Finale

Benis Welt

Ich mache gerade Ferien in den Schweizer Alpen. Dieses Jahr habe ich mich für ein kleines Dorf entschieden, das nicht im jüdischen Bergdörfer-Kanon steht. Es gibt ja Orte in den Alpen, die von Juden regelrecht überrannt werden. Dieser nicht. Hier gibt es einen kleinen Dorfladen, ein Hotel, eine wunderschöne Kirche, fünf alte Bauernhäuser und mich, den einzigen Sohn Israels.

Genau deshalb hatte ich mir diesen kleinen Weiler bewusst ausgesucht. In der Stadt vergeht kein Tag, ohne dass ich darauf aufmerksam gemacht werde, dass ich Jude bin. Im Bus quatschen mich Leute an: Sie wollen wissen, wie man zur koscheren Bäckerei kommt, was ich von Israels Politik halte und so weiter. Hier dagegen lässt man mir meine Ruhe. Im Frühstücksraum des Hotels trinke ich morgens genussvoll meinen Kaffee und murmele leise den Segensspruch. Ich gucke auf, niemand hat etwas gehört. Herrlich!

tischgebet Zu Mittag werde ich etwas mutiger und wasche meine Hände, bevor ich das Brot anschneide. Ich schütte etwas Salz auf den Tisch und sage halblaut »Baruch ata« et cetera. Noch immer schaut niemand zu mir herüber. Schön! Ich lehne mich zurück und danke Gott für diesen Seelenfrieden. Ein wenig wundere ich mich aber auch. Die Menschen um mich herum sind keine Städter, das höre ich an ihrem seltsamen Akzent. Wahrscheinlich haben sie noch nie einen Juden gesehen. Warum ignorieren sie mich?

Nuschelnd singe ich das Tischgebet. Bei der Stelle »Und segne dieses Haus« klopfe ich dreimal auf den Tisch. Niemand wendet sich vom Gespräch ab. Ich rufe die Kellnerin zu mir. »Die Suppe war kolossal gut! An den Sabbat-Tagen esse ich auch immer solche Suppen.« »Oh, danke, merci.« Ich hake nach: »An Schabbes esse ich immer Suppen.« »Oh, sehr schön.« Jetzt bin ich doch ein bisschen irritiert. Bin ich als Jude denn so uninteressant?

ignoriert Also beschließe ich, am nächsten Tag stärkere Geschütze aufzufahren. Die Zizit verstecke ich nicht mehr in der Unterhose, sondern trage sie selbstbewusst außen. Die Yankee-Basecap tausche ich gegen eine Kippa, und beim Essen legte ich ein jüdisches Buch mit großen hebräischen Lettern auf dem Titel auf den Tisch. Aber immer noch nimmt niemand mich wahr.

Allmählich fange ich an, mich zu ärgern. Einen Hotelgast in Ruhe zu lassen, ist eine Sache, aber einer über 3.000 Jahre alten Religion die kalte Schulter zu zeigen, ist etwas anderes. Es zeugt von Ignoranz, ja Arroganz. Ich bin ein stolzer Jude. Ich will angeschaut werden! Man soll am Nebentisch über mich tuscheln. Was ist das nur für ein primitives Kaff hier. Nächstes Jahr fahre ich wieder nach Davos, ins Alpen-Jerusalem.

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026