Alles begann mit einem ganz normalen Seder. Es war allerdings das Jahr 2024, eine Zeit also, in der nichts mehr normal schien. Die Familie Altman hatte sich, wie immer an den Hohen Feiertagen, bei Max eingefunden und saß geschlossen und schlecht gelaunt am Tisch. Max’ Kinder Sabena und Gideon, Sabenas Ehemann Georg, die Enkel Matthias, Alice und Amira. Die zu Matthias gehörenden Kinder Ella und Emil sowie Alice’ Verlobte Bineta.
Eigentlich hätte auch Sibylla, Amiras beste Freundin, dabei sein sollen, aber die hatte wegen irgendeines wichtigen Meetings im Gropius-Bau länger dortbleiben müssen.
Früher wäre das nicht passiert, doch seit dem 7. Oktober war die Lage eben eine andere. Amira zeigte für eine schnell getippte Absage per WhatsApp einen Tick zu viel Verständnis, und Sibylla war dankbar für die Nachsicht ihrer Freundin. Der Tisch war üppig gedeckt, auch wenn sich fast die Hälfte der Anwesenden nichts aus Pessach machte.
Mazzot aufgetürmt auf Tellern
Die Mazzot lagen aufgetürmt auf Tellern. Geschälte Eier kuschelten in Schalen. Die Selleriestangen hatte Amira zuvor in Gläser gepackt und war merkwürdig stolz auf das Ergebnis. Dazu Meerrettich, Seroa – eine kleine angebratene Lammkeule – und Charosset, das obligatorische süße Apfel-Nuss-Mus. Das Mus hatten Bineta und Alice am Nachmittag eigenhändig hergestellt. Außerdem gab es Chaseret sowie etliche Keramikgefäße mit Salzwasser.
Zoomte man heraus, schienen die Altmans wie jede beliebige jüdische Familie auf der Welt.
Erst Jahre nach dem Mauerfall hatte Max mit »diesen jüdischen Traditionen« angefangen, wie Sabena despektierlich zu bemerken pflegte. Sie schob Max’ Rückbesinnung auf seine jüdische Identität augenrollend auf sein hohes Alter, dabei war Wolfs Tod der Auslöser gewesen, aber das verstand nur Amira. Gideon genoss alles daran, obwohl er seinen Vater hasste; beides durfte er nicht offen zeigen. Sabena in den Rücken zu fallen, stand unter Todesstrafe.
Matthias war indifferent, was zu seinem generell indifferenten Wesen passte, und Alice hatte sich extra eine queer-positive Haggada aus den USA kommen lassen, aus der sie vorlas, wenn sie dran war. Die Begriffe Mann und Frau fehlten vollständig, und Moses hatte plötzlich Er/Ihm-Pronomen.
Dankbar, da zu sein. Am Leben zu sein
Auch Bineta, Emil, Ella und Amira genossen das Spektakel, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Und Max war schlicht und einfach dankbar. Dankbar, da zu sein. Am Leben zu sein. 102 Jahre alt geworden zu sein. Auch, wenn es ihm eigentlich langsam reichte. Amira saß neben Max. Wie immer. Ihre Hand auf seinem Bein. Wie immer. Seine Hand über ihrer Hand. Wie immer. Sie las aus der Boomer-Haggada, wie Alice das Original nannte, und als sie an Max übergab, fiel ihr Blick auf das Lee-Krasner-Porträt. Lees Haarschnitt wie der von Amira. Der Pony: eigentlich einen Tick zu kurz. Das restliche Haar: schulterlang. Riesige Augen.
Eindringlicher Blick. Eine starke Frau. Wissend. Furchtlos. Vermutlich einem tiefen Schmerz geschuldet. Anders jedenfalls konnte sich Amira diese Art von Furchtlosigkeit nicht erklären. Eine solche Furchtlosigkeit entsteht nur in Menschen, die dem Grauen einmal tief in die Seele geschaut und standgehalten haben. Mit Narben zwar, die anderen die Geschichte erzählten, aber eben auch mit einem kräftigen Herzschlag.
Zoomte man heraus, schienen die Altmans wie jede beliebige jüdische Familie an diesem Abend auf der Welt. Zoomte man näher heran, bot sich ein anderes Bild. Was alle verband, war die Tradition, jedes Jahr aufs Neue vom Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten zu erzählen. Davon, dass dieser Auszug 40 Jahre gedauert hatte, obwohl Ägypten direkt neben Israel liegt. Und das nur, weil Gott davon überzeugt gewesen war, dass die Generation der versklavten Juden sterben müsse, damit eine Generation entstünde, die ein freies Land für freie Bürger schaffen könne.
Vier Gläser süßen Manischewitz-Weins
Nach knapp einer Stunde hatten sich nicht nur alle mehr oder weniger gewissenhaft durch die Haggada und vier Gläser süßen Manischewitz-Weins gekämpft, sondern auch Maror, Charosset, Chaseret, Karpas, Beitza und Mazzot in einem komplizierten und pedantischen Ritual verdrückt.
Endlich konnte das Essen beginnen, und die Kinder suchten den Afikoman. Für alle Beteiligten eine große Erleichterung. Egal, wie sehr man Pessach liebte. Und egal, dass diese Reihenfolge nicht den Vorschriften entsprach. Bei den Altmans hieß das eben Do-it-yourself-Judentum.
Früher wäre das nicht passiert, doch seit dem 7. Oktober war die Lage eben eine andere.
So, wie die versklavten Juden sich nach ihrer Befreiung gesehnt hatten, so sehnen sich die Juden der Gegenwart nach dem Ende der Haggada. Endlich hatte Max die abschließenden wichtigen Worte gesprochen: »Le-schanah ha-ba’ah bi-jeruschalajim ha-b’nujah!« Woraufhin Ella und Emil laut »Jeruschalajim« schrien.
Einzig Alice schüttelte genervt den Kopf. Schließlich passte dieser letzte Absatz nicht zu der Erzählung, die sie sich und anderen bei jeder Gelegenheit ungefragt auftischte, nämlich der, dass die jüdische Religion vom Land Israel und der zionistischen Fantasie, dorthin zurückzukehren, getrennt werden müsse.
»Bist du glücklich?«, fragte Amira Max. »Sehr, mein Schatz. Hat es dir gefallen?« »Ja, auch wenn ich die Feiertage noch mehr genießen könnte, wenn Sabena, Gideon und Matthias nicht so tun würden, als foltere man sie.« »Das ist meine Schuld.« »Na ja.« »Doch, ist es. Sie waren einfach zu alt, als ich mit diesem Tamtam begonnen habe.« »Sie hätten sich das Tamtam auch selbst erarbeiten können.«
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags
Mirna Funk: »Balagan«. dtv, München 2026, 386 S., 25 €