Joseph Roth

Begabt für Spott und Mitgefühl

»Böse, besoffen, aber gescheit«: Joseph Roth (1894–1939) Foto: dpa

Joseph Roth

Begabt für Spott und Mitgefühl

Heute vor 125 Jahren wurde der Schriftsteller und Starjournalist geboren. Eine Erinnerung

von Nina Schmedding  02.09.2019 10:38 Uhr

»Böse, besoffen, aber gescheit« – mit diesen Worten untertitelte Joseph Roth kurz vor seinem Tod 1939 in Paris eine Porträtskizze seiner selbst. Er war eher klein und schmal gebaut, mit Schnurrbart und graublauen Augen, dabei stets ein wenig dandyhaft gekleidet, wie es Zeitgenossen beschreiben. Vor 125 Jahren, am 2. September 1894, wurde der Schriftsteller im galizischen Brody in der heutigen Ukraine geboren. Er war ein großer Erzähler, der seinesgleichen sucht.

Roth kam 1894 als Sohn des jüdischen Getreideeinkäufers und Holzhändlers Nachum Roth und dessen Frau Maria zur Welt. Der kleine Moses Joseph wächst ohne Vater auf: Noch vor der Geburt seines Sohnes kehrt dieser von einer Geschäftsreise nicht zurück. Roth wird als Einzelkind von seiner Mutter und seinem Großvater aufgezogen.

HEBRÄISCH Dieser lebt nach den Vorschriften des orthodoxen Judentums. Entsprechend lernt Joseph Hebräisch. Man feiert Schabbes und geht an hohen Feiertagen in die Synagoge. Nach dem mit Auszeichnung bestandenen Abitur geht der begabte junge Mann zum Studium der Literaturwissenschaften nach Lemberg, dann bald nach Wien.

Das leidende Herz war die Domäne des Starjournalisten, Romanciers von Weltruhm und unbändigen Trinkers.

1916 zieht er freiwillig als Soldat in den Ersten Weltkrieg. »In einer einzigen Minute, die uns vom Tode trennte, brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der Wissenschaft, der Literatur, der Kunst: mit dem ganzen Kulturbewusstsein. In einer einzigen Minute wussten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. Wir sind die auferstandenen Toten. Wir kommen, mit der ganzen Wahrheit des Jenseits beladen, wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen«, schreibt Roth über seine Kriegserlebnisse.

Er bricht das Studium ab und wird Journalist, ab 1920 in Berlin, wo er Mitglied der Berliner Redaktion der »Frankfurter Zeitung« wird und in der Weimarer Republik seiner glänzenden Feuilletons wegen bald als Starjournalist gilt. Roth spottet gerne, trifft in seinen Texten aber gleichermaßen auch einen mitfühlenden Ton. Er beginnt, Bücher zu schreiben - auch dies mit großem Erfolg.

Roth war ein Suchender, den es rastlos in die Welt trieb, ein Bohemien, der jahrzehntelang ohne festen Wohnsitz war.

BIBLISCH »Das leidende und erliegende Herz ist seine Domäne. Er kann wahrhaftig erzählen, einfach und mit welcher Natürlichkeit!«, urteilt Schriftsteller Alfred Döblin über seinen Kollegen. Roths erfolgreichster Roman »Hiob«, den er 1930 veröffentlichte, handelt von dem Juden Mendel Singer, der - gleich dem biblischen Hiob - schwere Schicksalsschläge erleidet, durch die seine Frömmigkeit erschüttert und sein Glaube auf eine harte Probe gestellt werden. Nach einem langen Weg auf der Suche nach Gott wird er schließlich durch ein Wunder geläutert.

Auch Roth selbst ist ein Suchender, den es rastlos in die Welt treibt, ein Bohemien, der jahrzehntelang ohne festen Wohnsitz ist. Er lebt in Hotels, Bars und Cafes; seine Artikel und Romane schreibt er am Kaffeehaustisch oder im Hotelzimmer. »Ich habe noch nie die Fähigkeit gehabt, Möbel und dergleichen zu verstehen«, so Roth. »Ich scheiße auf Möbel. Ich hasse Häuser.« Obwohl er gut verdient, ist er ständig in Geldnot, trinkt zu viel Alkohol, über Jahre hinweg. Er bleibt, wie er es 1927 in einem Essay schreibt, einer der vielen »Juden auf Wanderschaft«.

Mit Beginn des Dritten Reichs geht Roth 1933 nach Paris in die Emigration, seine Verlage sind jetzt in Amsterdam. Er wird zu einem der wortmächtigsten publizistischen Gegner der Nationalsozialisten.

Mit 44 Jahren starb er alkoholkrank und verarmt in der Emigration in Paris.

MODERNE In Frankreich wendet Roth sich dem Katholizismus zu, der eine große Anziehungskraft auf ihn ausübt. »Seine katholischen Bekenntnisse bleiben - wie so vieles in diesem Leben - augenzwinkernde Koketterien«, wie sein Biograf Wilhelm von Sternburg schreibt. »Seinen Gott aber hat er nie vergessen, und dass die Menschen nicht mehr gläubig sind, ist für ihn das bedrohlichste Zeichen an der Wand der Moderne.«

Als »größte Tragödie seines Lebens« bezeichnet von Sternburg das Schicksal von Roths Frau Friederike. Sie leidet an Schizophrenie, lebt ab 1929 in psychiatrischen Pflegeanstalten. 1940 wird sie von den Nazis ermordet - im Zuge des Euthanasieprogramms.

Ihr Ende hat Joseph Roth nicht mehr erlebt. Er starb, schwer krank durch seine Alkoholsucht, am 27. Mai 1939 im Armenhospital in Paris.

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