Wordle

Bagel, Golem und Mikwe

Vor ein paar Monaten begann ich – wie der Rest des »Meta-versums« – täglich farbige Gitter zu sehen, die von meinen Freunden auf Facebook gepostet wurden. Ich fragte mich: Was zum Teufel verpasse ich da?

Die Antwort war »Wordle«, das englischsprachige Worträtsel, das die Welt im Sturm erobert hat und das es in anderen Formen schon seit vielen Jahrzehnten gibt. Die Grundidee besteht darin, jeden Tag ein Wort mit fünf Buchstaben zu erraten, indem man seine eigenen Vermutungen einträgt (insgesamt bis zu sechs Versuche). Berichten zufolge hat das Spiel täglich zwei Millionen Teilnehmer.

Das einfache, aber unterhaltsame Spiel hat es inzwischen in zahlreiche andere Sprachen geschafft, darunter Hebräisch, Jiddisch, Deutsch und viele mehr. Es gibt sogar eine neue jüdische Trivial-Version namens »Jewdle«.

Jedes Spiel funktioniert auf die gleiche Weise: Es zeigt an, welche Buchstaben im Wort des Tages enthalten sind und ob sie an der richtigen oder falschen Stelle stehen. Unsinnige Wörter werden nicht akzeptiert, also muss man die Sprache wirklich beherrschen (meine Erfolgschancen in allen anderen Sprachen als Englisch oder Deutsch sind also gleich null)! Nach dem Ausschlussverfahren erscheint die Antwort mit einem lobenden Kommentar.

»Wordle« wurde vergangenen Monat an die New York Times verkauft.

Für eine alleinstehende Person in dieser Zeit der Isolation ist das ein willkommenes kleines Schulterklopfen. Ich freue mich jetzt schon jeden Morgen auf das tägliche Spiel in Englisch und das Äquivalent eines goldenen, silbernen oder anderen glänzenden Sterns auf meiner Stirn (den haben uns unsere Lehrer in der Grundschule auf Long Island, New York, immer als Belohnung gegeben). Es gibt zum Glück nur ein Spiel pro Tag, es bleibt also Zeit für andere Dinge im Leben …

Wordle, das der in Brooklyn ansässige Softwaredesigner Josh Wardle entwickelt hat, wurde vergangenen Monat für eine ungenannte siebenstellige Summe an die »New York Times« verkauft. Es ist unwahrscheinlich, dass eine der zahlreichen Abspaltungen ihren Schöpfern so viel einbringen wird, aber der Unterhaltungswert ist möglicherweise unschätzbar.

HEBRÄISCH Der Israeli Amir Livne Bar-On, Schöpfer des hebräischen Spin-offs »Meduyeket« (hebräisch für »genau«), sagt, der Erfolg habe ihn überrascht. Er erwartet aber nicht, dass er damit Geld verdienen wird. Bar-On, IT-Experte für öffentliche Verkehrssysteme, hatte das Spiel eigentlich für sich selbst entwickelt. Nachdem er es online gestellt hatte, war er überrascht, dass es bereits am ersten Tag – am 15. Januar – 2000 Nutzer hatte. Dazu kam der zusätzliche Bonus, von alten Freunden und sogar von Fremden zu hören, die sich über hebräische Linguistik unterhalten wollten.

»Die Leute nennen Wordle den Sauerteig der Omikron-Welle«, sagt Bar-On und bezieht sich dabei auf den berühmten Brotbackwahn, der mit den ersten Pandemie-Sperren einherging. »Es half den Menschen in der Quarantäne, die Routine zu durchbrechen.«

Bar-On hat den Pool der infrage kommenden hebräischen Wörter mit fünf Buchstaben auf 50.000 eingegrenzt – weit mehr als die angegebenen 12.000 im englischen Spiel. »Natürlich gibt es im Englischen viel mehr Wörter, aber sie sind einfach länger«, fügte er hinzu.

