Warschau

Aufstand für die Würde

Gefangen, nicht gebrochen: jüdische Widerstandskämpfer in Warschau Foto: dpa

Als die Warschauer Juden am Vorabend des Pessachfestes am 18. April 1943 bemerken, dass SS‐ und Polizeikräfte mitsamt ihren »fremdvölkischen Hilfskräften« vor dem Ghetto aufmarschieren, ahnen sie, was ihnen bevorsteht. Anders als im Sommer 1942 sind sie auf den Angriff vorbereitet. Damals konnten die Deutschen und ihre Helfer die größte jüdische Gemeinde Europas überrumpeln und binnen drei Monaten nahezu widerstandslos eine halbe Million Menschen in das Vernichtungslager Treblinka verschleppen.

Wer von den Deportationen verschont blieb, weiß, dass die Vernichtung früher oder später weitergehen wird. »Jeden Moment kann sie wieder ihren Lauf nehmen, ihr Prozess ist noch nicht abgeschlossen«, notiert die Schriftstellerin Gustawa Jarecka in ihr Tagebuch.

Unter dem Schock des Verlusts ihrer Angehörigen bereiten sich die Juden darauf vor, gegen weitere Deportationen Widerstand zu leisten. Im Herbst 1942 schließen sich mehrere Gruppen in der Jüdischen Kampforganisation zusammen: Zionisten, Kommunisten und Mitglieder des Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes. Die Männer und Frauen – es sind nur wenige Hundert – kommen mehrheitlich aus zionistischen Vereinen und Pfadfinderverbänden. Es mangelt ihnen an Waffen und militärischer Ausbildung, aber nicht an Mut.

Kampforganisation Dass sie die Reste der Warschauer Gemeinde nicht dauerhaft vor der Deportation schützen können, wissen sie. »Wir wollen nicht Leben retten, wir wollen unsere Würde retten«, erklärt Arje »Jurek« Wilner, einer der Gründer der Kampforganisation. Unter dem Kommando von Mordechai Anielewicz, dem 22‐jährigen Aktivisten eines linkszionistischen Jugendverbands, knüpft die Jüdische Kampforganisation Kontakte zum polnischen Untergrund, bittet um Waffen und logistische Unterstützung.

Im Ghetto agitieren die jungen Männer und Frauen gegen jede Form der Zusammenarbeit mit den Deutschen. Niemand soll mehr dem Versprechen glauben, die Arbeit für die deutschen Betriebe biete Schutz vor der Vernichtung.

Als am 18. Januar 1943 die Deportationen wieder einsetzen, leisten die Juden erstmals Widerstand. Nach vier Tagen, in denen sie fast 7000 Menschen nach Treblinka verschleppt, stellt die SS die Deportationen ein. Obwohl viele ihrer Mitglieder ermordet werden, wertet die Kampforganisation ihr Handeln als Erfolg: »Denn zum ersten Mal werden die deutschen Pläne durchkreuzt. Zum ersten Mal bricht der Nimbus vom unantastbaren, allmächtigen Deutschen zusammen. Zum ersten Mal gewinnt die jüdische Bevölkerung die Überzeugung, es sei möglich, trotz der deutschen Stärke etwas gegen die Absichten der Deutschen zu unternehmen«, erinnert sich Marek Edelman, einer der führenden Mitglieder der Kampforganisation, unmittelbar nach Kriegsende.

Triumph In den Morgenstunden des 19. April dringen motorisierte SS‐ und Polizeitruppen mit ihren Helfern ins Ghetto ein. Doch schon nach wenigen Metern werden sie beschossen und mit Molotowcocktails beworfen. Die überraschten Deutschen müssen sich zurückziehen – ein Triumph für die Jüdische Kampforganisation, der sich auch jenseits der Ghettomauern schnell herumspricht.

Nach dem Rückzug ändern die Deutschen ihre Taktik. Der SS‐ und Polizeiführer Jürgen Stroop, der das Kommando über die Verbände übernimmt, lässt systematisch ganze Häuserzeilen in Brand setzen und sprengen. Keller und Kanäle, die als Verstecke und Fluchtwege dienen, werden mit Wasser oder Gas geflutet. Wer sich stellt, wird zum »Umschlagplatz« getrieben und von dort aus in Arbeits‐ und Vernichtungslager deportiert. Wer Widerstand leistet, wird sofort erschossen.

Das Inferno hinter den Ghettomauern bleibt nicht unbemerkt. Die Rauchsäulen und der Feuerschein sind weithin sichtbar, die Detonationen in der ganzen Stadt zu hören. Die Reaktionen darauf fallen unterschiedlich aus. Einzelne Gruppen des polnischen Untergrunds unterstützen die Aufständischen, indem sie ihnen Waffen liefern, Löcher in die Ghettomauer zu sprengen versuchen oder bei der Flucht helfen. Zahlreiche konspirative Publikationen schreiben bewundernd über den »zu allem entschlossenen bewaffneten Widerstand der Juden«.

Zuschauer Zum Sinnbild für die Zuschauerrolle der Polen wird das Karussell auf dem Krasinskiplatz an der Ghettomauer: »Der Schlager dämpfte die Salven/Hinter der Mauer des Ghettos,/Und Paare flogen nach oben/weit in den heiteren Himmel«, beschreibt der spätere Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz in dem Gedicht »Campo dei Fiori« die Szenerie zwischen Frühlingsvergnügen und Apokalypse.

Einen Monat lang können sich die Aufständischen verteidigen. Am 16. Mai meldet Jürgen Stroop seinen Vorgesetzten per Fernschreiben: »Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschau besteht nicht mehr. Mit dem Sprengen der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet.« Bis dahin haben Stroops Männer mehr als 56.000 Menschen deportiert oder erschossen. Anielewicz und mit ihm zahlreiche weitere Mitglieder der Jüdischen Kampforganisation begehen Selbstmord, als ihr Bunker in der Milastraße 18 am 8. Mai entdeckt wird. Nur wenigen gelingt es, aus dem Ghetto zu fliehen oder sich in den Ruinen zu verstecken.

Der Aufstand ist ein Symbol für den Widerstandswillen der Juden, die sich nicht »wie Schafe zur Schlachtbank« führen lassen wollten. Die Möglichkeit, mit der Waffe ihre Würde zu verteidigen, besaßen jedoch nur wenige. Daran erinnerte Marek Edelman, der als einer der wenigen Überlebenden der Jüdischen Kampforganisation nach 1945 in Polen blieb und 2009 verstarb: »Um wie viel leichter erschien das Sterben uns als dem Menschen, der in den Viehwagen steigen, diese Fahrt mitmachen, sein Grab schaufeln, sich splitternackt ausziehen musste.«

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