Joshua Sobol

»Alles ist möglich«

Der Schriftsteller über seinen aktuellen Roman, Israels neue Regierung und Frauen als Heldinnen der Gesellschaft

von Katrin Richter  25.07.2021 10:54 Uhr

»Außenseiter haben immer einen sehr klaren Blick auf die Umstände.«: Joshua Sobol Foto: Stephan Pramme

Der Schriftsteller über seinen aktuellen Roman, Israels neue Regierung und Frauen als Heldinnen der Gesellschaft

von Katrin Richter  25.07.2021 10:54 Uhr

Herr Sobol, der erste Satz in Ihrem neuen Roman »Der große Wind der Zeit« lautet: »Alles ist möglich, und alles ist unmöglich. Und es liegt in unseren Händen.« Was können Sie darüber erzählen?
Ich habe diesen Satz dem palästinensischen Geschichtsdoktoranden Adib in den Mund gelegt, der ihn zu seiner Verhörerin Libby sagt. Im Herzen einer jeden Sache liegt die Wahl. Und alles hängt davon ab, wie wir uns entscheiden. Dem aber geht voraus, wie wir geprägt sind: durch unsere Geschichte, unseren Glauben, unsere Pflichten und Verantwortungen. Dieser Satz ist für mich die Wahrheit über das menschliche Befinden. Er stellt in gewisser Weise auch die Kantschen Fragen: Was kann ich tun? Was sollte ich tun? Was darf ich tun?

Adib, die Figur aus Ihrem Roman, promoviert über den Zionismus und wird von Libby, einer professionellen Verhörerin der Armee, befragt. Warum sagt gerade er einen solchen Satz?
Er ist ein Außenseiter. Und Außenseiter haben immer einen sehr klaren Blick auf die Umstände. Vielleicht ist das eine sehr jüdische Sichtweise, aber wir waren immer Menschen, Staaten, Regierungen ausgeliefert, die uns volle Rechte, einige Rechte, einen Teil der Rechte gaben. Und viele Palästinenser fühlen genau das in diesen Tagen. Und: Dieser Satz schickt Libby auf eine Reise. Er löst in ihr eine gewisse Unruhe aus. Inspiriert durch dieses Gefühl der Unruhe, habe ich das Buch geschrieben.

Libby ist Offizierin und steht kurz vor ihrem Entlassungsurlaub. Adibs Verhör ist ihr letztes …
Libby stellt ihre Arbeit in gewisser Weise infrage. War das, was sie in den vergangenen Jahren gemacht hat, etwas wert? Wohin hat es sie geführt? Vielleicht beantwortet das Buch diese Fragen nicht, aber es stellt sie.

Sie schreiben über Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen und auch vor krassen Schnitten nicht haltmachen. Wie wichtig ist Ihnen diese weibliche Perspektive?
Ich lebte viele Jahre in einem Kibbuz, der in den 30er-Jahren von rumänischen Juden gegründet wurde. Unter ihnen waren sehr durchsetzungsstarke Frauen. Einige von ihnen zählten zu den Fallschirmspringerinnen, die im Zweiten Weltkrieg über feindlichem Gebiet abgesprungen waren. Und eine von ihnen war Surika Braverman. Sie hat sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Eine beeindruckende Frau.

Was hat Sie an ihr beeindruckt?
Sie war stark, großzügig, sehr zuvorkommend. Sie hat an sich selbst immens hohe Ansprüche gestellt. Braverman hat schließlich die Fraueneinheit der israelischen Armee gegründet. Sie war schon eine Persönlichkeit. Die Figur der Eva in dem Roman ist allerdings durch eine andere beeindruckende Frau inspiriert worden, nämlich eine der Gründerinnen des Kibbuz Mischmar HaEmek, Shulamit Badori. Sie war Regisseurin und ging in den späten 20er-Jahren nach Berlin. Ihre Enkelin erzählte mir, dass ihre Großmutter dort eine Affäre mit Bertolt Brecht gehabt haben soll.

Haben sich die Rollen von Frauen in Israel über die Jahre verändert?
Ich denke, dass Frauen – heute wie damals – wegen der konstanten Bedrohung Israels eine sehr wichtige Rolle in der israelischen Gesellschaft spielen. Israel wurde schließlich mit dem Gedanken gegründet, dass es von Anfang an eine Gleichheit zwischen Männern und Frauen geben sollte. Gerade junge Israelinnen haben einen großen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir unser Leben führen – mehr vielleicht als Frauen in Europa oder in den USA.

In einer Rezension hieß es, Ihr Buch wäre eine gute Vorlage für einen Film. Wer könnte Libbys Großmutter Eva spielen?
Als ich das Buch schrieb, habe ich nicht an so etwas gedacht. Gegen Ende dachte ich: Vielleicht wäre das eine ganz gute Grundlage für eine Serie. Aber sie zu machen, wäre zu aufwendig, denn es müssten ja mehrere Jahrzehnte abgedeckt werden. Es müsste an so vielen Orten gedreht werden. Aber zurück zu Ihrer Frage, wer die Hauptrolle spielen könnte: Vielleicht Uma Thurman? Sie ist eine starke Frau.

