Literatur

Andere Zeiten, andere Kriege

Der Einband des neuen Buches von Chaim Noll zeigt einen strahlenden Himmel über dem Meer. In seinem Blau stehen in weißen Lettern der Name des Autors und der Titel der Novelle. Auf einem Sandstreifen am unteren Rand sind übereinander gestapelte Strandstühle zu sehen, an einem hohen Mast weht Israels Flagge.

Blau und Weiß sind die israelischen Nationalfarben, aber gemeint ist eher der Gebetsmantel, der dieselben Farben trägt und das Judentum, nicht den Staat symbolisiert. Noll wuchs in der DDR auf, in einem atheistischen, linientreuen Elternhaus, aber dann fand er zu seinen Wurzeln zurück und lebt seit 1995 als orthodoxer Jude in Israel.

»Wie schnell in diesem Leben alles vorübergeht«, heißt es am Ende der Novelle. »Das Gute und das Böse. Wie dieser Krieg. Wir haben ihn schon fast vergessen. – Wie das Fauchen der Kampfflugzeuge am Himmel. Das Heulen der Schakale, die stampfenden Rhythmen aus einem vorüberfahrenden Auto in der Nacht. Die Stimmen der Eltern, die nicht mehr leben. Die Vögel im Garten, das Summen der Bienen in den Zitronenbäumen. Das Rascheln der Palmblätter im Wind. Aber unvergesslich bleibt die Stille. Die Stille am Morgen nach dem Krieg.«

Der Titel der Novelle ist zugleich ihr letzter Satz

Der Titel der Novelle ist zugleich ihr letzter Satz, er bildet den metaphysischen Rahmen, den Chaim Noll seinem Weltbild gibt. Alles ist eitel, so sagte schon Kohelet, alles geht schnell vorüber – auch der Krieg, an den wir uns kaum noch erinnern. In der Stille der Ewigkeit sinkt er ins Vergessen.

Der Krieg, von dem hier erzählt wird, fand um die Wende zum Jahr 2009 statt und dauerte drei Wochen. Im Deutschen heißt er Gaza-Krieg, in Israel aber gilt er nur als einer von mehreren Zusammenstößen zwischen Israel und der Hamas und trägt den Namen »Operation Gegossenes Blei«.

Das mag sich wie eine historische Anmerkung zu Nolls Buch lesen, relevant aber ist es, weil die Novelle Anfang November 2024 erschien – mitten in einem Krieg, der nun seit über einem Jahr an verschiedenen Fronten tobt und schon deshalb gar nicht in Vergessenheit geraten kann. Er wird auch nicht in Vergessenheit geraten, weil er am 7. Oktober 2023 begann und seinen Anfang in einem tiefen Trauma der jüdischen und israelischen Geschichte hat.

Noll ist ein erfahrener Schriftsteller, der gut zu vermitteln weiß, was er seinen Lesern sagen will. Der Ich-Erzähler der Novelle, in vielem – nicht in allem – ein Selbstporträt des Autors, lebt im Süden, unweit von Beer Sheva, auf der Grenze zwischen Zivilisation und Wüste. Das ist eine Lebensentscheidung Chaim Nolls: Der Wüste hat er vor einigen Jahren eine sehr umfangreiche und lesenswerte Studie gewidmet, ein Ort der ewigen Stille, die ihn fasziniert, Ursprung der metaphysischen Sicherheit, die er im Judentum gefunden hat.

Der Reinheit der Wüste steht die Sündhaftigkeit der Stadt gegenüber

Auch in dieser Novelle erzählt er davon. Der Reinheit der Wüste steht die Sündhaftigkeit der Stadt gegenüber, und in Haifa, wo der Erzähler hin und wieder zu tun hat, begegnet er Betrügern und Drogenhändlern.

Als er auf der Heimfahrt in den Süden ist, spürt man die Erleichterung: »Ich lasse den Großraum Tel Aviv hinter mir, Anhäufungen von Stein und Schmutz, und schwebe wie befreit gen Süden. Dort ist Licht, Weite, sauberer Sand …«

Der Erzähler ist ein Jurist an der Universität von Beer Sheva, in seinem Haus auf der Grenze zur Wüste betreibt er seine Forschungen. Sein Arbeitszimmer ist der Luftschutzraum des Hauses, in den man sich bei Bombenalarm zurückzieht, er aber sitzt immer hier: Sein Studium gibt ihm Sicherheit, wie es in allen Generationen des Judentums gewesen ist.

In dunkler Zeit wird Chaim Nolls stille, flüssig erzählte Novelle ihre jüdischen und nichtjüdischen Leser in Deutschland beruhigen, sie werden ihm dankbar sein für diese andere Stimme. Wie sich das in Israel liest, während am nächtlichen Himmel die Kampfflugzeuge inzwischen wieder fauchen, ist eine andere Frage.

Chaim Noll: »Die Stille am Morgen nach dem Krieg«. XS, Berlin 2024, 128 S., 20 €

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