Yuval Noah Harari

Blick in die Zukunft

Yuval Noah Harari analysiert die Vergangenheit und die Gegenwart, um Prognosen für die Zukunft zu erstellen. Foto: Getty Images / istock

Es sieht nicht gut aus für den Homo sapiens. Seine Ära ist vorbei, und das Zeitalter der Maschinen und Algorithmen bricht an. So kann das neue Buch von Yuval Noah Harari zusammengefasst werden, das sich mit der Zukunft der Menschheit beschäftigt. Im Grunde ist sein neues Werk eine Ein-Mann-Anleitung dafür, wie wir in einer Welt überleben können, die wir nicht mehr verstehen. In 21 Lektionen beschreibt er die aktuelle Situation, wie es dazu kam – und wie es vermutlich weitergeht.

Gerade weil die Analysen des israelischen Historikers und Bestsellerautors frei von der Lust am Untergang sind, die bei Zukunftsprognosen oft mitschwingt, wirken sie umso ernüchternder. Die Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen, fällt mittelfristig wohl komplett an die Maschinen.

Sie beherrschen mittlerweile nicht mehr nur körperliche Tätigkeiten besser als wir, sondern ziehen zunehmend auch in den kognitiven Fähigkeiten an uns vorbei (der beste Schachcomputer, Alpha Zero, benötigte jüngst vier Stunden, um sich an einem Vormittag dieses Spiel selbst beizubringen und darin unbesiegbar zu werden – zumindest für Menschen).

prognosen Und was machen wir dann den ganzen Tag? Harari bietet mehrere Prognosen an. In der sympathischsten wird Arbeit schlicht neu definiert und in den Bereich der Familie und Hausarbeit verschoben. Viel wahrscheinlicher wird es aber zu einer globalen Klasse der »Nutz- und Bedeutungslosen« kommen, die keiner Tätigkeit mehr nachgehen kann und auch sonst nirgendwo gebraucht wird.

Entscheidend für das Entstehen einer solchen Klasse ist die Biotechnologie. In der Zukunft wird sie unsere Gefühle, unsere Gesundheit und unseren Verstand dramatisch verbessern können, womit neben den gewöhnlichen Homo sapiens eine Art Superheldenmensch treten wird. Eine Entwicklung, die unweigerlich auch das Ende des Liberalismus einläuten wird, dessen Ideal der Gleichheit aller Menschen in einer solchen Welt nicht mehr haltbar wäre. Wie gesagt, das 21. Jahrhundert scheint es nicht gut zu meinen mit dem traditionellen Homo sapiens.

Kurzfristig sind aber Computer und modifizierte Cyborg-Menschen gar nicht unsere Hauptsorge, denn die größte Herausforderung ist eine ganz andere: der menschengemachte Klimawandel. Weil es sich um ein globales Problem handelt, braucht es auch globale Antworten, erklärt Harari, der allerdings Zweifel daran hat, ob Nationalstaaten dazu überhaupt fähig sind.

Fleisch Er setzt seine Hoffnungen darum mehr in die Wissenschaft. So könnte die Gentechnik dafür sorgen, dass unser Fleisch künftig aus dem Labor stammt und nicht mehr vom Schlachthof. Das Ende der Massentierhaltung würde nicht nur millionenfaches Leid von Rindern, Hühnern und anderen Säugetieren beenden, sondern wäre auch für das Klima ein Segen.

Nationalstaaten können globale Probleme nicht lösen, aber eine Weltregierung oder eine sonstige übernationale Organisation ist ebenfalls nicht in Sicht und auch nicht zu wünschen, so Harari, denn mit großer Wahrscheinlichkeit würde es sich dabei um ein totalitäres System handeln. Wer also könnte einspringen, um das Klima zu retten? Das Buch gibt darauf keine konkrete Antwort und hofft auf den Erfinderreichtum der Menschheit.

Auf wen es hingegen wenige Hoffnung setzt, ist die Religion. Für Harari ist sie der älteste Fake-News-Produzent der Geschichte und eine Institution, die Unterschiede stärker betont als Gemeinsamkeiten. Das Judentum bekommt dabei von ihm, der selbst Jude ist, keinen Bonus.

Im Gegenteil erklärt er es zu einer historisch eher unbedeutenden Gemeinschaft, die in der Weltgeschichte kaum eigene Spuren hinterlassen habe. Dass es weder Islam noch Christentum ohne das Judentum geben würde, erledigt er mit dem Hinweis, dass es ohne Sigmund Freuds Mutter auch keinen Sigmund Freud gegeben hätte. Das macht aus ihr aber noch lange keine Person, die auf die Weltgeschichte einen ähnlichen Einfluss hatte wie ihr Sohn.

staatschefs Wer aktuell sehr wohl einen gewissen Einfluss hat, ist Harari selbst. Die Bücher des 1976 in Haifa geborenen Israelis verkaufen sich weltweit millionenfach, und sowohl Regierungschefs als auch Wirtschaftsbosse suchen seinen Rat. Jüngst traf er Angela Merkel in Berlin; die Bundeskanzlerin hatte Harari eingeladen, um von ihm aus erster Hand mehr über seine Sicht auf die Herausforderungen der Zukunft zu erfahren.

Offenbar trifft Hararis Mischung aus originellen Gedanken und kurzweiligem Schreibstil, mit denen er sich an die großen Themen herantraut, den Nerv der Zeit, und so steht auch sein aktuelles Werk – wie alle anderen Bücher von ihm – ganz oben in den Bestsellerlisten. Harari ist im Moment so populär, dass ihn die Medien »Popstar der Historiker« nennen, eine Bezeichnung, die eher selten an Vertreter dieser Berufsgruppe vergeben wird.

Seine 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert behandeln die wichtigsten Themen, mit denen sich die Menschheit beschäftigen muss. Wobei sich der Bogen über so verschiedene Bereiche wie Freiheit, Zivilisation, Religion, Zuwanderung, Gerechtigkeit und Bildung spannt. Es gelingt ihm dabei, Laien den aktuellen Stand der Forschung in Computer- und Biotechnologie verständlich zu machen und die Gründe für die Krise bisheriger Ideologien zu erläutern. Wobei seine Herleitungen und Schlüsse genug Stoff für Widerspruch bieten, was das Werk umso reizvoller macht.

nachruf All das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es kein optimistisches Buch ist. Eigentlich hätte 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert darum auch Die Menschheit – Ein Nachruf heißen können. Oder kommt letztlich doch alles anders?
Ausgeschlossen ist es nicht, denn der Menschheit gelang ihr beispielloser Aufstieg durch Intelligenz, Kreativität und Organisationstalent. Warum sollte sie sich nicht ein weiteres Mal selbst übertreffen?

Vielleicht gelingt es ihr, die Risiken und Herausforderungen, die die doppelte Revolution aus Bio- und Computertechnologie mit sich bringt, zu ihrem Vorteil zu nutzen und so in eine goldene Zukunft aufzubrechen statt in zunehmende Bedeutungslosigkeit.

Alles ist möglich, und Yuval Noah Harari ist der Letzte, der dem Homo sapiens ein solches Comeback nicht zutrauen würde. Das hat er in bisher drei Büchern über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser Spezies bewiesen.

Yuval Noah Harari: »21 Lektionen für das 21. Jahrhundert«. C.H. Beck, München 2018, 445 S., 24,95 €

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