Frankfurt

»Architekturen des Überlebens« im Jüdischen Museum

Die Josefseiche in Wiśniowa (Polen) Foto: Natalia Romik, 2021

Frankfurt

»Architekturen des Überlebens« im Jüdischen Museum

Eine multimediale Ausstellung zeigt Verstecke von Juden in der NS-Zeit

von Greta Hüllmann  28.02.2024 17:43 Uhr

Es ist ein großer Ausstellungsraum für neun extrem beengte Orte, in denen Juden in der NS-Zeit Schutz gefunden haben: Skulpturen dieser Verstecke stehen mit viel Abstand verteilt im Jüdischen Museums Frankfurt. Sie sind Teil einer multimedialen Ausstellung von Werken der polnischen Künstlerin, Architektin und Politikwissenschaftlerin Natalia Romik. Sie hat dafür neun Verstecke von polnischen und ukrainischen Jüdinnen und Juden während der Schoa unter die Lupe genommen – etwa einen hohlen Baumstamm, einen Kanalisationsschacht, ein leeres Grab oder einen Kleiderschrank.

Die Schau »Architekturen des Überlebens« ist ab Freitag erstmals in Deutschland zu sehen, wie es am Mittwoch vor Journalisten hieß. Romik hat sich den neun Verstecken in einem komplexen künstlerischen Prozess genähert. Zu jedem der Orte hat sie Skulpturen erschaffen, die auf Silikonabdrücken der realen Oberflächen basieren. Eine Seite der Skulpturen ist stets versilbert. »Ich will die Mühsal der Jüdinnen und Juden, die sich verstecken mussten, ihre Kreativität, Solidarität und den Lebenswillen würdigen«, sagte Romik in Frankfurt. Häufig wisse man viel über die Geschichte der Verstecke, aber wenig über ihre Architektur, was es hieß, sie nachts, verängstigt und in Eile bauen zu müssen.

Rund 90 Prozent der Jüdinnen und Juden in Polen wurden durch die Nazis ermordet. Etwa 50.000 überlebten in Verstecken

Für die Ausstellung, die bis 1. September zu sehen ist, hat sich Natalia Romik auf Spurensuche begeben. Die neun Verstecke waren bisher unbekannt und wurden durch Gerüchte und Erzählungen und Archivarbeit im Rahmen einer vierjährigen Recherche aufgespürt, dokumentiert und zu Kunstobjekten transformiert. Romik hat Verstecke etwa auch im Boden eines Hauses und im Stamm einer hohlen Eiche erforscht. Die über 650-jährige »Josefseiche« in Südpolen diente zwei Brüdern als Versteck.

Romik hatte die Erzählung über die Eiche im Dorf gehört und mithilfe eines Krans und einer Kamera Trittleisten und Kratzspuren im Stamm entdeckt. Die Ausstellung widmet sich nicht nur der Skulptur des Baumes, sondern zeigt das Video der Kamera, die in den Stamm herabgelassen wurde, außerdem forensische Aufnahmen zu den Orten, Rechercheergebnisse, Überbleibsel aus den Verstecken, Stammbäume der Überlebenden und manchmal sogar Fotos von Romik und den Hinterbliebenen. Auf einem Bild lächelt Romik neben den Töchtern der zwei Brüder aus der Eiche. »Es war sehr bewegend, die Überlebende zu treffen«, erinnert sich Romik. »Die Recherche hat Spuren hinterlassen.«

Die Interdisziplinarität von Romiks Ausstellung sei eine Seltenheit in der Kunstszene, sagt der Kurator Kuba Szreder

Natalia Romiks Arbeit wechselt frei zwischen der künstlerischen, wissenschaftlichen und persönlichen Stimme. Die Interdisziplinarität sei es, die Romiks Ausstellung zu einer Seltenheit in der Kunstszene werden lasse, sagt der polnische Kurator Kuba Szreder. »Die silbernen, spiegelnden Oberflächen der Skulpturen vermitteln die Tiefe der historischen Erfahrung und die Textur der Architektur, während sie gleichzeitig das Talent der improvisierenden Architekten würdigen, die die Verstecke unter widrigsten Umständen gebaut haben.«

Die Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirjam Wenzel, betonte: »Die Kombination aus dokumentarischer und architektonischer Darstellung, die die Physis der Räume – ihre Enge, Feuchte und Dunkelheit – beschreibt, ist einzigartig.« Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) sagte, Verstecke und Überlebensgeschichten hätten angesichts der Kriege in der Ukraine und in Nahost eine aktuelle Bedeutung.

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