»Feuer und Zorn«

Balagan im Weißen Haus

Ist Trump eigentlich fremdenfeindlich? Rassistisch? Frauenfeindlich?«, wurde der Trump‐Biograf Michael Wolff kürzlich im Interview mit dem Fernsehsender MSNBC gefragt. Er nickte zögerlich, so, als wollte er sagen: Das sei doch alles offensichtlich, bei allem, was man bisher über ihn weiß. Doch der für kontroverse Biografien bekannte Starjournalist – 64, Glatze, runde Brille – wollte keine zu einfache Antwort geben, also murmelte er nur irgendwie »Ja« und fügte an, es komme auf die genauen Definitionen an.

»Ist Donald Trump ein Antisemit?«, fragte die Moderatorin als Nächstes, und da kam Wolff noch mehr ins Grübeln. Denn bloß »Nein« wollte er hier erst recht nicht antworten. Schließlich sagte Wolff: »Nun, ich glaube, dass Trump genau weiß, wer jüdisch ist und wer nicht – und zwar auf eine gruselige Art.«

»Jiddischkeit« Leider fehlt diese durchaus interessante These in seiner Trump‐Biografie Fire and Fury, die nun auch auf Deutsch unter dem Titel Feuer und Zorn erschienen ist, obgleich Wolff darin ein ganzes Kapitel der »Jiddischkeit« im Weißen Haus widmet. Trotzdem beschreibt er in dem Buch ziemlich präzise, welche verschiedenen jüdischen Typen Trumps Umfeld prägen.

Natürlich kann man Trump wohl kaum einen Antisemiten nennen, wenn man ihn an seinen Worten und Taten misst. Im Gegenteil: Er ist pro‐israelisch wie kaum ein anderer US‐Präsident, und zwar nicht nur im Wahlkampf. Als erster amtierender Präsident besuchte er die Kotel, was sein Vorgänger Obama nur als Präsidentschaftskandidat getan hatte; zu Jom Kippur und zum Schoa‐Gedenktag twitterte er zwar sehr schlichte Botschaften, aber sie hatten eine moralische Klarheit, die man sonst viel zu oft bei ihm vermisst; und seit der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels ist sein Name »auf immer in den Steinen der Heiligen Stadt eingraviert«, wie es die israelische Kulturministerin Miri Regev (Likud) ausdrückte.

Das heißt freilich noch lange nicht, dass man ihm zustimmen muss, wenn er behauptet: »Ich bin die am wenigsten antisemitische Person, die Sie je gesehen haben.« Diese Trump‐typische Anmaßung gab er im Februar 2017 bei einer Pressekonferenz zur Antwort, nachdem ihn ein jüdischer Journalist mit Kippa, Pejes und Zizit auf Antisemiten unter seiner rechtsextremen Anhängerschaft ansprach – von denen Trump sich nicht distanzierte.

ku‐klux‐klan Dennoch lässt sich kaum bestreiten, dass Trump – zumindest oberflächlich – Sympathie für jüdische Belange hat. Dies ist durchaus erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sein Vater recht offen antisemitisch war (1927 nahm er an einer Demo des Ku‐Klux‐Klan teil und wurde festgenommen). Fred Trump machte auch keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen jüdische Konkurrenten im New Yorker Immobilien‐Business, die wiederum auf ihn und seinen Sohn als stillose Emporkömmlinge herabschauten. Dass Donald Trumps Gebäude seinen eigenen Namen trugen, galt bei den etablierten jüdischen Bauherren Manhattans als vulgär ohnegleichen.

Dennoch hatte Trump viele jüdische Wegbegleiter, meist vom Typ »tatkräftige Juden«. Zwielichtige, halbkriminelle Gestalten wie der 1986 verstorbene Roy Cohn, der sich als Anwalt des Kommunistenjägers Joseph McCarthy einen Namen gemacht hatte. Er soll dem jungen Trump damals geholfen haben, Zugang zum Big Business in Manhattan zu erlangen, und gilt als sein »Mentor« in Sachen Politik, Medien und vor allem Skrupellosigkeit im Geschäft. Heute könnte man Casino‐Milliardär Sheldon Adelson aus Las Vegas zu den Tatkräftigen zählen. Er ist der reichste Jude der Welt – also genau die Sorte Mensch, die Trump mag. Adelson unterstützt Trump finanziell, wie auch den israelischen Premier Benjamin Netanjahu.

