Familiengeschichte

Als das Gewissen schwieg

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Familiengeschichte

Als das Gewissen schwieg

Alexander Wolff erzählt von seinem berühmten Großvater und den Verwerfungen des Krieges

von Holger Böning  27.10.2021 08:29 Uhr

Dieses spannende Buch erzählt die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie. In ihrem Mittelpunkt stehen mit dem 1887 geborenen Kurt Wolff einer der bedeutendsten deutschen Verleger des 20. Jahrhunderts und sein 1921 geborener Sohn Nikolaus, gemeinsames Kind mit der nichtjüdischen Elisabeth Merck – Teil jener Familie, aus der der Darmstädter Weltkonzern Merck hervorgegangen ist.

Während Kurt Wolff als Verleger von Franz Kafka, Karl Kraus, Walter Hasenclever, Joseph Roth, Georg Trakl, Erich Mühsam, Heinrich Mann, Franz Werfel und Boris Pasternak 1933 sofort ins Exil geht und bald erlebt, wie die Werke von 80 Prozent seiner Autoren Opfer der Bücherverbrennungen werden, bleibt Nikolaus mit seiner 1931 von seinem Vater geschiedenen Mutter in Deutschland, ist als Jugendlicher der nationalsozialistischen Indoktrination ausgesetzt und wird Soldat der Wehrmacht, um nach 1945 in die USA zu gehen, wo sein Vater im Exil den Verlag Pantheon Books aufgebaut hat.

AUSEINANDERSETZUNG Berührend ist die Auseinandersetzung, die Kurt Wolff mit seiner ebenfalls in Deutschland gebliebenen Tochter Maria Wolff über unterschiedliche Kriegserfahrungen führt. Die Feststellung von Schuld oder Nichtschuld, so ist die Tochter 1946 in einem Brief überzeugt, könne »nur dem zugestanden werden, der die Bitternis der letzten zwölf Jahre von ihren Anfangsstadien bis zum Ende durchkostet hat«; Thomas Mann habe kein Recht, »mit Steinen auf uns zu werfen« und zu behaupten, »an uns klebt Blut und Schande«.

Im Mittelpunkt dieser Familienchronik steht, wie Kurt Wolffs Sohn Nikolaus mit seinen unterschiedlichen Identitäten zurechtkommt.

Mit bewundernswerter Behutsamkeit ist Kurt Wolff bemüht, der Tochter vor Augen zu führen, dass ihr allein vom Luftschutzkeller geprägter Blick dem Geschehenen nicht gerecht werde. Er hasse nichts so sehr wie die Rolle des Richters oder Pharisäers, er selbst habe bis zu seinem 43. Lebensjahr in Deutschland gelebt und fühle Mitverantwortung für dieses Land: »Man ist seines Bruders Hüter ...« Was sie von der erlebten Bitternis schreibe, gehe aber nicht an, denn in den Jahren bis 1939 und länger sei es den meisten Deutschen »nur zu gut gegangen«: »O, Maria, Du beschreibst die Hölle der Jahre 1944/45. Wo war Euer Gewissen 1939 bis 1943? Warschau, Rotterdam, London, Coventry, Lidice.«

Es seien die Deutschen gewesen, die die Höllengeister entfesselt und die Welt mit Hass, Bosheit, Schlechtigkeit, Grausamkeit so verpestet hätten, dass dies alles nun wie ein Bumerang auf die Urheber zurückfalle.

TRAUMATA Auch wenn der Leser viele interessante Details über die Verlegerpersönlichkeit erfährt, steht im Mittelpunkt dieser Familienchronik doch, wie Kurt Wolffs Sohn Nikolaus mit seinen unterschiedlichen Identitäten zurechtkommt. Gleiches gilt für den 1957 geborenen Enkel Alexander, der seinen Großvater Kurt Wolff nur bis zu seinem sechsten Lebensjahr erlebt hat, die Traumata seines Vaters aber bis zu dessen Tod im Jahr 2007.

Er sieht sich schicksalhaft mit jenen verbunden, die aus ihrer Heimat vertrieben oder ermordet wurden, zugleich aber auch mit solchen Tätern, die als Teil der deutschen Armee dazu beitrugen, die Mordaktionen überall in Europa abzusichern, oder – wie eine Tante aus der Familie Merck – mit Himmler befreundet waren und von ihren engen Kontakten zu den für Massenmord und Konzentrationslager Verantwortlichen profitierten oder sich nach 1933 damit brüsteten, »Vierteljuden« aus ihrem Betrieb entfernt zu haben.

Er muss erkennen, einen Teil seines Wohlstands einem im Familienbesitz befindlichen Pharmakonzern zu verdanken, der zahllose Zwangsarbeiter eingesetzt und am Krieg gut verdient hat.

Am Ende fragt Alexander Wolff sich, ob seine jüdischen »Vorfahren mit all ihrer Bildungsversessenheit nicht dazu beigetragen hatten, die Deutschen blind zu machen gegenüber ihrer staatsbürgerlichen Verantwortung, die nicht zuletzt darin bestanden hätte, sich aus dem eigenen Wohnzimmer auf die Straße zu begeben und für (ihre) Nachbarn einzutreten. Hatte das Bildungsbürgertum den deutschen Juden nicht eine Illusion von Sicherheit vermittelt, weswegen viele einfach nicht glauben konnten, dass sich das Land, das sie liebten, das Land Beethovens und Goethes und Kants, gegen jene richten würde, die seine Kultur am meisten zu würdigen wussten, mehr noch, die sie mit erschaffen und verfeinert hatten?«

Alexander Wolff: »Das Land meiner Väter. Die deutsch-amerikanische Geschichte meines Großvaters Kurt Wolff«. Übersetzt von Monika Köpfer. DuMont, Köln 2021, 478 S., 26 €

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