Essay

Alternative zur Diaspora

Das Judentum ist ein vielstimmiger Chor, dessen bisweilen auftretende Dissonanzen auch kreativ zu widerstreitenden Chorstimmen verarbeitet werden können. Mehrstimmigkeit ist eine jüdische Tugend, um dieses altmodische Wort einmal in Erinnerung zu rufen. Waren Moses und Aaron sich immer einig? Arnold Schönberg zeigt in seiner grandiosen, Fragment gebliebenen Oper Moses und Aron, dass das Ziel erreicht werden konnte, auch wenn sie sich oft nicht einig waren.

WÜSTENSAND Allerdings standen, nachdem die ägyptischen Heerscharen sich im Roten Meer für immer verloren hatten, nun alle Stämme im Wüstensand und mussten sich fragen: War das versprochene Land leer? Nein! Mussten die Stämme das Versprechen selbst einlösen, Realität werden lassen? Ja! Bedurfte es dazu harter gewalttätiger und strategisch durchdachter Feldzüge, geleitet von Moses, Aaron und anderen? Ja! Und wie die immer wieder neu zu erweiternden Geschichten und Lieder des Auszuges aus Zwang, Hass und Gleichgültigkeit illustrieren, ging es eigentlich nur um eines: Freiheit! Freiheit des Einzelnen, Freiheit der Stämme – und über den Rest, darunter auch die Nachbarn, konnte dann über 3000 Jahre gestritten werden.

Antizionismus gehört zur jüdischen Geschichte wie alle paar Jahrhunderte ein falscher Messias.

Das war unabwendbar und gehörte zum vielstimmigen Chor. Je weiter jüdische Stimmen von Jerusalem, Jawne, Safed und später Haifa und Tel Aviv entfernt waren, umso mehr sprachen sie entweder sehnsuchtsvoll von Zion oder waren der festen Meinung, dass die jeweilig dort Herrschenden alles anders machen sollten, weil sie den diasporischen Vorstellungen nicht entsprachen. Das Volk wollte zumeist nicht so, wie Moses und Aaron dachten, und dann hartnäckig auch einfach nicht so, wie die Diaspora dachte.

Und das lag nicht nur am Klima. Den religiösen Sehnsüchten nach Zion folgten – immens befördert von tausenderlei Formen der Judenfeindschaft – seit dem 19. Jahrhundert die säkularen Sehnsüchte nach einer eigenen Heimstatt. Die einen gingen, die anderen mussten gehen, und andere blieben in Europa.

Die amerikanische Diaspora wächst, die europäische dümpelt in einer ziemlich brüchigen Arche vor sich hin, auf deren Reling laute Stimmen zu hören sind, die eine neue Form der Assimilation verkünden: Wir definieren den Antisemitismus so neu, dass ihr, die nichtjüdischen Gegner eines jüdischen Staates, uns alle akzeptieren könnt; denn was ist uns Zion? Schall und Rauch! Wir hier in Deutschland und Übersee sind der neue Abwehrverein und definieren genau, was wir abwehren und was ihr dort an der Mittelmeerküste völlig anders machen müsst, damit wir endlich von den Antisemiten in Ruhe gelassen werden.

»RISCHES« Und jüdischer Staat sagen wir nicht, denn das ist ein Unwort. Sicher wird es so meist nicht gesagt, aber es ist des Pudels Kern. Meine unbeschreiblich starke Großmutter, die die Schoa hinter sich ließ, weil sie dagegen Überlebensfakten setzte, brachte mir bei, dass »Risches« – das schöne alte Wort für Judenfeindschaft – nicht sonderlich erklärt werden muss. Das, sagte sie, weißt du, wenn ES dir gegenübersteht. Leider, ob in Berlin, Washington oder Wien – sie hatte immer recht.

SELBSTFINDUNG Seit den 1920er-Jahren begleitet uns die Diskussion über eine der modernen und zukunftsweisenden Reaktionen auf den Antisemitismus. Der Zionismus, also nach der Haskala, der jüdischen Aufklärung, ist die wichtigste pragmatische jüdische Selbstfindung der Moderne, die von nichtzionistischen Positionen und aktuell unübersehbar lautstarken antizionistischen Wortmeldungen begleitet wird.

Das muss nicht aufregen, auch das gehört zur jüdischen Kulturgeschichte genauso, wie alle paar Jahrhunderte ein falscher Messias auftritt oder einst die überholte Meinung zu hören war, wenn schon nicht in Europa, sollten wir lieber in Birobidschan oder Uganda siedeln, weil es im Nahen Osten zu heiß und zu sandig sei.

Als in den 1920er-Jahren die Debatte über die Entwicklung der jüdischen Ansiedlung im britischen Mandatsgebiet Palästina besonders kontrovers tobte und der Jüdische Centralverein in seiner preußisch-deutschen Selbstvergessenheit eine gesellschaftliche Illusion lebte, veröffentlichte Franz Rosenzweig, herausragender Intellektueller der jüdischen Moderne, Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten. Rosenzweigs Briefwechsel mit dem christlichen Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy erschien 1928 in Martin Bubers Zeitschrift »Der Jude«. Und das war schon programmatisch.

Ob Amalek im Nahen Osten sitzt oder in Europa, werden wir noch lange diskutieren.

Zion gibt es inzwischen als jüdisches Gemeinwesen, als Staat Israel in Eretz Israel, wie Ben Gurion es kurz und knapp 1948 verkündete. Ist es mit Zion identisch? Darüber kann man grübeln, denn ein Traum, eine Vision, eine Utopie hat nie so klar umrissene Grenzen wie ein Grenzzaun, der auch noch bewacht und verteidigt werden will. Das gilt auch für die Teile der Diaspora, die ihre Kinder lieber in Israel in die Schule schicken wollen und in Netanja etliche sehr empfehlenswerte Patisserien eröffnet haben.

