Jahrestag

»Schindlers Liste«: Warum jeder diesen Film gesehen haben sollte

Ben Kingsley (l.) im 1993 gedrehten Film »Schindlers Liste« Foto: dpa

»Schindlers Liste« hat unzählige Kinobesucher auf der ganzen Welt mit der Schoah konfrontiert, dem nationalsozialistischen Mord an sechs Millionen Juden. Regisseur Steven Spielberg erzählte in dem Schwarz-Weiß-Werk die auf Tatsachen beruhende Geschichte von NSDAP-Mitglied und Kriegsgewinnler Oskar Schindler (Liam Neeson), der zusammen mit seinem jüdischen Buchhalter Itzhak Stern (Ben Kingsley) im von Nazi-Deutschland besetzten Polen 1.200 Juden das Leben gerettet hat.

Der Film zeige in »außerordentlichem Detail die alptraumhafte Welt von vor 50 Jahren«, lobte die US-Zeitschrift »Variety« nach der Premiere in Washington am 30. November 1993. Man sieht, wie in Krakau SS-Einheiten jüdische Bewohner in den Tod treiben. Schindler schaut dem Gräuel zu. Man sieht den individuellen Sadismus in der Person von Konzentrationslagerkommandant Amon Göth (Ralph Fiennes), Schindlers Geschäfts-Kollaborateur, der von seiner Villa aus auf Menschen im Lager schießt.

Das Wochenmagazin »Newsweek« kürte »Schindlers Liste« zum Film des Jahres 1993, er erhielt sieben Oscars. Der mit den Unterhaltungsfilmen »E.T. der Außerirdische« und »Indiana Jones und der Tempel des Todes« berühmt gewordene Spielberg sagte dem Magazin, er habe zuvor als Filmemacher Geschichten erzählt, die überhaupt nicht wahr sein könnten. Dann habe er gedacht: »Wenn ich zum ersten Mal die Wahrheit erzähle, sollte es über dieses Thema sein.«

Bundespräsident Roman Herzog verlieh Spielberg 1998 das Verdienstkreuz

In Deutschland kam »Schindlers Liste« 1994 auf die Leinwand. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog verlieh Spielberg 1998 das Große Verdienstkreuz mit Stern. »Ihr Film hat gezeigt, dass die persönliche Verantwortung des Einzelnen niemals erlischt - auch nicht in einer Diktatur«, würdigte Herzog. »Wir müssen keine perfekten Helden sein, aber wir haben die Pflicht zu handeln.«

Der Lebe- und Geschäftsmann Schindler war alles andere als ein perfekter Held. Anfangs habe er nur Geld verdienen wollen und jüdische Zwangsarbeiter in seiner »Deutschen Emailwarenfabrik« in Polen eingesetzt. Doch dann hat er Arbeiterinnen und Arbeiter auf eine Liste gesetzt und als »kriegswichtig« klassifiziert - und so vor dem Tod bewahrt. Letztendlich unter hohem Risiko im Zuge eines persönlichen Wandels, dessen Motive nie ganz klar werden. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem würdigte ihn und seine Frau Emilie als »Gerechte unter den Völkern«.

»Schindlers Liste« sei eine »Geschichte der moralischen Gegensätze« zwischen dem Nazi-Kommandanten Göth und dem »verwundbaren, bescheidenen« Stern, sagte Annette Insdorf, Filmprofessorin an der Columbia Universität in New York City, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dazwischen stehe Oskar Schindler.

Filme, die ein großes Publikum erreichten, hätten gewöhnlich mindestens einen Darsteller, mit dem man sich identifizieren möchte. Das sei wohl weniger ein jüdisches Opfer oder ein Nazi-Tyrann, sondern vielmehr jemand, der von der »Feigheit oder Gleichgültigkeit zum heroischen Handeln wächst«.

Kritik an »Schindlers Liste«

Neben Lob gab es von vornherein auch Kritik. Ein Kommentar im Magazin »Commentary«, gegründet vom American Jewish Committee, lobte die »beeindruckende kinematografische Leistung«, bedauerte jedoch, dass nur wenige jüdische Darsteller als individuelle Personen wahrgenommen würden, sondern Juden als »schweigender, verängstigter Mob oder als schreiender, gejagter Mob« erschienen.

Der 2018 verstorbene Dokumentarfilmregisseur Claude Lanzmann, Autor des neunstündigen Werks »Shoah« (1985) mit Aussagen von Holocaust-Überlebenden, wurde in der »New York Times« mit der Aussage zitiert, er habe »Schindlers Liste« überhaupt nicht gemocht. Es sei ein sentimentaler Film und »falsch«, weil es zu einem hoffnungsvollen Ende komme. Es sei unmöglich, »bestimmten absoluten Horror« zu vermitteln, erklärte Lanzmann ein andermal. Der Holocaustüberlebende und Schriftsteller Imre Kertész sagte in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« : »Herr Spielberg hat überhaupt keine Ahnung, was Auschwitz bedeutet.«

1993 wurde in Washington das »US Holocaust Memorial Museum« eröffnet. Damals sei das Interesse an der Schoah in den USA gewachsen, erläuterte Kenneth Jacobson, stellvertretender nationaler Direktor des Verbandes »Anti-Defamation League« (ADL), der gegen die Diskriminierung von Juden eintritt. Laut Umfragen der ADL sei zu jener Zeit der Antisemitismus in den USA präsent gewesen, doch rückläufig.

Gegenwärtig sei die Zeit eine andere, sagte Jacobson dem epd. Der Antisemitismus wachse. Und was seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober in den USA geschehe, sei in einer »vollkommen anderen Kategorie«. Laut einer Untersuchung des ADL-Zentrums zu Extremismus ist die Zahl dokumentierter antisemitischer Vorfälle in den USA im Monat danach um 316 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Oskar Schindler starb 1974 in Hildesheim, Itzhak Stern 1969 in Israel. Amon Göth wurde 1946 in Polen hingerichtet. Spielberg hat nach »Schindlers Liste« die »Shoah Foundation« ins Leben gerufen. Sie zeichnete mehr als 50.000 Interviews von Überlebenden auf, um ihre Zeitzeugenberichte für die Nachwelt zu dokumentieren.

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