Kino

Bei aller Liebe

Süddeutschland im April 1945. Die 15-jährige Lore stammt aus einem strammen Nazihaushalt. Ihr Vater ist Arzt bei der SS und ein Kriegsverbrecher, der vor den Alliierten fliehen muss. Auch die Mutter wird nach der Niederlage Nazideutschlands verhaftet. Lores vermeintlich heile Welt bricht zusammen. Vom Süden aus versucht sie, mit ihren jüngeren Brüdern durch das völlig zerstörte Deutschland nach Hamburg zu kommen, wo die Großmutter lebt. Das bisher privilegierte Mädchen, völlig der Naziideologie verhaftet, trifft dabei auf Flüchtlinge, Diebe, Schwarzmarkthändler und Vergewaltiger. Hunger, Zerstörung und Gewalt sind die Reisebegleiter der Kinder.

Ausgerechnet ein junger jüdischer KZ-Überlebender hilft Lore und ihren Brüdern aus der Gefahr. Dabei ist dieser Thomas weder ein edler Helfer noch eine reine Opferfigur, sondern einer, der seinen Überlebenswillen gnadenlos durchsetzt. Bei der 15-Jährigen erwacht durch die Begegnung ihre Sexualität. Widerstreitende Impulse bringen sie in einen inneren Konflikt zwischen der Sehnsucht nach einem männlichen Beschützer, aufkeimender Lust auf einen Mann und dem Hass auf die Juden, den ihr das Dritte Reich und die Eltern ideologisch eingeimpft haben.

kollaps Lore nach Rachel Seifferts Booker-Preis-nominierter Novelle Die dunkle Kammer ist der bisher vielleicht beste deutschsprachige Film des Jahres, inszeniert von der Australierin Cate Shortland, die bereits mit ihrem Debütfilm Somersault 2004 ihre große Sensibilität für junge Frauen- und Mädchenfiguren bewiesen hat. Vielleicht brauchte es den Blick von außen, wie hier von einer australischen Filmemacherin, um ein anderes als das übliche Bild vom Zusammenbruch des Hitlerreiches und seinen verheerenden Folgen im Alltag zu zeigen.

In diesem kaputten Deutschland gibt es keine heldenhaften Widersacher gegen das Regime. Wir erleben stattdessen einen völligen Zusammenbruch aller moralischen Werte und gleichzeitig ein stures Beharren der Deutschen auf den verinnerlichten Lügen. Auch nach dem Sieg der Alliierten ist der Nationalsozialismus in den Köpfen immer noch präsent. Was das gerade bei Kindern und Heranwachsenden bewirkt, wie schmerzvoll es ist, sich neuen Gedanken zu öffnen, das zeigt dieser optisch ebenfalls herausragende Film auf beklemmende Weise.

Ganz stark in der Hauptrolle ist die aus Halle/Saale stammende Saskia Rosendahl, die diesen Film fast alleine trägt und von der man gewiss noch einiges sehen wird. Völlig zu Recht erhielt Lore beim diesjährigen Filmfestival in Locarno den Publikumspreis und beim Filmfest Hamburg den Preis der Hamburger Filmkritik. Die deutsch-australische Koproduktion wird im kommenden Jahr auch Australien beim Oscar-Wettbewerb um den besten nichtamerikanischen Film vertreten.

autobiografisch Um das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen nach der Schoa geht es auch in einem zweiten Film, der diese Woche in die Kinos kommt, Jeanine Meerapfels Der deutsche Freund. Meerapfel, Jahrgang 1943, wuchs in einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie in Argentinien auf, bevor sie in den 60er-Jahren in die Bundesrepublik kam und Film und Journalismus studierte. In ihrem autobiografisch gefärbten Spielfilm geht es um das Zusammenleben von deutschen Nazis und jüdischen Flüchtlingen im Buenos Aires der 50er-Jahre, die in der argentinischen Hauptstadt pikanterweise oft in den gleichen Wohnvierteln lebten.

So auch die 13-jährige Sulamit und der gleichaltrige Friedrich, die sich gegen den Willen ihrer Eltern anfreunden. Das Mädchen ist der Liebling des Vaters und rebelliert nach seinem Tod auch gegen ihr jüdisches Erbe. Sie fühlt sich vor allem als Argentinierin und will deshalb nicht verstehen, warum ihre Familie Friedrich immer nur auf den »deutschen Freund« reduziert. Als junge Frau engagiert sich Sulamit dann politisch gegen die Rechte und sieht sich antisemitischen Übergriffen ausgesetzt.

Friedrich bricht derweil mit seinem Elternhaus, als er herausfindet, dass sein Vater ein SS-Obersturmbannführer und Kriegsverbrecher war. Er geht nach Deutschland, um sich selbst zu finden. Kurze Zeit später folgt ihm auch Sulamit, findet jedoch einen völlig veränderten jungen Mann vor, der sich nur noch für den politischen Kampf interessiert und die private Liebesbeziehung zurückstellt. Friedrich kehrt nach Argentinien zurück und verschwindet dort in den Gefängnissen der Militärjunta.

hastig Jeanine Meerapfel versucht sich an großem Polit- und Gefühlskino und so wichtigen Fragen wie jüdischem Selbstverständnis, deutschem Selbsthass und dem Konflikt der Generationen 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch trotz der sympathischen Hauptdarsteller, des 1984 noch in Ostberlin geborenen Max Riemelt und der gleichaltrigen Argentinierin Celeste Cid, wirkt der Film erschreckend blutleer. Das Emotionale bleibt nur Behauptung. Vor allem die zentrale Liebesgeschichte funktioniert nur gegen Ende des Films.

Jeanine Meerapfel gelingt es in ihren Bildern und mit einer vorzüglichen Ausstattung zwar, Zeitkolorit einzufangen. Sie hakt jedoch die politischen und privaten Eckpunkte ihrer Geschichte zu hastig ab, um wirklich in die Tiefe zu gehen. So bleibt die Inszenierung ungeschickt und steif, was durch die unvorteilhafte deutsche Synchronfassung noch verstärkt wird. Gerade die Zweisprachigkeit, der Unterschied zwischen dem Deutschen und Spanischen, ist ein dramaturgisches Plus, das die deutsch durchsynchronisierte Fassung verschenkt.

In einem Schlüsselsatz sagt Friedrich einmal zu Sulamit: »Ich liebe dich, weil du Jüdin bist.« Die junge Frau rennt wutentbrannt davon. In solchen Szenen blitzt kurz auf, was dieser ambitionierte Film auch hätte werden können: eine spannendere Auseinandersetzung mit den Fragen nach jüdischer und deutscher Identität.

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