JIDDISCH Jamie Conway, der zusammen mit Masha Leyfer und Gabrielle Taylor an der jiddischen Version »Vertl« gearbeitet hat (sie ist auf der Website der amerikanisch-jüdischen Zeitung »Forward« verfügbar) sagte mir, er sei von der Popularität des Spiels nicht überrascht: »Dinge, die die Leute als jiddische Neuheiten betrachten, stoßen in der Regel auf Interesse«, so der in Maryland lebende Programmierer und Mathematiker in einer E-Mail.

»Aber ich bin überrascht über das anhaltende Interesse der Jiddischsprachigen. Seit dem Start hatte ich täglich über 1000 Zugriffe«, fügt Conway hinzu, der mit seiner Familie Jiddisch spricht. Die Macher von Vertl haben ihre Liste der jiddischen Wörter mit fünf Buchstaben auf 6000 reduziert, »damit wir keine zu obskuren Wörter dabeihaben«.

»Ich liebe die Tatsache, dass Wordle (und die meisten seiner Derivate) ein einmaliges Spiel ist«, sagt er. »Es nimmt nie zu viel Platz im Kopf ein.«

Mein Ego bekommt einen Schub, wenn ich meine Ergebnisse täglich auf Facebook teile.

Freunde haben darüber spekuliert, was das Worträtsel so fesselnd macht. Ich kann bestätigen, dass es ein angenehmes Gefühl der Befriedigung ist, die Antwort mit einem Minimum an Hinweisen zu erraten. Und ein Schub für mein Ego, wenn ich meine Ergebnisse auf Facebook teile.

Für Rabbinerin Marisa Elana James von der New Yorker Gemeinde Beit Simchat Torah war das englische Spiel »süß und lustig, was auch immer. Und dann schickten mir ein paar Freunde das jiddische Spiel.« James, die Jiddisch von ihrer Großmutter lernte und später sowohl Hebräisch als auch Deutsch intensiv studierte, sagte, sie sei angenehm überrascht gewesen, dass sie die jiddischen Wörter erraten konnte. »Es hat etwas sehr Süßes, Bestätigendes an sich«, sagte James, »es macht wirklich Spaß, dass ich nie an einem Jiddischkurs teilgenommen habe, bei dem ich Tests machen und beweisen musste, was ich wusste, und dann … Hey! Ich weiß genug«, um zu spielen.

»Es ist ein netter Zeitvertreib in öffentlichen Verkehrsmitteln«, räumte Rabbinerin Rebecca Lillian aus Kopenhagen ein. Aber »ein jüdisches Spiel ist – wie das jüdische Lernen – sowohl unterhaltsamer als auch sinnvoller, wenn man es ›in hevruta‹ mit einem oder mehreren anderen Menschen macht«. Lillian, die einen informellen Jiddischkurs für Anfänger unterrichtet, sagte, das Spiel erfordere einen großen Wortschatz und reiche daher »weit über das Verständnis meiner Schüler hinaus«.

»Ich habe die jiddische Version ausprobiert und fand es lustig, aber viel schwieriger für mich als Englisch«, erklärte Jonah Sampson Boyarin, ein in New York ansässiger Übersetzer von Englisch ins Jiddische und Mitentwickler des jiddischen Black-Lives-Matter-Lexikons. »Ich gehe davon aus, dass jedes Defizit mein eigenes ist«, gab er zu.

BAGEL Ein paar Tage später schlug seine Stimmung um: »I DID IT! Meine Liebe zu Bagels hat mich bis zur Ziellinie gebracht.« Boyarin hatte nämlich das Wort des Tages erraten: »Bagel«.

In Berlin berichtete die Hebräischlehrerin Miriam Rosengarten, dass sie selbst gerne die hebräische Version spielt, aber dass es für ihre Studenten an der jüdischen Volkshochschule, die sogar eine einfache israelische Zeitung auf Hebräisch lesen können, »sehr schwer« sei.

