Kino

Bauern, Spione, Schoa-Forscher

Szene aus »1945«, dem Film des ungarischen Regisseurs Ferenc Török Foto: JFBB

Der Spielfilm 1945 des ungarischen Regisseurs Ferenc Török ist mit dem Gershon-Klein-Preis des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg ausgezeichnet worden. »Török gelingt es, die Nachwirkungen des Holocaust in einem kleinen ungarischen Dorf in all ihrer bitteren Mischung aus Trauer und Schuld einzufangen«, heißt es in der Begründung der Jury.

»In ergreifenden Schwarz-Weiß-Bildern alter Westernfilme zeigt der Film nicht die genreüblichen Duelle, sondern die stumme Konfrontation zwischen den Straftätern und Mitläufern auf der einen und den Überlebenden und Verwandten der Opfer auf der anderen Seite«, so die Jury weiter.

verdrängung Der Film erzählt die Geschichte von zwei orthodoxen Juden, deren Hochzeitsvorbereitungen im August 1945 in einem ungarischen Dorf die Einwohner des Ortes aufschrecken. Denn viele waren verstrickt in die Verbrechen der letzten Jahre, durch Verrat, Schweigen und eiskalten Diebstahl. Was verdrängt und fast vergessen schien, kommt mit Macht an die Oberfläche. Ein hochspannendes Drama um Schuld und Sühne.

In der Kategorie »Beste Regie Dokumentarfilm« wurde das Werk Auf Ediths Spuren – Tracking Edith des österreichisch-amerikanischen Regisseurs Peter Stephan Jungk geehrt. Das Porträt, das Jungk von seiner Großtante Edith Tudor-Hart zeichnet, könne in seiner emotionalen Kraft niemanden unberührt lassen, urteilte die Jury, die aus den Filmjournalisten Avner Shavit, Barbara Schweizerhof und Anna Wollner besteht.

Für die Dokumentation machte sich Peter Stephan Jungk auf die Spurensuche nach seiner Großtante Edith Tudor-Hart, deren fotografisches Werk und Arbeit als Spionin für den KGB bis heute kaum bekannt sind. Was trieb sie an, voller Eifer für eine von den Machthabern missbrauchte Ideologie zu kämpfen? Jungk recherchierte in Archiven, traf Wegbegleiter und analysierte ihre Bilder aus dem Alltag von Arbeitern. Akribisch zeichnet er ihren Weg nach, von der Kindheit in Wien und ihrer Affäre mit dem Sowjetspion Arnold Deutscher über ihrem späteren Job als Fotografin für die Nachrichtenagentur TASS bis zu Botendiensten für die Kommunistische Internationale.

ehrenpreis Bereits bei der Eröffnungsgala des Jüdischen Filmfestivals am 2. Juli wurde Chris Kraus’ Film Die Blumen von gestern in der Kategorie »Besondere Empfehlung eines Deutschen Films mit jüdischer Thematik« ausgezeichnet. Die Juroren Adriana Altaras und Birge Schade urteilten über die Tragikomödie: »Ja, es gibt ihn, den guten deutschen Film mit jüdischem Thema! In ›Die Blumen‹ von gestern geht es emotional, existenziell und urkomisch zu. Dabei wird nie aus den Augen verloren, in welchem Dilemma die zweite und dritte Generation nach der Schoa steckt.«

Der Gershon-Klein-Preis ist insgesamt mit 7000 Euro dotiert und wird im Rahmen des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg vergeben. Gestiftet wird die Ehrung von der jüdischen Familie Klein aus Berlin. Benannt ist sie nach dem 1999 verstorbenen Berliner Gerhard Klein, der als Kinderdarsteller selbst vor der Kamera gestanden hatte (Emil und die Detektive), als Jude 1939 nach Palästina flüchten musste und nach 1945 das Filmkunstkino »Capitol Dahlem« in Zehlendorf gegründet hatte.

Das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg wurde 1994 gegründet und ist seit mehr als zwei Jahrzehnten das größte Forum für jüdischen und israelischen Film in Deutschland. Die diesjährige Ausgabe stand unter dem Motto »Nicht ganz koscher« und ging am Dienstag zu Ende. Insgesamt waren mehr als 40 Filme aus Israel, Ungarn, Frankreich und anderen Ländern zu sehen. ppe/ja

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026

Presse

Stimme des Neubeginns

Anfang 1946 kehrten Karl und Lilli Marx aus dem britischen Exil nach Deutschland zurück und übernahmen in Düsseldorf die Herausgeberschaft eines jüdischen Gemeindeblattes. Im Laufe der Jahre ging daraus die Jüdische Allgemeine hervor. Porträt eines Vermittlerpaares

von Ralf Balke  07.05.2026

Zeitungsproduktion

Mit Papier, Schere und Klebestift

Texte kamen per Fax, Manuskripte per Post. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich, wie früher die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung gemacht wurde

von Heide Sobotka  07.05.2026

Essay

Herzenstexte auf gedrucktem Papier

Unsere Autorin begann beim Fernsehen, war lange Zeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt heute für die Jüdische Allgemeine. Eine Liebeserklärung

von Maria Ossowski  07.05.2026

Lübeck

Thomas-Mann-Preis geht an David Grossman

Der israelische Autor wird für seine Romane und Essays geehrt – und für seinen Mut, in schwierigen Zeiten Verständigung zu suchen

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Bettina Piper  06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026