Kino

Big in Berlin

Der Israeli Doron Amit hat die Hauptrolle in »Hannas Reise« gespielt. Jetzt dreht er mit »Traumfrauen« seinen zweiten deutschen Film.

von Katrin Richter  02.09.2014 08:46 Uhr

»Das Böse zu spielen, das würde mich sehr reizen«: Doron Amit Foto: Stephan Pramme

Der Israeli Doron Amit hat die Hauptrolle in »Hannas Reise« gespielt. Jetzt dreht er mit »Traumfrauen« seinen zweiten deutschen Film.

von Katrin Richter  02.09.2014 08:46 Uhr

Es sind acht – nicht mehr. Vier an jedem Augenwinkel. Ganz winzige Falten, die sich auf Doron Amits Gesicht zeigen. Von Sorgen allerdings erzählen sie nicht, denn sie zeigen sich nur, wenn er lacht.

Grund zum Lachen hat der 31-jährige israelische Schauspieler, der zum Ensemble von Israels berühmtester Bühne, dem Habima-Theater in Tel Aviv, gehört, zurzeit genug. Denn er ist gut im Geschäft: Bühnenprojekte in Israel, einen wichtigen Part in einer neuen deutschen Liebeskomödie, und natürlich die vielen Lobeshymnen und Preise für seine Hauptrolle in Hannas Reise. Dort spielte Amit den lässigen Behindertenbetreuer Itay, der sich in die resolute Deutsche Hanna (Karoline Schuch) verliebt, die, um ihre Karriere emotional aufzuhübschen, mit Aktion Sühnezeichen nach Israel geht und dort mit Itay zusammenarbeitet. Mit der Rolle konnte Amit sich voll identifizieren. Im Kibbuz HaOgen, in dem er aufwuchs, war er Madrich gewesen.

So lässig wie seine Figur Itay gibt sich Doron Amit auch bei der Begegnung in einem Charlottenburger Hotel. Er trägt ein blaues Hemd mit sorgfältig hochgekrempelten Armen, eine schwarze Hose, passend zu den schwarzen Schuhen, und leicht gebändigte Locken. Die Coolness wirkt allerdings etwas geplant. Ab und zu zupft der Schauspieler an seinem Hemd, schaut, ob die Ärmel noch richtig sitzen, streicht über die Bügelfalte der Hose. Alles soll offenbar perfekt aussehen – bis wieder ein spontanes Lachen die Atmosphäre wieder auflockert.

»Traumfrauen«
Lachen muss Doron Amit darüber, dass er in Berlin sitzt, aus dem Fenster auf den Ku’damm schaut und drei Drehtage für seinen nächsten großen Film vor sich hat. Es kommt ihm alles etwas unwirklich vor. »Ich hätte nie gedacht, ausgerechnet in Deutschland solch einen Erfolg zu haben.« Dass er nun in Traumfrauen mit gestandenen Schauspielern wie Iris Berben und jungen, sehr bekannten Kollegen wie Hannah Herzsprung, Elyas M’Barek und Karoline Herfurth spielt, findet der Israeli einfach nur »großartig«.

Berlin mag er sowieso: »Ich bin überglücklich, dass ich hier in der Stadt sein kann.« Dabei ist Doron Amit als gebürtiger Kibbuznik eigentlich ein »echter Naturtyp«, wie er sagt. »In der Natur zu sein, ist für mich einfach ein sehr schönes Gefühl. Man ist frei und kann sich anders als in der Stadt bewegen.«

Vorbehalte gegen Deutschland hat der Enkel von Schoa-Überlebenden nicht – anders als seine Figur Itay in Hannas Reise, der die 1986 geborene Hanna anfangs persönlich für den Holocaust haftbar macht. Auch Amits Rolle in dem neuen Film von Keinohrhasen-Drehbuchautorin Anika Decker ist »so ganz anders, als ich es bin«. Der Israeli spielt Guy, einen Draufgänger, Rocker und Herzensbrecher, der sich keine großen Gedanken macht und einfach im Hier und Jetzt lebt und liebt. »Der Typ genießt den Moment und fragt erst gar nicht, wie es seiner Umwelt dabei geht«, beschreibt er seine Rolle. Im wirklichen Leben, setzt Amit sofort nach, passe ein solches Verhalten überhaupt nicht zu ihm. »Ich denke immer nach: Über große Dinge, über Kleinigkeiten, aber vor allem über Menschen, mit denen ich zusammen bin.«

sprache Trotzdem habe ihn die Rolle angesprochen, gerade, weil dieser Guy eben so ganz anders sei. Der würde seine Hemdsärmel bestimmt nicht so ordentlich hochkrempeln wie er, würde seine Haare vielleicht etwas wilder tragen und wahrscheinlich keinen Wert auf viele Nettigkeiten legen: »Also das komplette Gegenteil von mir.« Das sei für jeden Schauspieler eine große Herausforderung. Möglicherweise ist die Rolle des Guy für Amit der erste Schritt zur dunklen Seite. »Das Böse zu spielen, das würde mich sehr reizen.« Obwohl er alles andere als böse wirkt. Aber »vielleicht kann ich mir ja von Guy noch etwas abgucken«. Denn, so Doron Amits Resümee nach Hannas Reise: »Aus jeder Rolle nimmt man etwas für sich mit.«

Bei Traumfrauen wird es auch die Sprache sein. Denn Doron Amit wird seinen Part diesmal auf Deutsch drehen. Bereits bei Hannas Reise hatte er hinter den Kulissen fleißig die Sprache geübt – und das gelang ihm ganz gut. Jetzt hat er sich, um seinen Text so perfekt wie möglich zu sprechen, bei einer Opernsängerin in Tel Aviv Tipps geholt, wie deutsche Wörter korrekt betont werden, was weiche und harte Endungen sind und wie das »ch« richtig zur Geltung kommt. Amit ist sich sicher, dass ihm inzwischen jeder noch so komplizierte deutsche Satz sauber über die Lippen kommen wird.