Unterdessen erzählte mir E. J. Cohen, ein »Wort-Nerd« aus New Hampshire, USA, sie habe die Version »Jewdle« ausprobiert, die Wörter mit sechs Buchstaben verwendet, nachdem ihr Rabbi sein eigenes Ergebnis online gestellt hatte. Cohen fragte sich: »Was in aller Welt ist Jewdle?«

Es ist ein Spiel, das von Alon Meltzer, dem Programmdirektor der in Österreich ansässigen Organisation Shalom, entwickelt wurde. Cohen probierte es eines Tages aus und fand nach dreimaligem Raten ihre Antwort: »Shofar«. Am nächsten Tag entdeckte sie auf Anhieb das richtige Wort: »Shalom«.

»Ich beendete mein Spiel auf der Stelle«, sagte Cohen, eine Dolmetscherin für amerikanische Gebärdensprache und jüdische Erzieherin. »Morgen werde ich keine Wörter mehr haben«, scherzte sie. »Ich habe es mit ›shmaltz‹ probiert, aber das hat zu viele Buchstaben … Vielleicht versuche ich es morgen mit ›kvetch‹.«

Zu guter Letzt rief ich noch meinen Cousin T. Woody Richman an, einen Dokumentarfilmredakteur aus Brooklyn, der sich für Flipperspiele begeistert. »Ich weiß nicht, ob ich noch einmal Jew­dle spielen werde«, gab Richman zu, der über unschlagbare Referenzen verfügt: »Ich war Vorsitzender der Jugendgruppe meines Tempels, überlegte, Rabbiner zu werden, und war im jüdischen Sommercamp.« Aber bei seinem allerersten Jewdle-Spiel kam er sich »ziemlich dumm vor«.

TEMPEL Er brauchte vier Versuche, um auf »Shofar« zu kommen, obwohl »ich schon oft ein Schofar geblasen hatte, buchstäblich im Tempel«. In einem anderen Spiel lautete die Antwort »Mikveh«, das jüdische Ritualbad – aber »ich dachte, es wird mit einem ›ah‹ am Ende geschrieben, und da der Buchstabe ›a‹ schon weggefallen war, dachte ich, das kann nicht die Antwort sein.«

Nach dreimaligem Raten fand ein Wort-Nerd auf »Jewdle« das Wort »Schofar«.

Das sei das Problem mit Jewdle, erklärte Richman: »Wörter können von Hebräisch bis Jiddisch reichen, einschließlich allem, was man sich unter einem jüdischen Wort vorstellt, mit allen verschiedenen Arten der Transliteration.«

Was mich persönlich betrifft, erinnern mich Wordle und seine verschiedenen Ableger an ein Spiel mit Bleistift und Papier, das meine Geschwister und ich schon immer gespielt haben: »Jotto«, das angeblich 1955 von Morton M. Rosenfeld erfunden wurde.

Mit Genugtuung habe ich festgestellt, dass das Original-Wordle englische Wörter mit jiddischen Wurzeln erkennt. So habe ich zum Beispiel vor Kurzem »Dreck« als eine meiner Vermutungen verwendet. Und an einem Tag im vergangenen Jahr lautete die Wordle-Antwort »Golem«, sagte mir Jamie Conway.

Mit Genugtuung habe ich festgestellt, dass das Original-Wordle englische Wörter mit jiddischen Wurzeln erkennt. So habe ich zum Beispiel vor Kurzem »Dreck« als eine meiner Vermutungen verwendet. Und an einem Tag im vergangenen Jahr lautete die Wordle-Antwort »Golem«, sagte mir Jamie Conway.

Ich bezweifle allerdings, dass auch die deutsche Version Wörter mit jiddischem Einfluss enthält, und zwar aus einem einzigen Grund: »meshuggeh«, »mishpokke« und »schlamazzel« sind einfach zu lang.

Barrie Kosky

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