Laudatio

Architekt des Neuaufbaus

Salomon Korn Foto: dpa

Laudatio

Architekt des Neuaufbaus

Elf Jahre lang hat Salomon Korn die Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien wesentlich geprägt. Ein Dank des Rektors an den scheidenden Kuratoriumsvorsitzenden

von Johannes Heil  01.12.2014 20:35 Uhr

Man kennt Salomon Korn als Architekten im eigentlichen und im übertragenen Sinn, nämlich von steinernen Gebäuden wie auch als Baumeister am Gebäude der Gesellschaft. Die weite Erstreckung seiner Tätigkeit in Verbindung mit Weitsicht in den Zielsetzungen ist ungewöhnlich, man kann auch sagen: ein Glücksfall.

Aber was seine Person angeht, ist sie nur konsequent: Nach dem Studium der Architektur und der Soziologie in Darmstadt und Berlin wurde Salomon Korn 1976 mit einer Arbeit über die Sozialtherapie im Strafrecht promoviert. Der Titel der Arbeit nennt die »Strafrechtsreform«, für die er gemeinsam mit Heinz Werner in einem kurz zuvor erschienenen Band bereits »Materialien« bereitgestellt hatte.

Reform Hier zeichnete sich früh ein Arbeitsfeld ab, das bei Korn später nicht mehr im Zentrum stand. Aber für die frühen 70er-Jahre waren damit gleich zweierlei Ansprüche formuliert: dass der promovierte Sozialwissenschaftler, der auch noch das Diplom des Ingenieurs erwarb, an damals akuten Reformen mitwirken wollte, und dass er, der im von den Deutschen errichteten Ghetto von Lublin geboren war, zum Besseren ebendieser Gesellschaft wirken wollte und darauf bestand, bereit zu sein, sich auf diese Gesellschaft einzulassen. »Salomon Korn ist ein Mensch der Freiheit«, sagte Josef Schuster am vergangenen Sonntag in Frankfurt. Mit dieser Freiheit, die vor allem die Freiheit zu deutlicher Rede ist, hat Salomon Korn sich Gehör und Respekt verschafft.

Es wird kolportiert, dass Salomon Korn in jungen Jahren die Frankfurter WestendSynagoge, die die Zerstörung in der Zeit des Nationalsozialismus und den Krieg als Gebäude überstanden hatte und zu Beginn der 50er-Jahre eher notdürftig wiederhergestellt worden war, am liebsten abgerissen gesehen und an ihrer Stelle einen Neubau errichtet hätte. Das sei aber auch der Moment gewesen, in der der kluge Ignatz Bubis sel. A. auf den ideenreichen jungen Mann aufmerksam geworden sei und ihn in die Gemeindeführung eingebunden habe.

aneignen Wie ernst solche Gedanken damals auch gemeint gewesen sein mögen, so verdeutlicht diese Episode wohl auf das Beste, wie viel damals eine junge, in Frankfurt aufgewachsene Generation von Gemeindemitgliedern, und Salomon Korn mitten unter ihnen, zu bewegen wusste. Das hat diese Gemeinde für die Kontroversen, die die 80er-Jahre brachten, gerüstet. Frankfurt wurde damals zum Aushandlungsort des Platzes, der Juden und dem Judentum in Deutschland wieder zuerkannt würde.

Gewiss, die Sujets hatten sich vor Ort eingestellt. Aber dass die Bühne für Fassbinder nicht frei gemacht wurde, dass die Zeugnisse jüdischer Vergangenheit am Börneplatz nicht in den Fundamenten eines städtischen Verwaltungsbaus verschüttet wurden und dass in Frankfurt erstmals ein Jüdisches Museum zur öffentlichen Aufgabe wurde, ist dem resoluten Auftreten der Akteure dieser Jahre zu verdanken und war für die gesamte Bundesrepublik, gerade auch über 1989 hinaus, wegweisend.

