Baukunst

»Architektur ist auch Ethik«

»Schön, nachhaltig und innovativ bauen«: Daniel Libeskind Foto: dpa

Herr Libeskind, sie haben in San Francisco, Berlin und Tel Aviv Gebäude entworfen. Wie war es, danach in einem kleinen belgischen Städtchen wie Mons zu bauen?
Nur weil eine Stadt Millionen Einwohner hat, ist sie nicht besser als eine Stadt von Hunderttausend. Es gibt nicht mehr nur einen Wettbewerb zwischen den Hauptstädten der Welt. Die neue globale Welt ist eher eine Welt der kreativen Städte. Also ist nichts Außergewöhnliches daran, in der schönen Stadt Mons zu arbeiten. Van Gogh hat hier seine Entscheidung getroffen, Künstler zu werden, Orlando di Lasso hat in Mons Musik komponiert. Mir gefällt, wenn Orte wiederentdeckt werden, die vergessen waren und vernachlässigt wurden. Plötzlich entdecken die Menschen, wie fantastisch solche Städte sind.

Sie sagten einmal, Architektur sei Sprache. Was ist die Sprache Ihres Kongresszentrums in Mons?
Es ist eine Sprache, die sagt: Dies ist nicht der Rand einer alten Stadt, es ist ein Zentrum öffentlicher Aktivitäten, nicht nur innerhalb des Gebäudes, sondern auch um es herum. Wir mussten mit einem Budget von 22 Millionen Euro etwas hinbekommen, das architektonisch interessant ist, aber natürlich auch eine Maschine sein soll, die funktioniert. Das hieß: Platz für Tausende von Besuchern schaffen, die technische Infrastruktur für Theaterräume, Kinos, Restaurants, Showrooms, Musikevents oder Kunstausstellungen, aber auch für Autopräsentationen. Der Auftrag lautete: Mach etwas Schönes, etwas, das ökologisch ist, nachhaltig, innovativ, verwende gut aussehende Materialien.

Ihr Stil ist einmal als »extreme Geometrie mit der Schwerkraft trotzenden Formen« beschrieben worden.
(lacht) Ich denke, das ist ein wenig übertrieben. Es geht nicht darum, extrem zu sein. Ich benutze die Formen, die ich für die jeweilige Aufgabe für adäquat halte. Ich mochte noch nie farblose Architektur. Ich will mit meinen Gebäuden nicht die Öffentlichkeit anästhesieren. Architektur ist kein Haustier zum Versorgen und Liebhaben. Architektur ist eine kulturelle Disziplin, genauso wie ein Buch zu schreiben, ein Stück Musik zu komponieren, ein Bild zu malen.

Sie haben auch einmal gesagt, Sie seien nicht an »glänzenden Türmen« interessiert, wenn diese »moralisch zweifelhaft« seien. Was war damit gemeint?
Es geht nicht nur um Ästhetik. Es geht auch um Ethik, darum, für wen gebaut wird, wofür, warum. Nicht zufällig ist eines meiner Projekte in China ein Gebäude mit bezahlbaren Wohnungen für Arbeiter. Kein riesiges Shoppingcenter, nicht der höchste Turm von Peking, sondern die kostengünstigsten Wohnungen, die jemals in China gebaut wurden – für Menschen, die Straßen saubermachen, in Restaurants und auf Baustellen arbeiten. Das ist ein Prototyp, der zeigt, dass man selbst mit einem sehr kleinen Budget, würdigen, schönen, nicht barackenähnlichen Wohnraum für Menschen schaffen kann.

Es gibt Kritiker die Ihnen vorwerfen, dass Sie eigentlich immer das gleiche Gebäude bauen.

Das haben sie über Mies van der Rohe auch gesagt, über Le Corbusier, über Palladio. Das ist eine übliche Kritik.

Mons ist 2015 Kulturhauptstadt Europas. Jüdisches Leben in Europa ist derzeit prekärer als seit Jahrzehnten. Wie beurteilen Sie als in Europa geborener und in den USA lebender Jude die Lage?
Die antisemitischen Vorfälle der letzten Zeit sind sehr besorgniserregend. Es ist kein Zufall, dass Juden in Frankreich und Belgien ermordet wurden. Und wenn Juden ermordet werden, ist es nicht so überraschend zu sehen, dass danach Journalisten und Künstler an der Reihe sind, und dann andere. Also sollten wir das nicht nur als ein antijüdisches Phänomen sehen, sondern fragen, was es für Europa insgesamt bedeutet. Wir sind derzeit von Fundamentalismen auf allen Seiten bedroht. Wir müssen entschieden für Gerechtigkeit, für Freiheit, für Gleichheit und für Toleranz kämpfen. Das ist die Aufgabe der demokratischen Welt.

Daniel Libeskind
wurde 1946 im polnischen Lodz als Sohn von Schoa-Überlebenden geboren und wuchs in Israel und den USA auf. Bekannt wurde er durch seinen dekonstruktivistischen Entwurf für das Jüdische Museum Berlin. Zu seinen bekannten Arbeiten zählen auch das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, das Denver Art Museum und das Imperial War Museum North in Manchester. Daneben arbeitet Libeskind auch als Designer und Bühnenbildgestalter sowie als Architekturprofessor unter anderem an den Universitäten Yale und Zürich.

Venedig

Israelischer Künstler Belu-Simion Fainaru: »Diskriminierung offenbar beendet«

Nach Ausschluss Israels und Russlands von der Preisvergabe: Jury der Kunstbiennale tritt geschlossen zurück

von Ayala Goldmann  30.04.2026

Püttlingen

Bob Dylan als Maler: Ausstellung im Saarland rückt unbekannte Seite in den Fokus

Der jüdische Sänger und Songwriter kann auch malen. Eine Ausstellung seiner »Drawn Blank Series« belegt dies

 30.04.2026

New York

Buch über Hersh Goldberg-Polin auf Platz eins der Bestsellerliste

Rachel Goldberg-Polin, die Mutter, schildert vor allem die Zeit nach der Beisetzung ihres Sohnes Ende August 2024 und beschreibt das Leben ihrer Familie in einer Welt »davor« und »danach«

 30.04.2026

Aufgegabelt

Kabeljau mit Tahini

Unser Rezept der Woche

von Katrin Richter  30.04.2026

Lesen

Das Gefühl des Kontrollverlusts

Der Amerikanist Michael Butter setzt sich erneut mit dem Begriff der Verschwörungstheorie auseinander, versäumt aber etwas

von Till Schmidt  30.04.2026

Glosse

Tipps und Tricks für Judenhasser

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Eine Handreichung

von Daniel Neumann  30.04.2026

Kino

Miranda ist zurück

20 Jahre nach dem großen Erfolg von »Der Teufel trägt Prada« geht es weiter. Und das Ticket lohnt sich sogar

von Sophie Albers Ben Chamo  30.04.2026

Kulturkolumne

Wer braucht schon Kontakte ins Weiße Haus?

Unser Autor hat das nicht nötig – dank seiner Belarus-Connection

von Eugen El  30.04.2026

Medien

Springer-Chef Döpfner nimmt »Politico«-Redaktion in die Pflicht

Niemand sollte für Axel Springer arbeiten, wenn er Israels Existenzrecht anzweifelt, stellt Mathias Döpfner nach Kritik aus der »Politico«-Redaktion klar

 29.04.2026 Aktualisiert