Comic

American Golem

Archetyp aller Comic-Superhelden: Henry Cavill als »Superman« in dem neuen Film »Man of Steel« Foto: cinetext

Ein Überlebender. Ein Königssohn, der ähnlich wie einst Mose als Neugeborener verfolgt, mit dem Tod bedroht und von seinen Eltern in einer Überlebensbox auf einem anderen Planeten in Sicherheit gebracht wurde. Hier lebt er, zunächst ohne Wissen über seine wahre Herkunft, aber in einer unbewussten Ahnung, dass er irgendwie anders ist.

Später dann, als er seine Geschichte kennt, tarnt er sich geschickt, lebt angepasst das Leben eines idealtypischen Durchschnittsbürgers: mit Brille, Kurzhaarschnitt und Trenchcoat. Und rettet gelegentlich die Welt, kämpft gegen Hitler, Außerirdische und andere Bedrohungen der Menschheit. Er trägt einen hebräischen Namen: »Kal‐El« für »Gott ist in allem«, sein Pseudonym ist Clark Kent, aber wir alle kennen ihn nur als »Superman«.

millionenauflage Superman kam vor 75 Jahren zur Welt. Am 24. Juni 1938 erschien die erste Ausgabe der »Action Comics« mit der Auftaktfolge. Auf dem Cover des nunmehr legendären Heftchens, das seinerzeit zum Preis von zehn Cent zu haben war und 2012 Sammlern etwa eine Million US‐Dollar wert war, steht Superman im schlumpfblauen Pyjama und wirft ein Auto durch die Luft.

»Ich stellte mir eine Figur wie Samson, Herkules oder wie einen der anderen starken Männer vor. Nur noch stärker.« So beschrieb Jerry Siegel seine Erfindung. Gemeinsam mit seinem Schulfreund, dem Zeichner Joseph Shuster, schuf der 1914 geborene Siegel mit Superman eine der erfolgreichsten Comicfiguren der Welt und den Archetyp aller Superhelden.

Zwei spätpubertierende Jungs aus ärmlichem jüdischen Einwanderermilieu in Cleveland/ Ohio veränderten die Welt der Popkultur. Bereits das vierte Superman‐Heft erreichte eine Millionenauflage. Bald folgten Nachahmungen: »Batman« von Bob Kane, Joe Simons »Captain America« – vor ein paar Jahren zeigte eine große Ausstellung unter anderem im Jüdischen Museum in Berlin, dass es sich bei den wichtigsten Comic‐Superhelden Amerikas um Kreationen jüdischer Autoren handelt.

erlöser Das ist wahrscheinlich nicht zufällig. Man muss kein Freudianer sein, um kompensatorische Entlastungsfantasien zu erkennen: Doppelgänger, die unter der Maske einer Durchschnittsexistenz über Superkräfte verfügen, mit denen sie alle Demütigungen des Alltags rächen, das Böse bekämpfen und die Welt verbessern.

Die Comic‐Autoren lebten in ihren Helden Wunschträume aus. Und gerade Superman wurde in der Vergangenheit oft in einem explizit jüdischen Sinn gedeutet: als Moses, als David, der immer wieder gegen Goliath kämpft, als Golem, als »ultimative jüdische Assimilierungsfantasie« (so der Karikaturist Jules Feiffer) über einen Einwanderer, der aus einer anderen Galaxie auf der Erde gestrandet ist, der sich als Außenseiter fühlt und seine Andersartigkeit im Alltag verbirgt, sich anzupassen versucht.

Oder ist Superman gar der Messias? Der Mann aus Stahl wurde auf dem Planet Krypton von seinem Vater als Erlöser gezeugt – wie es heißt, »die erste natürliche Geburt seit Jahrhunderten –, um in einer apokalyptischen Situation dem Volk des Planeten das Überleben zu sichern. So erzählt es jetzt auch ausführlich die neueste Superman‐Verfilmung Man of Steel, deren Regisseur Zack Snyder genauso ein jüdischer Amerikaner ist wie Bryan Singer, der 2006 die letzte Verfilmung dieser Figur, Superman Returns, verantwortete.