Einen Crashkurs in deutscher Alltagskultur hat der Israeli auch schon absolviert. Noch viele Wochen nach der Weltmeisterschaft in Brasilien schwärmt er von einem gemeinsamen Fußballabend mit Hannah Herzsprung und Elyas M’Barek. »Deutschland spielte gegen Brasilien. Wir saßen gemeinsam in einem – war es ein Biergarten?« Er überlegt lange und schließt die Augen, holt tief Luft, ruft die Erinnerung zurück, visuell und olfaktorisch: »Ein Biergarten: Es gab Bratwurst, überall waren Leute – es war so schön entspannt.« Allerdings taten ihm die Brasilianer leid. Dass sie 7:1 geschlagen wurden, fand Amit »demütigend«. Aber Bier, Fußball, Wurst – die, wie er sie nennt, »Eckpfeiler der deutschen Kultur«, kennt er seit diesem Abend gut.

gaza-krieg Es war allerdings auch dieser Abend, an dem Tel Aviv zum ersten Mal von der Hamas mit Raketen beschossen wurde. Der Gaza-Krieg begleitete Doron Amit während seiner letzten Drehtage. »Ich war in Berlin zu den Proben, dann bin ich nach Tel Aviv zurückgeflogen, dann wieder hierher. Die Produzenten hatten wegen der Situation in Israel einige Bedenken und sagten: Flieg nicht zurück, bleib hier! Wahrscheinlich hätten sie mir sogar ein Zimmer gemietet.« Doch das lehnte Amit dankend ab. Er wollte nach Hause. Angst hatte er keine. Aus der Entfernung sehe die Lage in Israel immer gefährlicher aus, als sie tatsächlich sei, sagt er – »als ob der Gazastreifen gleich neben dem Ben-Gurion-Flughafen läge«. Nicht, dass er den Nahostkonflikt bagatellisieren wolle, fügt er sofort hinzu: »Es ist, ganz klar gesagt, eine beschissene Situation ... Es muss sich etwas ändern, und es braucht den Mut beider Seiten, dies zu tun.«

Dass sich der Konflikt bis nach Europa auswirkt, hat Doron Amit bei seinen ersten Drehtagen in Berlin erlebt. »Ich sah vom Straßenrand aus eine Demonstration an mir vorbeiziehen. Die Menschen riefen ›Kindermörder Israel‹. Das war unheimlich.« Er habe sich gefragt, was wohl geschehen würde, wenn sie wüssten, dass er Israeli ist.

pROFESSIONALITÄT Am Set von Traumfrauen sei die Atmosphäre glücklicherweise fern jeglicher Politik. Doron Amit ist voller Bewunderung für die Professionalität, die er bei seinen deutschen Produktionen erlebt hat. »Bei Hannas Reise war alles perfekt organisiert. Und jeder am Set hatte Respekt vor den anderen Berufsgruppen.« Der Regiestab, die Schauspieler, die Beleuchter und die Leute vom Ton achteten einander.

Außerdem habe ihm Regisseurin Julia von Heinz immer den Freiraum gelassen, seine Rolle so zu gestalten, wie er sie sich vorstellte. »Es war nicht so, dass wir absolut machen konnten, was wir wollten. Julia wusste genau, was sie von uns verlangen konnte, aber sie hat es mit ihrer Professionalität und ihrem sympathischen Wesen geschafft, dass wir immer viel Gestaltungsraum hatten.« Das sei beim Film nicht immer der Fall, sagt Amit, der schon bei einer ganzen Reihe – wenn auch kleinerer – Produktionen mitgespielt hat. Zurzeit probt er in Israel für eine Rolle in Der brave Soldat Schwejk. Aber darüber will er noch nicht so viel verraten.

Anderes ist momentan sowieso wichtiger. In wenigen Wochen wird Doron Amit seine Freundin heiraten. Auch sie ist Künstlerin, singt im Ensemble der Tel Aviver Oper.

Es könnte derzeit nicht besser laufen für den jungen Israeli. Er lacht, und da sind sie wieder, die vier kleinen Falten an jedem Augenwinkel.

Interview

»Alfred Hitchcock ist mein Vorbild«

Der israelische Erfolgsautor Dror Mishani über sein neues Buch »Drei« – und warum Kriminalgeschichten in Israel einen schweren Stand haben

von Ralf Balke  07.12.2019

Porträt

Gewissen des Museums

Hetty Berg leitet künftig das Jüdische Museum Berlin. Doch wofür steht die Kuratorin - und welche Schwerpunkte wird sie setzen? Eine Spurensuche in Amsterdam

von Tobias Müller  07.12.2019

Louis Lewandowski Festival

Schätze der Synagogalmusik

In Berlin und Potsdam werden Chöre aus Deutschland, den USA, Israel und Serbien erwartet

 06.12.2019

Medizinstudium

Freiwilliger Ersatztermin

TMS: Wer den Test wegen des Schabbats versäumt hat, kann ihn im Januar nachholen

 05.12.2019

Woody Allen

»Schon immer ein Romantiker«

Der Regisseur über seinen neuen Film »A Rainy Day in New York«, alte Zeiten und die eigene Verletzlichkeit

von Dorothea Finkbeiner, Gaby Mahlberg, Vivian Chang  05.12.2019

Zahl der Woche

7.202.880 Tonnen Müll

Fun Facts und Wissenswertes

 05.12.2019