Biografie

Bankier des Terrors

Er ist 17 Jahre alt, da darf er, im Herbst 1932, persönlich Adolf Hitler die Hand schütteln. 60 Jahre später sitzt er in Venezuela plaudernd in der Küche von Magdalena Kopp, der Ehefrau des in Frankreich inhaftierten Terroristen Carlos, und sagt zu ihr: »Ich rauche nicht, ich trinke nicht und ich esse kein Fleisch –- wie mein Chef.« Und, wie um zu bezeugen, wer dieser »Chef« ist, hebt er den Arm zum Hitlergruß. Kurz darauf, im Jahr 1996, tötet sich François Genoud, eine der dubiosesten Figuren der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Willi Winkler hat nun ein Buch über ihn geschrieben, das Der Schattenmann heißt.

Ein treffender Titel: Denn Winklers gerade erschienenes Buch ist nicht das erste über Genoud, doch auch nach dieser Lektüre bleibt vieles im Schatten, unkonkret, verschwommen. Was genau der Schweizer Geschäftsmann unter den Augen verschiedenster Geheimdienste getan und nicht getan hat – das wenigste davon ist verifizierbar, aber klar ist: Dieser Genoud ist faszinierend, und es könnte sicher noch einmal ein dickes Buch über ihn geschrieben werden, wenn der eine oder andere Nachrichtendienst seine Archive öffnen würde.

arabien-connection François Genoud ist längst überzeugter Nationalsozialist, vielleicht sogar schon geheimdienstlicher Mitarbeiter des Dritten Reichs, als er 1936 zusammen mit einem Freund und Gesinnungsgenossen eine Reise in den Mittleren Osten unternimmt. Sie reisen via Mossul, Teheran und Kabul bis Indien. Auf dem Rückweg werden sie in Bagdad Zeugen eines Militärputsches im Rahmen des Arabischen Aufstands und wähnen sich plötzlich mitten in dem von ihrem heiß geliebten Führer daheim verkündeten Kampf gegen das »internationale Judentum«. Sich selbst und Nazideutschland verstehen Genoud und sein Reisegefährte als Teil der antikolonialen Freiheitsbewegung.

In Jerusalem treffen sie den berüchtigten Amin al-Husseini, den Mufti von Jerusalem, der eng mit den deutschen Nationalsozialisten zusammenarbeitet. Er wird ebenfalls zu Genouds Idol – und Auftraggeber: Der Schweizer wickelt Geldangelegenheiten für den Mufti ab. Später beteiligt er sich am algerischen Befreiungskampf, gründet eine Bank in der Schweiz und verwaltet dort Gelder der Nationalen Befreiungsfront FLN. Der frisch gebackene Bankier lernt den Anwalt und späteren Pol-Pot-Freund Jaques Vergès kennen, der zunächst die FLN-Kämpferin Djamila Bouhired und palästinensische Terroristen verteidigt, später auch Slobodan Miloševic und, auf Vermittlung Genouds, den NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie und den Terroristen Iljitsch Ramírez Sánchez, genannt Carlos. Auch mit Carlos pflegt Genoud eine enge Freundschaft.

goebbels-erbe Ein wichtiger Teil des Wirkens Genouds nach 1945 besteht im Kampf um die Urheberrechte alter NS-Größen. Hitler, Martin Bormann, Joseph Goebbels – Genoud bemüht sich, mal erfolgreich, mal nicht, um das Copyright an seinen alten Helden. Im Fall Goebbels gelingt es ihm, weitgehende Rechte am literarischen Nachlass zu erlangen. Als die Tagebücher von Hitlers Propagandaminister 1977 bei Hoffmann und Campe erscheinen, verdient Genoud nicht schlecht daran.

Mit dem Geld, das er unter anderem durch Geschäfte mit NS-Nachlässen verdient, hilft er wiederum alten Kameraden: Genoud finanziert die Verteidigung Adolf Eichmanns und Klaus Barbies. Er unterstützt aber auch Wadi Haddad und George Habash von der marxistisch-leninistisch orientierten Volksbefreiungsfront für Pa-lästina (PFLP), die wiederum mit der deutschen RAF zusammenarbeitet. Genoud ist sogar direkt in Erpressungen der PFLP gegen Airlines involviert, wie 1972 bei der Entführung der Lufthansa-Maschine »Baden-Württemberg«, bei der er die Lösegeldforderung überbringt.

Gute Kontakte hat Genoud aber auch zur anderen Seite, den bundesdeutschen Polizeibehörden. 1943 verschaffte er seinem Freund, dem SS-Untersturmführer Paul Dickopf die Legende, er sei vor den Nazis in die Eidgenossenschaft geflohen. Tatsächlich war Dickopf dort wohl als deutscher Agent für die Devisenbeschaffung tätig. Nach dem Krieg war der SS-Mann dann führend am Aufbau des Bundeskriminalamts beteiligt und wurde 1965 dessen Präsident. 1968 wählte man Dickopf zum Chef von Interpol. Das verdankte er seinem Freund Genoud, der ihm die benötigte Stimme des algerischen Polizeichefs besorgt hatte.

kontinuitäten Winkler zeichnet nicht nur NS-Kontinuitäten im Nachkriegsdeutschland nach, sondern zeigt auch, wie ein überzeugter Altnazi zum Unterstützer arabischer und linker Terroristen werden konnte, ohne sich selbst dabei groß zu verändern. Denn Genouds Geschichte ist auch die von der ideologischen und historischen Klammer, die zwischen Antikolonialismus, Antiimperialismus, Antizionismus und Antisemitismus bis heute besteht und die in der Post-9 /11-Zeit auch die Waffenbrüderschaft zwischen dem iranischen Staatschef Mahmud Ahmadinedschad und dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez erklärt. Chavez ist übrigens – nebenbei bemerkt – auch ein Brieffreund von Carlos.

Willi Winkler gesteht gleich zu Beginn des Buchs, in der Einleitung, ein, das umfangreiche Material nicht wirklich in den Griff bekommen zu haben: »Für eine gute Geschichte hat die folgende einfach zu viele Namen.« Dabei kann es für eine gute Geschichte doch kaum besseren Stoff geben! Aber auch, wenn es keine »gute Geschichte« geworden ist, interessant, teils unfassbar spannend ist sie allemal. Es ist eine Geschichte, die erzählt werden musste, auch um Deutschland besser zu verstehen – und die nicht beruhigen kann. Schon allein deshalb ist dem Rowohlt Verlag zu dieser mutigen Publikation zu gratulieren.

Willi Winkler: »Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud«, Rowohlt, Reinbek 2011, 352 S., 19, 95 €

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