Doch Feuer und Zorn handelt weniger von Trumps Vergangenheit als vom Chaos und den Grabenkämpfen innerhalb des Mitarbeiterstabs des Präsidenten in den ersten Monaten seiner Amtszeit. Und da waren die Fronten laut Henry Kissinger klar definiert: Im Weißen Haus sei im Grunde ein »Krieg zwischen Juden und Nichtjuden« im Gange. Bei Kissinger holt sich die Hauptfigur des »jüdischen« Lagers im Trump‐Team, Berater und Schwiegersohn Jared Kushner, immer noch Rat.

Schabbat Kushner und seine Frau, Trumps Tochter Ivanka – durch Konversion das erste jüdische Mitglied einer First Family –, halten den Schabbat, entsprechen aber eigentlich dem Typus der modernen, jüdischen New Yorker Élite. Bevor das Schicksal ihnen die Chance bot, dank Familienbeziehungen beruflich nach ganz oben ins Weiße Haus zu wechseln, waren sie ursprünglich – wie in ihrem Milieu üblich – der Demokratischen Partei zugeneigt.

Im Weißen Haus hatten sie es nicht leicht: Denn Troublemaker Steve Bannon kämpfte gegen sie um Einfluss auf den Präsidenten. Bannon repräsentierte die rechte Wutbürger‐Fraktion der Wählerschaft, die Trump ins Amt gehievt hatte – und die ihrerseits ihren Juden hat: Redenschreiber Stephen Miller, der zusammen mit Bannon maßgeblich für die skandalöse Rede zu Trumps Amtseinführung verantwortlich ist. Dieser Haudrauf ist alles andere als der Typ »feinfühliger intellektueller Jude« – der übrigens in Trumps Umfeld gänzlich fehlt.

Bannon hasste Jared Kushner und Ivanka Trump, die er kollektiv nur »Jarvanka« oder abfällig »die Kinder« nannte. Und die holten weitere, ihnen wohlgesonnene Mitarbeiter in die Trump‐Administration, die den Präsidenten in Wirtschaftsfragen beraten sollten. Sie kamen von Goldman Sachs – für Antisemiten das Symbol schlechthin für das unfaire, globale »jüdische« Kapital. Zwar ist nur einer der neuen Berater tatsächlich jüdisch, der ehemalige Chef der Bank, Gary Cohn – das ändert aber nichts daran, dass ihre Standpunkte Bannons Vorstellung von Wirtschaftspolitik diametral entgegenstehen. Und überhaupt passte diese Mannschaftsaufstellung so gar nicht zu Donald Trumps abgehängten – gojischen und weißen – Wählern aus dem amerikanischen Hinterland, für die Bannon kämpft.

Angst Bannon hatte sich mit dem anderen Nichtjuden im Team, Trumps Stabschef Reince Priebus, verbündet. Beide traten öffentlich auf, um der republikanischen Wählerbasis ihre Einigkeit zu demonstrieren. Kushner schaute sich das im Fernsehen an, und die nackte Angst packte ihn: Sie sind hinter mir her! Sie wollen mich erledigen, schreibt Wolff in seiner Biografie über Kushners Gemütszustand in diesem Moment.

Und Kushner sei überzeugt gewesen: Bannon ist ein Antisemit.
Doch wie sollte er das seinem Schwiegervater, dem US‐Präsidenten, erklären? Trump würde das nicht verstehen. Schließlich attackierte Bannon Kushner mit allem, was sich ergab. Und einer seiner Hauptvorwürfe lautete, dass Kushner – der den endgültigen Friedensvertrag im Nahen Osten vermitteln soll – Israel nicht entschlossen genug verteidige.

Der Rest ist bekannt: Kushner durfte bleiben. Bannon musste das Weiße Haus verlassen. Als eine Art Rache diktierte Bannon Michael Wolff wesentliche Passagen in sein Buch und wurde dafür öffentlich hingerichtet. Nun wurde er als Zeuge vom Sonderermittler in der Russland‐Affäre befragt und sagte über 20 Stunden lang: nichts. Wer Feuer und Zorn gelesen hat, wird sich denken: Schade um den Unterhaltungswert.

Michael Wolff: »Feuer und Zorn: Im Weißen Haus von Donald Trump«. Rowohlt, Reinbek 2018, 480 S., 19,95 €

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