Medizin

Bilder aus dem Kopf

Ohne Umwege direkt ins Hirn: Die neue Diagnosemethode BNA schafft es. Foto: Fotolia

Untersuchung, Diagnose, Behandlung – was bei manchen Krankheiten innerhalb von Minuten erledigt ist, nimmt bei anderen Leiden oft Tage und Wochen in Anspruch. Unerträglich ist das Warten darauf, dass endlich die Ursache und deren passende Behandlung gefunden werden – nicht nur für Menschen, die befürchten, Lebensbedrohliches wie etwa Krebs zu haben. Auch chronische Schmerzen, Migräne, Depressionen, Alzheimer und Parkinson belasten Patienten und ihre Angehörigen stark.

Die israelische Firma ElMindA will nun mit Hilfe moderner Computertechnik dafür sorgen, dass Ärzte solche Krankheiten, die mit Vorgängen im Gehirn zusammenhängen, schneller erkennen und Erfolg oder Misserfolg der verordneten Therapien ganz einfach dokumentieren können.

Brain Network Activation (BNA) heißt die nichtinvasive Technik, von der das in Herzliya ansässige, 2006 gegründete Unternehmen ElMindA bereits jetzt überzeugt ist. »Unsere Vision ist, dass jeder Psychiater und Neurologe auf der ganzen Welt jeden Patienten routinemäßig zu BNA‐Tests schickt«, umreißt Eli Zangvil von ElMindA das Unternehmensziel.

Rechner Die Untersuchung ist nicht besonders aufwendig und vor allem schmerzlos: Der Patient muss dazu nur bis zu einer halben Stunde lang an einem Rechner sitzen – etwas, was die meisten jüngeren Menschen gewohnt sind und was auch für ältere durchaus zum Alltag gehört. Während der Zeit vor dem Computer müssen sie kleinere Aufgaben erledigen.

Das Gerät misst und speichert dabei die Gehirnaktivitäten, die mit der jeweiligen Aufgabe in Zusammenhang stehen. »Das Ergebnis sind dann dreidimensionale Darstellungen der Nervenzellen‐Verbindungen, die sehr spezifisch und reproduzierbar sind«, erläutert Zangvil. Die Messgeräte seien dabei derart empfindlich, dass selbst kleinste Veränderungen im Vergleich zum Vortag erkannt werden könnten. Damit sei es möglich, die optimale Medikamentendosierung für den jeweils individuellen Bedarf festzustellen.

Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll BNA ausgereift sein. Derzeit betreibt man dazu Studien an den Universitätskliniken in Michigan und Pittsburgh, bei denen der Fokus auf leichten traumatischen Gehirnverletzungen wie Gehirnerschütterungen sowie auf dem Aufmerksamkeitsdefizit‐ und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) liegt.

Muster »Wir müssen viele, viele Daten sammeln«, erklärt Zangvil, »denn um sagen zu können, ob ein Patient eine bestimmte Krankheit hat, muss der behandelnde Arzt in der Lage sein, Vergleiche zwischen den Aktivitätsmustern seines Patienten und denen von gesunden Personen seines Alters zu ziehen.«

Dass man sich bei den Studien zunächst auf Gehirnerschütterungen fokussiert, hat einen ernsthaften Hintergrund: Das erhöhte Risiko von Boxern, im Laufe ihres Lebens an Parkinson zu erkranken, ist nicht erst seit dem Fall des ehemaligen Weltmeisters Muhammad Ali bekannt. Neue Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass bereits einige wenige Schläge auf den Kopf, die noch nicht einmal Bewusstlosigkeit zur Folge haben müssen, bereits zu irreversiblen Hirnschäden führen oder Depressionen und Parkinson zur Folge haben können.

Bisher mussten Ärzte sich jedoch auf die subjektiven Angaben ihrer Patienten verlassen, um solche eventuell entstandenen Verletzungen zu finden und die Risiken beurteilen zu können. »Wir glauben, dass unsere Technologie eine objektive Möglichkeit darstellt, die richtigen Entscheidungen zu fällen – etwa, ob ein Sportler weitermachen kann. Und das ist vor allem für Eltern, deren Kinder Kontaktsportarten betreiben, ein ganz wichtiges Thema.«

Nach dem Willen von ElMindA soll BNA schon 2013 in den USA als diagnose‐ und behandlungsunterstützende Technik bei der Erkennung von Gehirnerschütterungen und ihren Folgen vor allem im Sport zum Einsatz kommen – die Zulassung, um die man sich in diesem Jahr bemühen wird, natürlich vorausgesetzt.

Medikamente Auch bei ADHS soll die Technik zur wichtigen Diagnosehilfe werden. Die Aufmerksamkeits‐/Hyperaktivitätsstörung kann laut Zangvil derzeit nicht immer sicher festgestellt werden, sodass häufig unnötige oder falsche Medikamente verabreicht werden. BNA könnte durch Vergleichsmöglichkeiten und Behandlungsanalysen dazu beitragen, dass Eltern und Kindern viel erspart werde, sagt der Mediziner.

Aber auch Beschwerden wie Migräne, Depressionen oder chronische Schmerzen könnten dank der israelischen Technik bald sicherer diagnostiziert werden. Dazu arbeitet die Firma unter anderem mit Pharmaherstellern zusammen: »Das ist eine Win‐win‐Situation: Wir bekommen die nötigen Daten, die Ärzten später helfen werden; die Firmen erhalten Möglichkeiten, zu überprüfen, ob und wie ihre Medikamente wirken.

Manchmal scheitern neue Entwicklungen in den klinischen Tests daran, dass die Medikamente bei bestimmten Patienten einfach keine Wirkung haben – wenn sie jedoch an den richtigen Leuten ausprobiert würden, sähe es ganz anders aus.« Da die klinischen Test bald starten, wird sich zeigen, ob sich BNA tatsächlich, wie Zangvil sagt, als »Meilenstein der Entwicklung hin zur personalisierten Medizin« erweist.

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