Film

Aus dem Ländle nach Hollywood

Seid immer schön fleißig und haltet die Kosten gering!« Das sollten sich die Mitarbeiter aufmerksam anhören – und mussten hinter vorgehaltener Hand wahrscheinlich grinsen. So wie man sich heute über die freundlich insistierende Ansprache auf wackeligem Zelluloid amüsiert. Carl Laemmle konnte den Schwaben schwerlich verleugnen, nicht einmal auf dem Gipfel seines Erfolgs, Anfang der 30er‐Jahre, als er mitten in Hollywood diesen kleinen Film drehen ließ. Doch der Kinopionier, der vor genau 150 Jahren geboren wurde, hat es selbst erfahren: »Wer sparsam ist, kann alles erreichen.«

Und in seinem Fall war das mehr als imposant. Laemmle hatte 1912 die Universal‐Filmstudios gegründet. Man darf den Glücksritter aus dem oberschwäbischen Laupheim also mindestens als einen der Väter, wenn nicht gar den Erfinder Hollywoods bezeichnen. Erstaunlich nur, dass dieser Mann durchs Raster der Erinnerung gefallen ist. Selbst eingefleischten Cineasten war der einst legendäre Produzent von Filmen wie Dracula oder Im Westen nichts Neues nur selten ein Begriff. Dabei ist Laemmles Biografie selbst großes Kino.

Dennoch geraten Auswanderer allzu leicht zwischen die Welten, und ein Jude wie Laemmle war in Nazi‐Deutschland ab 1933 sowieso Persona non grata. Das bekam vor allem sein Bruder Siegfried zu spüren, ein Münchner Antiquitätenhändler, der 1938 in die Vereinigten Staaten floh. Den vier Jahre jüngeren Karl hatte es bereits 1884 ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten gezogen.

abenteuer Der Grund? Bei dem gerade einmal 17‐Jährigen war es die Lust auf Abenteuer und Indianer. Wildwestromane mochten das beflügelt haben und mehr noch die begeisterten Briefe des ältesten Bruders Joseph, der sich 1872 in Chicago niedergelassen hatte. Also ging es mit lediglich 50 Dollar in der Tasche von Bremerhaven nach New York. Doch am Ziel folgte prompt die Ernüchterung. Ausschließlich schwäbelnd, muss sich der gelernte Buchhalter mit Gelegenheitsjobs abfinden. Das lässt ihn fast verzweifeln, aber Carl, wie er sich bald schreibt, ist anpassungsfähig, charmant und unglaublich tüchtig. Auf diese Weise schafft er es bis zum Geschäfts‐ führer in der Bekleidungsbranche.

Das ist zwar angenehmer, als mit Vieh zu handeln wie sein Vater Judas Baruch Lämmle, aber für einen fantasiebegabten Draufgänger dann doch zu eintönig. Er kauft sich kurzerhand ein Nickelodeon, diese frühe einfache Form des Kinos, in denen die Zuschauer für einen Nickel kurze Filmchen gucken konnten.

Die Leute strömen in Laemmles Theater, es ist schöner hergerichtet als die anderen – über 50 Kinos kommen so in nur zwei Jahren zusammen. Dafür geht mit der Zeit das Vorführmaterial aus. Laemmle ist klar, dass es nicht bei den eher niveaulosen kleinen Streifen bleiben darf. Bloß ein guter Ochs’ erzielt auch einen guten Preis, das hat ihm der Vater schon als Bub beigebracht. Und in Laemmles neuem Métier heißt das: Qualität.

