Gespräch

»Antisemitische Musik gibt es nicht«

»Ich finde es gut, wenn den Leuten auch mal etwas nicht gefällt«: Daniel Grossmann Foto: Christine Schneider

Herr Grossmann, in Besprechungen von Konzerten Ihres Orchesters Jakobsplatz München liest man oft, Sie machten es sich – und das bedeutet wahrscheinlich auch dem Publikum und den Kritikern – nicht leicht. Was ist damit gemeint?
Wahrscheinlich die Stücke selbst, die ja fast ausschließlich aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen. Ein Paradebeispiel für das, was vielleicht als schwierig bezeichnet wird, ist ein sehr anstrengendes Stück, das wir einmal aufgeführt haben, von einem Komponisten namens Matthias Hauer. Das wird mir bis heute vorgeworfen, weil Hauer ein Judenhasser war.

Warum haben Sie ihn dann gespielt?
Hauer war zu einer Zeit, als Juden verfolgt wurden, ein überzeugter Antisemit und hat das auch geäußert. Aber auf der anderen Seite wurde er selbst verfolgt, weil seine Musik als »undeutsch« und »entartet« galt. Auch seine Stücke wurden nicht aufgeführt. Solche Gegensätze faszinieren mich.

Sein Antisemitismus hat Sie nicht gestört?
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die glauben, dass es antisemitische oder politische Musik gibt. Ich erkenne auch in den Opern von Wagner nichts Antisemitisches, obwohl Wagner ein glühender Antisemit war und ganze Bibliotheken voll Bücher existieren, die beschreiben, was für antisemitische Regungen es in seiner Musik gibt.

Verträgt sich das mit Ihrem zentralen Anliegen, Werke verfolgter jüdischer Künstler aufzuführen?
Ich führe solche Musik nicht aus Betroffenheit auf. Mir geht es um etwas anderes. Diese Komponisten sind doppelt gestraft: Zuerst wurden sie verfolgt, dann ihre Werke vergessen. Und wenn sie aufgeführt werden, dann unter dem Motto: Schau mal, das sind die Komponisten aus Theresienstadt, das ist ein Stück, das im KZ komponiert wurde. Natürlich erwähne ich das, falls es so ist, weil es zu dem Stück dazugehört. Aber ich führe sie auf, weil sie interessante Komponisten sind. Und ich sage: Hört euch ihre Musik an!

Sie wollen Ihre Zuhörer überraschen.
In jeder Hinsicht. Mich interessiert es, etwas auszuprobieren und den Zuschauern anzubieten. Wenn es euch gefällt, ist es gut. Wenn es euch nicht gefällt, schade. Beziehungsweise nicht mal schade, ich finde es wunderbar, wenn Leuten endlich mal etwas nicht gefällt.

Wie bitte?
Ich finde, dass die Zuhörerschaft sehr unkritisch gemacht wurde. In der Klassikszene werden Stars aufgebaut, zu denen die Menschen hinrennen, um danach zu sagen: Es war traumhaft. Wie gut, wenn sich jemand mal hinstellt und sagt: Spiel diesen Komponisten nie wieder, weil mich die Musik wütend macht. Endlich werden Emotionen freigesetzt.

Welches Stück, das Sie aufgeführt haben, hat zuletzt solche Emotionen ausgelöst?
Beim letzten Konzert haben wir etwas von Arvo Pärt gespielt. Dieser Komponist interessiert mich sehr, weil er eigentlich totaler Mainstream ist. Die Leute lieben seine Musik, obwohl sie unglaublich einfach gestrickt ist, aber sehr emotional. Danach kamen Zuschauer zu mir und meinten, es sei fantastisch gewesen. Dann aber stieß ein Mann dazu, der sagte: »Das war ja grauenvoll, total primitive Musik.« Ich finde es gut, wenn nicht immer Konsens herrscht. Man kann dann diskutieren, was einem daran gefällt oder nicht.

Versuchen Sie, das Publikum mit einzubinden?
Ich will keine Mitmachkonzerte aufführen, das wäre albern. Aber nach den Konzerten gehen wir immer in das Café im jüdischen Zentrum. Dort kommen immer wieder Leute zu mir, die einen Komponisten oder ein Stück gehört haben und fragen, ob ich das nicht einmal aufführen will. So etwas greife ich schon auf.
Sie spielen oft alternative Fassungen großer Orchesterwerke, die Sie selber für kleine Ensembles arrangiert haben. Tun Sie das der Not gehorchend, weil Sie nur ein Kammerorchester haben? Oder neigen Sie grundsätzlich zu kleineren Formationen?
Letzteres. Das Spannende an diesen klein besetzten Stücken – da spielen wir ja hauptsächlich Bearbeitungen von Mahler – ist, dass diese Musik eigentlich auch davon lebt, dass sie sehr groß orchestriert ist und wunderbare Klänge erzeugt. Aber Klang hat für mich immer etwas Äußerliches, keine inhaltliche Wirkung. Und wenn man diesen unglaublich einnehmenden Klang wegschneidet, bleibt eine Essenz übrig.

Wie sieht die bei Mahler aus?
Man kann so gut die ganzen Depressionen, Verzweiflung, Traurigkeit von Mahler aus seiner Musik erkennen. Aber auch Sarkasmus und etwas sehr Witziges.

Ihr Orchester vergibt auch Kompositionsaufträge mit jüdischem Bezug. Was muss man darunter verstehen?
Da soll Musik entstehen, die sich mit Jüdischem auseinandersetzt, so einfach kann man es sagen. Abgesehen davon ist das sehr weit gefasst. Nächstes Jahr werden wir zum Beispiel ein Stück von Klaus Hinrich Stahmer uraufführen. Eine Art Ouvertüre, in der er musikalisch jüdische Themen aufarbeiten wird.

Im Orchester Jakobsplatz München spielen jüdische und nichtjüdische Musiker. Das ist Ihnen wichtig. Warum?
Unser Orchester ist kein jüdisches Ensemble, sondern es hat eine jüdische Identität. Jeder, der sich für diese Identität interessiert, soll daran teilnehmen können. Wir haben Musiker aus unglaublich unterschiedlichen Ländern, die alle ihre eigene Kultur mitbringen. Das finde ich schön, weil es das Orchester so farbig macht.

Was sind Ihre nächsten Ziele für das Ensemble?
Ich möchte die Besonderheiten des Orchesters noch verstärken. Als sein Dirigent muss ich natürlich zusehen, dass sich die Qualität an der Weltspitze orientiert. Da streben wir hin, aber wir sind noch auf einem langen Weg. Das große Ziel ist, die Tourneetätigkeit auszuweiten, sich ein Publikum außerhalb Münchens zu erarbeiten. Wir wollen deutschlandweit, aber auch europaweit, ja weltweit bekannt machen, dass es dieses Orchester gibt.

Daniel Grossmann wurde 1978 in München geboren, wo er 1993 seine Dirigentenausbildung begann, die er in New York und Budapest fortsetzte. Seit 2005 leitet er das von ihm mitbegründete Orchester Jakobsplatz München. 2009 war das Ensemble auf Tournee durch Israel, im Oktober dieses Jahres geht es auf Konzertreise durch Rumänien, Moldawien und die Ukraine. Zuvor gibt Grossmann mit dem Orchester ein Konzert zum Neuen Jahr mit Werken von Jacques Offenbach. Termin: Dienstag, 21. September, 20 Uhr, Hubert-Burda-Saal im Jüdischen Zentrum am Jakobsplatz.
www.orchesterjakobsplatz.de

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