Diskussion

»BDS verengt Räume«

Stella Leder bei einer Diskussion Foto: Michael Faust

An diesem Abend sollte eigentlich nicht die zigste Veranstaltung stattfinden, die die Geschehnisse während der documenta 15 analysiert. Vielmehr sollte die Diskussionsrunde, zu der die Frankfurter Jüdische Gemeinde am Mittwoch vergangener Woche eingeladen hatte, einen Blick nach vorne wagen.

Wie geht man mit der Debatte um, die durch die jüngste documenta ausgelöst wurde? Eingeladen waren Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn (Grüne), die Autorin und Dramaturgin Stella Leder sowie die Kunsthistorikerin Julia Voss. Moderiert wurde die Runde von Claudius Seidl von der FAZ.

BILDSPRACHE Angela Dorn betonte zu Beginn, dass ihr vor allem ihre Verantwortung und die des Landes Hessen als Mitträger der documenta bewusst sei. Sie bedauere das verlorene Vertrauen in den jüdischen Gemeinden: »Dass antisemitische Bildsprache auf der documenta gezeigt wurde, war eine nicht entschuldbare Grenzüberschreitung«. Fataler noch war jedoch das Versagen, dem Antisemitismus Einhalt zu gebieten.

Stella Leder stellte in diesem Kontext Fragen, die im Publikum auf Beifall stießen. Sie sagte, der Bericht der Expertenkommission, die nach der documenta einberufen wurde, gebe nur Antworten auf Interventionsmöglichkeiten für den Fall, dass sich eine documenta 15 wiederholen würde. Ihr fehle es an Vorschlägen für Prävention. Anscheinend mangele es vielen Beteiligten an Sensibilität, um Antisemitismus zu erkennen.

Die Besetzung einer Jury, die über die künstlerische Gestaltung einer so wichtigen Ausstellungsreihe bestimmt, sollte hierfür neu gedacht werden. Es komme auf die Rolle der Politik an, einen Strukturwandel in die Wege zu leiten. Auch in anderen Gremien im Kulturbetrieb fehlten antisemitismuskritische Menschen, so Stella Leder.

Die Besetzung einer Jury, die über die künstlerische Gestaltung einer so wichtigen Ausstellungsreihe bestimmt, sollte hierfür neu gedacht werden.

Julia Voss fügte hinzu, es brauche Stimmen, die nicht polarisierten, sondern differenzierten. Die Kunsthistorikerin beschrieb »ein großes Missverständnis«, nämlich »der Glaube, dass die documenta nur eine Ausstellung ist«. Doch im Gegenteil sei sie auch eine »Medienplattform« für Künstler.

MEDIENKONZEPT Somit fordere sie nicht nur ein kuratorisches Konzept, sondern auch ein Medienkonzept. Ein solches habe gefehlt, als das Kuratorenteam ruangrupa bei der documenta 15 mehr durch Schweigen als durch Aussagen auffiel.

Dass Antisemitismus in der Struktur der documenta schon seit ihrem Beginn verwurzelt ist, legte Voss auch anhand der Gründungsgeschichte der Ausstellung dar. So seien auf der documenta 1 (1955) bei der angestrebten Rehabilitierung der modernen Kunst, die im Nationalsozialismus als »entartet« diffamiert wurde, so gut wie keine jüdischen Künstler ausgestellt worden. Und das, obwohl die nationalsozialistische Propagandaaktion »Entartete Kunst« gezielt antisemitisch war.

Ein Thema, das nicht umgangen werden konnte, war die Israel-Boykottbewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions). »BDS verengt Räume«, stellte Stella Leder fest. Denn der ungeklärte Umgang mit der Bewegung beeinflusse die Atmosphäre in der Kunst- und Kulturwelt und mache es für kritische Stimmen immer schwerer, Unterstützung in Kulturinstitutionen zu finden. Daraus resultiere, dass immer mehr BDS-kritische Künstler und Künstlerinnen verstummten.

PRIVILEGIEN Eine wichtige Frage war die nach dem Umgang mit einer Kunst, die alle Privilegien der Kunstfreiheit beansprucht, aber Grenzen überschreitet und Antisemitismus propagiert. Dass das Publikum mit Angela Dorns Argumentation bezüglich des Eingreifens der Politik in die Kunst nicht zufrieden war, zeigte sich an dem Abend deutlich. Die hessische Ministerin und Grünen-Politikerin sagte, Kunstfreiheit bleibe so lange unantastbar, bis strafrechtliche Grenzen überschritten würden. Bis dahin gebe es wenig Handlungsspielraum.

Dagegen wandte Michel Friedman aus dem Publikum ein, dass allein das Eingreifen in die Geschäftsführung der documenta eine Möglichkeit gewesen wäre – und dass es ein gesellschaftliches Armutszeugnis sei, wenn das Strafrecht die einzige Instanz sein sollte. Er appellierte an die im Grundgesetz verankerte Wahrung der Menschenwürde.

Julia Voss resümierte zum Ende der Veranstaltung, sie hoffe, dass, »wenn Kunstfreiheit und Menschenwürde kollidieren, wir uns immer für die Menschenwürde einsetzen«.

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  07.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  06.08.2026

London

Schwinden die Chancen auf einen jüdischen James Bond?

Seit Jahren wird darüber spekuliert, wer der neue 007 wird. Wenn es nach Produzentin Amy Pascal geht, fällt die Entscheidung bald. Stehen die Chancen für Aaron Taylor-Johnson weiterhin gut?

 06.08.2026

Kulturkolumne

Es gibt keine blöden Fragen

Die schmerzhafte Erinnerung an eine Gerechte

von Laura Cazés  06.08.2026

Theater

Abschied vom Ich

Jossi Wieler bringt Peter Handkes Stück »Schnee von gestern, Schnee von morgen« bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung

von Nicole Golombek  06.08.2026

Zahl der Woche

4 Etagen

Fun Facts und Wissenswertes

 05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Potsdam

Forschung zu NS-Geschichte von Naturwissenschaften

International bekannte Forschungsinstitute haben ihren Sitz auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Ihre Vorgeschichte insbesondere in der NS-Zeit wird nun Thema eines Wissenschaftsprojekts

 04.08.2026