SALONZIONISTEN Aber, würde Rosenzweig einwenden, gibt es denn die Diaspora noch so, wie sie in den 1920er-Jahren gedacht wurde, als zum großen Erstaunen in Tel Aviv die ersten jüdischen Diebe und Sexarbeiterinnen auftauchten. Etliche gutbürgerliche Salonzionisten in Berlin, Wien und Frankfurt mussten allerdings auf dem argen Weg der Erkenntnis lernen, dass das von Herzl literarisch gestaltete Idealbild, die jüdische Utopie, mit den Unbillen der Malaria, den steinigen Feldern und dem fehlenden Wasser nicht so recht übereinstimmte.

Man fuhr mit Schiff und Fotoapparat zwar ins britische Mandatsgebiet, genoss die Strandpromenade und die vornehm-exotischen Kamele, die die Baumaterialien brachten, doch die Cafés in Berlin und Wien waren immer noch anheimelnder, Schwarzwälder Kirschtorte oder Apfelstrudel zwar nicht koscher, aber lieb gewonnen. Als die Cafés bald nicht mehr anheimelnd waren, erinnerten sich viele Familien – aber nicht so sehr an die Utopie als an die fordernde Realität, die Option blieb, solange man überhaupt noch die sogenannte Kulturnation hinter sich lassen konnte.

Wie hängen Strudel und Torten nun mit dem Antizionismus zusammen? Zunächst dadurch, dass Zionismus eine ganz konkrete kulturelle und staatliche Realität ist, über deren Werte und Entwicklungsrichtung definitiv und höchst kontrovers in Israel selbst diskutiert wird. Zionist zu sein in der Diaspora kann vieles sein, sei es, dass einen wie einst Ahawat Zion die Liebe und Begeisterung aus spiritueller Sicht erfüllt, oder sei es ganz schlicht die Sehnsucht nach dem Strand und dem unnachahmlichen Essen in Tel Aviv oder der Wunsch, das Land durch Arbeit, Studium, Militärdienst oder Kreativität in einem Start-up kennenzulernen, sich vielleicht sogar neu zu finden.

COMING-OUT Jede Generation sucht nach ihrer Antwort, und immer gibt es diejenigen, die schwanken oder das Leben in der Diaspora vorziehen. Manche sehen sich eher als Nichtzionisten, andere wiederum sind von einer idealistischen Definitionsobsession befallen, endlich ihr Coming-out als Antizionisten zu verkünden. Na und? Durch das Rote Meer sind wir schon gegangen, die Mauern von Jericho sind schon gefallen, und ob Amalek im Nahen Osten sitzt oder in Europa, werden wir noch lange diskutieren.

Franz Rosenzweig wendet sich aufgeklärt und kritisch gegen die Auffassung, dass die Tora im übertragenen Sinne vor uns hergetragen werden müsse, um uns zu schützen. Das Gegenteil sei der Fall. Wir bewegen uns vor ihr voran, sie zu schützen ist unsere Aufgabe. Das muss nun gar nicht religiös sein. Israel, Zion war immer zweierlei. Eine Utopie und eine harte und manchmal auch etwas finstere Realität, in der man das Licht unter Völkern, wie es so schön heißt, bisweilen erst suchen musste. Aber, und das ist das historisch Bedeutsame, es war immer da.

PROPHETEN Und niemand hat die staatlichen Realitäten schärfer kritisiert als die Propheten. Haben sie deswegen Zion verworfen? Natürlich nicht! Die kompliziert anmutende Gedankenakrobatik etlicher aktueller Definitionen, was denn nun Antisemitismus sei, wird nicht durch noch absurdere Definitionen verbessert.

Mit dem Schwächeln der jüdischen Dias­pora im Hintergrund geht es im Vordergrund um den schlichten Gegensatz oder besser Widerspruch. Die Antwort auf den Antisemitismus ist – auch wenn das sicher nicht alle Diskutierenden hören wollen – nicht ein Anti-Antisemitismus oder mediale Definitionsakrobatik, in der der jüdische Staat weggezaubert, verdefiniert wird, sondern der Zionismus, also das moderne Denken und Handeln im Sinne einer gelebten Wirklichkeit mit all ihren Schwächen, Stärken, Fehlern und Erfolgen. Nichtzionisten wird es immer geben.

Niemand verlangt von alle Juden, dass sie Zionisten sein mögen. Aber es hilft.

Natürlich können Antizionisten einfach ihr Coming-out haben, sollten dies aber nicht hinter einer Antisemitismus-Definition verstecken, wenn es doch einfach um die Tatsache eines jüdischen Staates geht. Auch ich kann mit Ben Gurion und Golda Meir mehr anfangen als mit etlichen Nachfolgern, aber das ist kein Argument, sondern eine Meinung, über die ich am liebsten auf einer Bank am Rothschild-Boulevard diskutiere – und zwar heftig.

Franz Rosenzweig hatte auch seine Bedenken und schrieb gekonnt ironisch, dass nach seinen Erfahrungen die Luft von Palästina nicht weise macht, doch dann fügte er bereits 1924 hinzu, dass er bedauere, nicht Zionist sein zu können. Das war vor fast 100 Jahren. Heute Zionist sein zu können, ist wahrlich nichts Besonderes, unter anderem aber auch eine Antwort auf alle Formen des Antisemitismus und eine Alternative zur Diaspora. Niemand verlangt von allen Juden, dass sie Zionisten sein mögen – aber es hilft.

Der Autor ist Kultur- und Filmhistoriker und arbeitet zurzeit an einem Buch über Humanismus und Zionismus im frühen israelischen Film.

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