Günter Kunert

Biermann singt dem Freund ein letztes Lied

Der Liedermacher Wolf Biermann singt anlässlich der Gedenkfeier für den verstorbenen Schriftsteller Günter Kunert. Foto: dpa

Freunde und Weggefährten haben in einer berührenden Trauerfeier mit melancholisch-humorvollem Grundton Abschied vom Dichter Günter Kunert genommen. Zum Höhepunkt geriet am Freitag neben den sechs Reden, in denen Kunerts Aufrichtigkeit, Humor und Sprachkunst anekdotenreich gerühmt wurden, das Lied von Wolf Biermann, das er für seinen Freund sang - in der Bonifatiuskirche in Schenefeld, etwa 70 Kilometer nordwestlich von Hamburg, wenige Kilometer entfernt von Kunerts Haus in Kaisborstel.

Kunert habe ihn gebeten, sollte er vor ihm sterben, seiner zweiten Frau Erika ein Lied zu singen, sagt Biermann. »Und natürlich liefere ich die Ware.« Und so sitzt er auf einem Stuhl am Altarraum und stimmt die Gitarre. Eine Friedensengel-Statue direkt hinter ihm scheint ihn zu beschützen.

Dass er auf dem jüdischen Friedhof beerdigt ist und sein Bild bei den Christen in der Kirche hängt - das hätte Kunert gefallen, sagt Biermann.

Daneben blickt auf ihn von einer Staffelei Kunert. Das Porträt hat vor wenigen Jahren Friedel Anderson gemalt, der auch gekommen ist. Die Schreibmaschine Kunerts ist Staffage, Heidetöpfchen, Gräser und ein Gebinde der Hamburger Autorenvereinigung mit Sonnenblumen sind Zitat für die Naturliebe Kunerts. Er starb am 21. September im Alter von 90 Jahren, am 27. wurde er auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee beerdigt.

Diese Metapher hätte Kunert, dessen Mutter Jüdin war, Spaß gemacht, sagt Biermann: Dass er in Berlin-Weißensee beerdigt ist und sein Bild bei den Christen in der Kirche hängt. »Das ist eine Art ökumenische Situation, die Leuten wie ihm und mir gefällt. Da wächst zusammen, was wirklich zusammengehört.«

DDR »In der DDR-Zeit waren wir Freunde, obwohl ich verboten war und er nicht - er hat es mir verziehen, er hat es mir nachgesehen, dass ich weiter zu weit ging als er - aus der Sicht der Herrschenden« , sagt Biermann. »Wir hatten vieles, was uns verband und nachdem wir in den Westen geraten sind, haben wir uns trotzdem nicht in dem neuen Koordinatensystem des Kapitalismus, des Westens zerfreundet.« Das sei nicht mit allen, mit denen wir befreundet waren, so gewesen, sagt Biermann und nennt Sarah Kirsch.

Er intoniert das Lied, das er wegen der in der DDR sehr populären Liedzeile ausgewählt hat: »Ich möchte am liebsten wegsein und bleibe am liebsten hier.« Dass man beides am liebsten möge, das habe auch der von Kunert geschätzte französische Denker Michel de Montaigne gekannt: »Immer sterben die anderen und das eigene Grab bleibt leer. Dieser Sarkasmus, der nichts mit Zynismus zu tun hat, war deinem Kunert sehr vertraut«, sagt Biermann zur Witwe.

Kunert starb am 21. September im Alter von 90 Jahren. Beerdigt wurde er auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee.

Es habe in der DDR die Dableiber und die Weggeher gegeben. Jetzt sei Kunert weggegangen. »Was wird bloß aus unseren Träumen, in diesem zerrissenen Land. Die Wunden wollen nicht zugehen, nicht zugehen unter dem Dreckverband«, singt Biermann wehmütig.

STASI Kunert, der damals noch in der DDR lebte, hatte 1976 als einer der ersten eine Protestresolution gegen die Ausbürgerung Biermanns aus der DDR unterzeichnet. Nach Bespitzelung und Schikanen der Stasi ließ die DDR den Dissidenten Kunert 1979 in die Bundesrepublik ziehen.

In der Bonifatiuskirche mit knapp hundert Trauergästen würdigte auch der frühere saarländische Ministerpräsident Reinhard Klimmt (SPD) seinen Freund Kunert. »Mir ist jede Form von Herrschaft und zuwider - ausgeübt oder erlitten« - dies habe auch für Kunert gegolten. Hanser-Verleger Jo Lendle nannte Kunert in seiner sprachlichen Weltsicht einen Meister der Kürze, der 43 Bände bei Hanser herausbrachte - gerade erschien der letzte Gedichtband.

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