Kalifornien Die Geschichte muss packend sein und das Personal professionell. Das ist das Er‐folgsgeheimnis Laemmles, der selbst leidenschaftlich gerne ins Kino geht. Er engagiert von Anfang an bekannte Schauspieler, damit erfindet er den Filmstar und den Starkult gleich mit dazu. Zumal er in den Universal‐Studios mitten in der Pampa Kaliforniens ab 1914 dann so richtig loslegen kann: Auf einer ehemaligen Hühnerfarm in der Nähe von Los Angeles ist zur Genüge Platz, um die tollsten Kulissen entstehen zu lassen. Für die ziemlich frivol ausgefallenen Törichten Frauen (1922) wird das Casino von Monte Carlo detailgetreu rekonstruiert, und der Glöckner von Notre Dame (1923) darf durch die perfekt nachgebaute Portalzone der Kathedrale hinken.

Aber der knallharte Geschäftsmann kann auch ungemein sozial sein. Während er die rasant gestiegenen Stargagen mit allen Mitteln zu drücken versucht, unterstützt er Bedürftige ohne Vorbehalt. Vor allem aber hat er seine alte Heimat nie vergessen und zeigt sich bei den regelmäßigen Besuchen großzügig – sei es durch die Finanzierung einer Turnhalle, sei es 1926 nach einem Hochwasser. Laemmle lässt sich nie lumpen, umso deprimierender muss die Machtergreifung 1933 für ihn gewesen sein.

Mit dem »frechen Filmjuden«, wie er in der rechten Presse beschimpft wird, will niemand mehr etwas zu tun haben. Plötzlich wirft man ihm die Propagandafilme vor, die er nach dem Kriegseintritt der Amerikaner 1917 gedreht hat. Ganz besonders missfällt aber sein Engagement für Erich Maria Remarques Antikriegsroman Im Westen nichts Neues.

nazis Allein, die Verfilmung wird zu Laemmles größtem künstlerischen Erfolg: All Quiet on the Western Front bringt ihm 1930 den Oscar ein und zählt bis heute zu den wichtigsten Kinofilmen gegen den Krieg. Joseph Goebbels erkennt den »kampf‐geistzersetzenden« Charakter des Films sofort, bei der deutschen Uraufführung in Berlin lässt der damalige NSDAP‐Gauleiter das Metropol‐Kino durch Schlägertrupps besetzen. Und das ist kein Einzelfall: Die Produktion wird zum Auslöser erbärmli‐cher Parlamentsdebatten und muss am Ende deutlich überarbeitet werden. Dabei sind die Nazis noch gar nicht an der Macht.

Laemmle, der liberal gesinnte Demokrat, erkennt die Zeichen der Zeit und kehrt nie mehr zurück nach Deutschland. Dafür hat er 1936, nach dem Ende seiner Universal‐Präsidentschaft, eine neue Mission, und sie soll seine wichtigste werden. Durch die Übernahme von Bürgschaften ermöglicht er 300 Juden die Flucht in die USA. Als die amerikanischen Behörden seinen Aktivitäten einen Riegel vorschieben, wirbt Laemm‐ le kurzerhand im Bekanntenkreis für die lebensrettenden Papiere.

Das unfassbare Ausmaß der Schoa muss er nicht mehr erleben, der gute Geist von Beverly Hills stirbt 1939, drei Wochen nach Hitlers Überfall auf Polen. Das mag einer der Gründe sein, warum sein humanitäres Wirken so schnell vergessen wurde.

Doch Laemmle hat auch ein weltweit beachtetes Werk hinterlassen: Über 9000 Filme hat er am Ende seines Lebens produziert. Ganz abgesehen davon, dass ihm die Begabung von Marlene Dietrich gleich beim ersten Blick aufgefallen ist und er markante Typen wie den Berg‐Heroen Luis Trenker zu Stars gemacht hat. Wobei das Gruseln dann eher die Sache von Laemmles Sohn geworden ist. »Die Leute mögen den Horror nicht«, schrieb der Senior 1932 noch voller Überzeugung. Es dürfte das einzige Mal gewesen sein, dass sich der Schwabe so richtig geirrt hat.

»Carl Laemmle«. Haus der Geschichte Baden‐Württemberg (Stuttgart), bis 30. Juli

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