Fernsehen

Bezaubernd-bittersüßes Porträt: »Fabian oder der Gang vor die Hunde«

Dominik Graf erhielt für »Fabian oder der Gang vor die Hunde« den Bayerischen Filmpreis. Foto: picture alliance/dpa

»Und? Was führt sie nach Sodom und Gomorra?«, lautet einer der ersten Sätze, die Fabian zu Cornelia sagt. Sodom und Gomorra, das ist das Nachtleben von Berlin, genauer gesagt ein Lokal, in dem alles möglich ist: sexuell, musikalisch oder »bewusstseinserweiternd«. Dann reden die beiden, die ein Liebespaar werden müssen, und das eigentlich auch schon wissen, über Engel. Schließlich hat er in ihr, mitten in diesem Sündenpfuhl, einen solchen gesehen.

»Memoiren eines Moralisten«, hat Erich Kästner seinen »Fabian« genannt, nachdem ihm sein Verleger klargemacht hat, dass er den Roman nicht »Der Gang vor die Hunde« nennen dürfe, und auch sonst vieles politisch oder sexuell Explizite gestrichen werden musste.

Zeitgemäss Regisseur Dominik Graf greift die ursprüngliche Fassung des Buches auf und formt aus ihr, »frei nach Kästner«, den Kinofilm »Fabian oder Der Gang vor die Hunde«. Eine Liebesgeschichte, die auch zum Verzweifeln ist, aber immer pragmatisch, nie melodramatisch, also echt und zeitgemäß, nicht »ausgedacht«.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Alles spielt unter Akademikern, einer in jenen Jahren prekär gewordenen Klasse. Es gibt drei Doktoren: Fabian, Dr. Jakob Fabian, Germanist, der Kästner vielleicht nicht so unähnlich ist, und sich jetzt als Werbetexter, »Propagandist« und Gelegenheitsjournalist durchschlägt.

Cornelia, Dr. Cornelia Battenberg, Juristin, was der nützlichere Beruf in einer Zeit ist, in der selbst die Liebe noch zum Vertragsverhältnis wird. Cornelia arbeitet in der Rechtsabteilung eines großen Filmstudios in Babelsberg, aber auch sie träumt von Höherem: Sie möchte Filmschauspielerin werden.

Dreiklang Und dann ist da noch Dr. Stephan Labude, Fabians bester Freund, der einen reichen Rechtsanwalt zum schlechten Vater hat und gerade seine germanistische Habilitation über Lessing beendet, ebenso eine Verlobung in Hamburg. Jetzt ist Labude, zwischen Weltschmerz und Utopie hin- und hergerissen, doppelt Aktivist: tagsüber kommunistisch, und nachts hedonistisch. Labudes Idealismus, Cornelias Pragmatik, und Fabians Ironie bilden den inneren Dreiklang dieser Geschichte.

Der Roman »Fabian« ist für die damalige Zeit ziemlich ungewöhnlich. Für den Film bildet er trotzdem nur das Material zu etwas ganz Eigenem. Denn dies ist keine typische Literaturverfilmung. Vielmehr ein überraschend zärtlicher und intimer, aber auch immer wieder stiller Film. Die Ausstattung ist großartig, aber es wird nie mit ihr geprotzt. Es fehlen alle Klischees, die man seit »Cabaret« normalerweise mit »Weimar« und der »Prä-Nazizeit« verbindet.

Stattdessen ist »Fabian« ein Film, der ganz um seine zwei bis drei Hauptfiguren herum zentriert ist. Um einen jungen Mann, der optimistisch und positiv denkt, aber in diesem Optimismus zugleich verzweifelt. Die Verhältnisse sind unglücklich, und werden noch unglücklicher, als Fabian arbeitslos wird. Zugleich sind sie glücklich, denn Fabian verliebt sich in Cornelia und diesmal meint er es ernst.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Facetten Vieles wird von den Darstellern getragen. So zentral Meret Becker als Anwaltsgattin Frau Moll und Albrecht Schuch als Labude in bestimmten Momenten für den Film auch werden, so sehr ist dies doch der Film von Tom Schilling als Fabian und Saskia Rosendahl als Cornelia. Bis zum Schluss überraschen sie, zeigen fortwährend neue Facetten, neue Ausdrücke.

Ein wichtiges Thema sind die zahlreichen, oft sehr beiläufigen Bezüge auf das Kino der Weimarer Republik. Dazu gehört auch die Übertragung des bei Kästner immer präsenten Stils der Neuen Sachlichkeit auf den Film. Er kulminiert in der Figur des Flaneurs - Fabian ist ein solcher passiver Beobachter, dessen Existenz von Handlungshemmungen ebenso durchzogen ist wie von einer voyeuristischen Lust am Hinschauen.

Melancholie und Hedonismus, das Glück des Tages und grundsätzliche Verzweiflung vermischen sich hier zu einem bezaubernd-bittersüßen Porträt einer vergangenen Epoche, die der Gegenwart im Guten wie im Schlechten ziemlich ähnlich sieht. Vielleicht ist es die größte Kunst des Filmemachers Dominik Graf, Vergangenheit so greifbar zu machen, als wäre sie gegenwärtig.

»Fabian oder der Gang vor die Hunde«, 7. April, 20.15 - 23.10 Uhr, Arte (TV-Erstausstrahlung)

Exklusiv-Interview

»Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«

Der Historiker und Bestsellerautor Götz Aly über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots

von Michael Thaidigsmann  04.09.2026

Berlin

»Die Zukunft interessiert mich nicht mehr so furchtbar dolle«

Ein Chor von über 90-jährigen Menschen probt erstmals im Jüdischen Museum

von Nina Schmedding  04.09.2026

Kino

»Zur Not machen wir es in einem Badezimmer«

Zum elften Mal findet in Berlin das israelische Filmfestival »Seret« statt. Trotz schwieriger Zeiten denken die Veranstalter nicht daran aufzugeben

von Leon Stork  04.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Musik

»Ein Tribut an David Bowie«

Daniel Donskoy über das gefeierte neue Musical »Rebel Rebel« und das Erbe des legendären britischen Sängers

von Ralf Balke  04.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  04.09.2026

Junge Israelis, die von Beta Israel, äthiopischen Juden, abstammen

Hamburg

2,5 Millionen Euro für Erforschung religiöser jüdischer Handschriften

Sophia Dege-Müller, Expertin für äthiopische Handschriften, erforscht religiöse Handschriften der äthiopischen Juden, der sogenannten Beta Israel. Ihre bis zu 500 Jahre alten Schriften seien bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden

 03.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Debatte

Öffentlich-Rechtliche Medien: Macht euren Job, aber macht ihn besser!

Ein Appell von Esther Schapira

von Esther Schapira  03.09.2026