Fußball

Am Schabbat in der Kurve

Eine jüdische Fan- und Fußballkultur entsteht und lebt nur dort, wo Juden, tatsächlich meistens Männer, am Samstag lieber ins Stadion als in die Synagoge gehen. Schabbat Schalom in der Kurve! Ganz orthodox geht es in der jüdischen Fan- und Fußballkultur also nicht zu.

Dafür aber sehr emotional: Der jüdische Fußball-Fan, wie jeder Fan, brennt für seinen Verein, trägt seine Farben und Schals, singt seine Hymnen, schreit laut und rhythmisch seine Anfeuerungsrufe heraus, weint bei Niederlagen und umarmt seine Fan-Freunde im Tor-Jubel. Die Kurve, dicht an dicht, ist Emotion pur. Jedes Heimspiel, und erst recht auswärts. Der Fan liebt Sonntagsspiele nicht, aber sie sind gut für die Rabbiner. Denn es gibt etliche Rabbiner, die echte Fußballfans sind. Aber am Samstag leider verhindert.

Im Capa-Haus in Leipzig wurde Anfang Juni eine Ausstellung eröffnet, die den Titel trägt Mitten in der Kurve – Jüdische Fan- und Fußballkultur. Die Ausstellung ist veranlasst durch die Euro 2024 und begleitet die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland am Spielort Leipzig.

Kleine, aber feine Ausstellung

Es ist die erste Ausstellung, die sich dieser jüdischen Kultur widmet und diesen eher unbekannten Aspekt jüdischen Lebens in Deutschland heute beleuchtet. Denn sie existiert wirklich, die jüdische Fan- und Fußballkultur: nicht nur beim Pokalfinalisten Makkabi Berlin, sondern auch bei großen Bundesliga-Vereinen, beim Absteiger 1. FC Köln und bei Hertha BSC in der zweiten Liga oder beim Regionalligisten BSG Chemie Leipzig. Die kleine, aber feine Ausstellung und das ausgezeichnete Begleitheft berichten davon.

Getragen wird die Ausstellung vom Verein Netzwerk Jüdisches Leben in Leipzig, dessen Vorsitzende, die Verlegerin Nora Pester, die Ausstellung im Trikot der Nationalmannschaft eröffnete. Kuratiert und erstellt wurde sie von Simon Raulf, der die Eröffnung moderierte.

Das alte Klischee »Nur Faschos gehen zum Fußball« hat noch nie gestimmt.

Im Zentrum der Ausstellung stehen die autobiografischen Berichte und Fotos junger jüdischer Männer, die erzählen, wie sie als Kinder und Jugendliche zum Fußball kamen und nun in der Fankurve mitsingen. Ihre Berichte verschweigen nicht, dass ihnen in der Fankurve und im Fan-Milieu auch Antisemitismus, vor allem aber Sexismus, Rassismus und Antiziganismus begegnen und sie bisweilen ratlos machen

Aber das alte Klischee: »Nur Faschos gehen zum Fußball« hat noch nie gestimmt. Die Fanprojekte insbesondere der Bundesliga-Vereine haben in den vergangenen 20 Jahren sehr gute Arbeit geleistet, die Fankultur ist diverser, bunter und weiblicher geworden. Auch Linke lieben Fußball und setzen sich in den Vereinen und Fanprojekten gegen Antisemitismus und Rassismus ein.

Dem stimmten bei der Podiumsdiskussion zur Ausstellungseröffnung auch die Journalisten und Publizisten Monty Ott, Ruben Gerczikow und Felix Tamsut zu: Die gute Arbeit der Fanprojekte in Deutschland werde von der Politik gar nicht ausreichend wahrgenommen und gewürdigt, denn die positive Emotionalität des Fußballs sei gemeinschaftsfördernd und verbinde die Fans über alle Unterschiede hinweg.

Solidarität nichtjüdischer Fans

In Vereinen wie Eintracht Frankfurt oder Chemie Leipzig solidarisieren sich nichtjüdische Fans mit jüdischen Fans gegen antisemitische und rassistische Attacken. Die Beschimpfung »Du Jude« wird gekontert mit einem emotionalen Selbstbekenntnis als Fan und »Jude« gegen rechts: Auch nichtjüdische Fans etikettieren sich selbst in Akten »performativer Jüdischkeit« (so nennen es manche) als »Juden« gegen Homophobie, Rassismus und Antisemitismus. Konversion in der Kurve sozusagen.

Besonders anrührend waren die Reaktionen mancher Fangruppen auf den 7. Oktober 2023 und das Massaker der Hamas: Reaktionen der Solidarität mit Israel und Juden weltweit, welche die Erarbeitung der Ausstellung begleitet und geprägt haben und in ihr auch dokumentiert wurden.

Schon wenige Tage nach dem 7. Oktober hielten Fans von Werder Bremen im Stadion die Namen von israelischen Opfern und Geiseln der Hamas auf Schildern in die Höhe, Borussia Dortmund hat auf eigene Kosten israelische Opfer und Angehörige zum Besuch nach Dortmund eingeladen. Teilnehmer der Diskussionsrunde schilderten, gefühlt sei die Solidarität der Fußballfans mit Israel spontaner und herzlicher ausgefallen als in der staatlich subventionierten Kulturszene.

Es gab Schweigeminuten in den Stadien, Tränen, Umarmungen. Eine Emotionalität und Solidarität im Trauma, die die unterkühlte deutsche Kulturszene schmerzlich vermissen ließ.

Auf die kommende Europa-Meisterschaft 2024 warten jüdische Fußballfans gespannt, aber mit gemischten Gefühlen: Spielt die deutsche Nationalmannschaft erfolgreich, kann das wie 2006 dem deutschen Nationalismus einen neuen Schub geben.

Borussia Dortmund hat israelische Opfer des 7. Oktober und ihre Angehörigen eingeladen.

Der hat immer zwei Seiten: eine dunkelbraune, dumpfe, völkische. Aber eventuell auch eine bunte, fröhliche, diverse Seite. So wie auch die Herkunftsfamilien der Nationalspieler bunt und divers sind.

Die Fußballfans bei der Ausstellungseröffnung in Leipzig, die Mehrheit um die 30 Jahre alt, männlich und weiblich, jüdisch und nichtjüdisch gemischt, politisch eher links zu verorten, waren von der Ausstellung beeindruckt. Hier war das Interesse an der jüdischen Fan- und Fußballkultur evident und wurde von starker Sympathie begleitet. Und an den Stehtischen im Freien vor dem Capa-Haus deutete sich bereits eine gravierende Neuerung der deutschen Fußball- und Fankultur zur Euro 2024 an: Cannabis ist das neue Bier.

Die Ausstellung ist bis zum 28. Juli im Capa-Haus in Leipzig zu sehen. Geöffnet ist sie dienstags bis freitags sowie am 16. Juni und 21. Juli von 11 bis 16 Uhr (außer an gesetzlichen Feiertagen).

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