Das waren auch Etappen der allmählichen Aneignung der jüdischen Geschichte des Ortes, die die Kinder der nach der Schoa nach Frankfurt gekommenen Überlebenden da unternahmen. Das altehrwürdige Philanthropin im Frankfurter Nordend bietet ein gutes Beispiel dafür. 1978 wurde das Gymnasiumsgebäude an die Stadt verkauft, aber 2004 von der Gemeinde mit Salomon Korn an ihrer Spitze als eines der wenigen erhaltenen Stücke Frankfurter Geschichte zurückerworben. Heute beherbergt es wieder eine jüdische Schule, ist der Kreis also geschlossen. Auch die Westend-Synagoge wurde zwischenzeitlich grundsaniert und in einen Zustand gebracht, der die ursprüngliche Raumgestaltung mit der nüchternen Ausstattung der Nachkriegszeit fließend verbindet. Die Brüche zwischen einst und jetzt sollten aber nicht verwischt werden und sind woanders eingeschrieben: in der stilisierten Gesetzestafel mit dem durchlaufenden Riss in der Außenfassade des 1986 eingeweihten Ignatz-Bubis-Gemeindezentrums im Westend. Der Bau ist Salomon Korns Werk.

sichern Bei der Eröffnung des Zentrums formulierte Salomon Korn einen Satz, der oft zitiert wird: »Wer ein Haus baut, will bleiben, und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit.« Bemerkenswerterweise wird meist nur der erste Teil des Satzes erinnert; Salomon Korn ist es aber seitdem immer auch um dessen zweiten Teil gegangen. Und der war und ist vielfältigen Prüfungen ausgesetzt. Denn die Sicherheit, ob subjektiv oder objektiv, unmittelbar oder im übertragenen Sinne, ist immer noch brüchig, und selbst die gemeinsamen Anstrengungen um Vergegenwärtigung müssen, wie er schon in einem Buchtitel formulierte, »geteilte Erinnerung« bleiben. Noch einmal mit seinen Worten: »Normal ist, dass nichts normal ist«.

Deshalb ist Salomon Korns frühes Sich-Einlassen auf die Gesellschaft seiner Stadt und der Bundesrepublik auch zu keinem Zeitpunkt ein Einlenken gewesen. Es ist wohl richtig, dass Korn den leisen Ton bevorzugt, aber das bezieht sich mehr auf die Stimmlage, nie auf den Inhalt. Bequem hat er noch nie sein wollen. Man kann auch sagen: nicht sein können. Denn die Widrigkeiten waren und sind offensichtlich. Martin Walser, der einmal eine üble Sonntagsrede hielt und neuerdings in Klezmer macht, hat er deutlich in die Schranken gewiesen.

einreden Es lohnt deshalb, immer wieder Korns Zuschaltungen zu den Zeitfragen zu lesen. Kürzere und längere, aber allesamt wichtige Reden, Diskussionen und Beiträge, deren Anlässe manchmal schon zu verblassen beginnen. Anders verhält es sich mit Korns Beiträgen dazu: Sie lassen sich noch immer mit Gewinn lesen, zumal sie durch neue Umstände immer wieder Aktualität gewinnen. Das heißt aber auch, dass Korns Themen sich nicht erledigt haben. Seine Fragen und Sichtweisen behalten Gültigkeit, auch wenn er jetzt, nach elf Jahren, das Amt eines Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland aufgegeben hat.

Man besehe es auch so: Salomon Korn hätte das Zeug gehabt, in einem seiner Fächer oder in Verbindung aus beiden ein weithin bekannter Ordinarius an einer deutschen Universität und gefragter Gastwissenschaftler im Ausland zu werden. Das hat er nicht gemacht und stattdessen seine Kräfte verteilt, vor allem auf das Gedeihen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und für ihre Stellung in der Gesellschaft.

Von manchen Amtspflichten nun befreit, wünschen wir uns jetzt, dass er künftig umso mehr sagt und schreibt. Weitere Häuser muss er nun nicht mehr bauen. Diese Feststellung sollte ihn davon nicht abhalten, aber er hat seine Baumeisterschaft genügend unter Beweis gestellt, nicht zuletzt durch sein Wirken für die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, die unter seiner Ägide einen besonderen Platz in der deutschen Wissenschaftslandschaft gefunden hat: als europaweit führende Institution ihres Faches, universitätsförmig akkreditiert und eben nicht als Nische, in der die Wissenschaft des Judentums aufgehoben ist, sondern als vielfach anbindungsfähige Hochschule.

Der Autor ist Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.

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