktatoren habe es eine Art Interaktion gegeben, glaubt Snyder und versucht so, auch den Holocaust in einen größeren historischen Zusammenhang einzuordnen. Etwa mit dem Hinweis, dass in der zweiten Hälfte der 1930er‐Jahre nicht etwa die deutschen Juden, sondern die Polen im Machtbereich der Sowjetunion die am meisten verfolgte Minderheit Europas waren.

Er schreibt auch, dass die von der osteuropäischen Bevölkerung ausgehende antisemitische Gewalt nach dem Einmarsch der Wehrmacht sich nicht hinreichend erklären lasse ohne die vorausgegangenen Massaker durch Stalins Geheimpolizei: »1940 verhaftete der NKWD mehr Menschen im besetzten Osten Polens als im Rest der Sowjetunion. Etwa 400.000 Polen wurden gefangen genommen und deportiert. Zehntausende wurden erschossen. (…) Dann kamen die Deutschen und nutzten diese Notlage aus.

Sie erklärten den Menschen, dass die Juden für das Leid verantwortlich gewesen seien.« Und was bedeutet es, wenn man liest, dass in den Blutlandschaften Osteuropas während des Holocaust zeitgleich auch acht Millionen Zivilisten starben, die nicht Juden waren? Hier hätte man sich vom Autor mehr Erhellendes gewünscht.

relativierung? Solche und ähnliche Stellen haben dem Buch in manchen amerikanischen Kritiken den Vorwurf der Schoa‐Relativierung eingetragen. Das hat Snyder mit Vehemenz zurückgewiesen. Richtig ist, dass Bloodlands erkennbar erreichen möchte, dass die Verbrechen des Holocaust nicht isoliert betrachtet werden.

Zugleich betont der Verfasser aber, dass die Schoa nicht nur hinsichtlich der Form des Tötens, sondern auch mit Blick auf die Zahl der Opfer über Stalins Verbrechen hinausging. Stalin, schreibt Snyder, habe früher und in einer effizienter organisierten Weise getötet als Hitler. Der aber habe deutlich mehr Menschen auf dem Gewissen und sei mithin der größere Verbrecher.

Was hier auf beklemmende Weise zur Standardfrage erhoben wird – wer von beiden Diktatoren der schlimmere Massenmörder war – lässt sich aber mit Zahlen allein kaum plausibel beantworten. Sonst käme man auch irgend wann zu Mao Zedong, auf dessen Kappe vermutlich noch mehr Morde gehen als bei Hitler und Stalin zusammen. Darin liegt eine Schwäche von Snyders methodischem Vorgehen.

Andererseits: Snyder ist nicht nur ein herausragender Sachwalter der Wissenschaft, er ist auch ein begnadeter Erzähler. Scheinbar emotionslos, teilweise auch mit erschreckender Kälte, vielleicht aber gerade deswegen besonders eindringlich, schildert er den Stalinschen Massenterror wie den deutschen Genozid im Osten Europas.

So gelingt ihm ein beeindruckendes Zeugnis historischer Geschichtsschreibung, ganz im Sinne der großen russischen Dichterin Anna Achmatowa, die in ihrem Poem Requiem die Opfer der Genozide des 20. Jahrhunderts beklagt: »Ich wollte sie alle mit Namen nennen, /Doch man nahm mir die Liste, wer kennt sie noch?«

Timothy Snyder: »Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin«. Aus dem Englischen von Martin Richter. C. H. Beck, München 2011, 523 S., 29, 95 €

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