Selbst Jude ist Superman allerdings nicht. Aufgewachsen bei einer typisch amerikanischen biederen Farmersfamilie in Kansas, sieht man ihn Weihnachten feiern. Und als er seine geliebte Lois Lane heiratet, geschieht das, wie in Hollywood selbstverständlich, in einer christlichen Kirche.

nationalsymbol In den 75 Jahren seines Daseins ist Superman auch stets ein Spiegel Amerikas in seinen unterschiedlichen Entwicklungen gewesen. Anfangs war er ein Kind der Depressionsjahre und der Ära von Roosevelts »New Deal«.

Das visuelle Vorbild, nach dem Joseph Shuster die Figur gezeichnet hat, war der Filmstar Douglas Fairbanks – nur ohne Schnurrbart, so glatt rasiert, wie es sich für den braven, modernen »All American Boy« gehörte. Als bebrillter Clark Kent ähnelt er allerdings eher Harold Lloyd, dem kleinen Angestellten der Stummfilm‐Ära, der vom Aufstieg träumt – ein geschickter Erzähltrick, weil sich in dieser Figur alle Unterprivilegierten wiederfinden und als Superman gleich ihre heimlichen Allmachtsfan‐ tasien ausleben können.

Clark Kent begegnet in den frühen Comics als Reporter in der Großstadt »Metropolis« viel Alltagsnot, ist sozial engagiert und kümmert sich zunächst um Waisenkinder und misshandelte Ehefrauen. Zugleich ist er wie seine Leser dem harten Konkurrenzkampf im Kapitalismus ausgesetzt und kämpft als Angestellter des »Daily Planet« um die besten Reportageaufträge. Superman agiert damals handfest und mitleidslos, dem Klischee von Friedrich Nietzsches »Übermensch« entsprechend, nach dem ihn angeblich seine beiden Schöpfer entwickelt hatten.

Zu dieser Zeit war Superman noch keineswegs so omnipotent wie später. Zwar gab es bereits in den ersten Comics fast alle Ingredienzien der späteren Erfolgsfigur, aber der Held konnte noch nicht fliegen und besaß noch keinen Röntgenblick. Umgekehrt gab es auch kein Kryptonit – bekanntlich Supermans Achillesferse. Das kam als eine Art Strahlenwaffe erst mit dem Atomzeitalter. Als landesweite Radioshow, gesponsert von Kellogg’s Cornflakes, wurde Superman damals, vor dem Durchbruch des Fernsehens, erst richtig populär.

anti‐nazi‐kämpfer Im Jahrzehnt zuvor hatte der »Man of Steel« es vor allem mit Faschisten zu tun gehabt. Mehr als ein Jahr vor Kriegseintritt der USA hatte eine Sonderausgabe des Magazins Look im Februar 1940 gefragt: »What if Superman ended the war?« Als es dann so weit war, verprügelte der Comic‐Held Goebbels und Hitler mit einem »ganz und gar unarischen Faustschlag«, hob einen Spionagering der Nazis aus und warb für den Kauf von Kriegsanleihen.

1950 erschien das erste Superman‐Abenteuer auf Deutsch. Ende der 50er‐Jahre begann dann der langsame Abstieg. Die Zensur bügelte alles Widersprüchliche glatt, und der sowieso schon biedere Superman bekam Konkurrenz durch wilde Underground‐Comics. So geht es diesem amerikanischen Helden nicht anders als seiner Wahlheimat. Zwischen der melancholischen Härte des Millionärs Batman und der jugendlichen Heiterkeit eines Spiderman wirkt Superman bieder und konservativ. Das Versprechen des American Way of Life ist brüchig geworden, der Traum von Jerry Siegel und Joseph Shuster ein Opfer des Erfolgs wie der Desillusionierungen des Amerikanischen Jahrhunderts.

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