Welche Figur im Buch steht Ihnen außer Eva und Libby noch nah?
Duvesch. Er ist ein Siedler im Jordantal. Mit ihm wollte ich den Siedlern eine Stimme geben, die mit den Palästinensern zusammenarbeiten und ein wenig vergessen wurden. Die vielleicht auch von der Regierung benutzt wurden. Es gibt Menschen, die dort einfach wohnen und arbeiten – ohne politischen Hintergrund. Ich meine damit nicht die radikalen Siedler.

Der Roman erschien 2017 in Israel unter dem Titel »Chufschat Schichrur«, Entlassungsurlaub. Warum dieser Wechsel des Titels?
Das deutsche Wort ist doch sehr bürokratisch, sehr grammatikalisch und vielleicht nicht ganz klar. In Israel heißt das: Man hat seine Pflicht getan und hat drei Wochen frei. Für junge Menschen bedeutet das nach einer intensiven Armeezeit eine Menge! Es ist die ganz große Freiheit. Ich weiß noch heute, wie sich das anfühlt.

Können Sie dieses Gefühl beschreiben?
Mein Armeedienst war in den 60er-Jahren. Ich diente bei der Nachal, einer Kibbuzbrigade, und war im Kibbuz Schamir stationiert, ganz im Norden des Landes, auf halbem Weg zwischen dem Hula-Tal und den Golanhöhen. Nach der Grundausbildung folgte die erweiterte, spezialisierte Ausbildung. Während dieser Zeit standen wir unter großer Anspannung, denn jeder befürchtete, wirklich kämpfen zu müssen. Es war die Zeit vor dem Sechstagekrieg, und es gab große Spannungen mit Syrien. Unser Kibbuz war rund 500 Meter von den Syrern entfernt, und von Zeit zu Zeit gab es Zwischenfälle. Zweimal während dieser Zeit saß ich mit den anderen Soldaten im Lastwagen, um einen Außenposten der Syrer anzugreifen. Und diese Frage, kommen wir an einem Stück zurück oder nicht – das war intensiv. Deswegen erinnere ich mich an meinen Entlassungsurlaub als einen Moment, wieder Herr über mein eigenes Leben zu sein – zumindest für eine gewisse Zeit. Dieses Gefühl kann ich nicht vergessen. Ich wollte meiner Hauptfigur Libby davon etwas mit auf den Weg geben.

In den vergangenen vier Jahren hat sich viel getan: Mögen Sie Ihr Buch noch?
Ich mag es sehr, auch die deutsche Version. Als das Buch in Israel herauskam, wurde es ziemlich ignoriert. Es fühlt sich seltsam an, wenn ich das sage, aber jemand schrieb mir, dass es das beste Buch in Israel sei, aber es niemand mögen würde.

Warum nicht?
Vielleicht, weil es die Menschen in eine gewisse Unruhe versetzt. Nicht alle finden das gut. Denn die israelische Gesellschaft ist ohnehin schon in einem Zustand permanenter Unruhe. Und das, was wir gerade erleben, ist das Resultat davon. Ich meine: Wir haben eine unfassbare Regierung, die aus acht verschiedenen Parteien besteht. Wegen dieser Unruhe, wegen dieser Entwicklungen passt der hebräische Titel »Chufschat Schichrur« immer noch, denn ich habe schon damals gefühlt, dass die Gesellschaft möglicherweise an einem Wendepunkt angekommen ist und sich von den Konflikten und Spannungen befreien will.

Wie blicken Sie derzeit auf Israel?
Zuerst muss ich sagen, dass ich an allen Protesten, die es im Vorfeld gegeben hat, teilgenommen habe. Ich war keine zentrale Figur der Bewegung, aber ich war bei jeder Kundgebung dabei. Zweimal wurde ich gebeten zu sprechen, was ich auch gern getan habe. In Tel Aviv nahm ich den Refrain des Beatles-Songs »Yellow Submarine«, und wir machten aus »We all live in a yellow submarine« »We all live in a rotten submarine«. Das beschrieb die Situation ganz gut. Es war so offensichtlich, dass es so nicht weitergehen konnte. Netanjahu hat alle Probleme der israelischen Gesellschaft einfach ignoriert. Jetzt kommt allmählich heraus, in welchem Umfang diese Probleme vernachlässigt wurden. Er hat sich so sehr an seine Macht geklammert. Das ist schlecht für jedes Land, aber besonders für ein Land wie Israel. Es war klar, dass er gehen muss.

Sind Sie denn mit der jetzigen Situation zufrieden?
Das, was jetzt passiert ist, hätte nach der ersten Wahl geschehen sollen. Aber Benny Gantz hatte nicht die Führungskraft. So unglaublich diese jetzige Regierung auch klingen mag: Ich glaube, dass sie die Möglichkeit hat, viel Gutes für die israelische Gesellschaft zu tun. Alle Mitglieder der Regierung, so unterschiedlich ihre ideologischen Hintergründe auch sein mögen, müssen in irgendeiner Form Kompromisse eingehen, um die akuten Probleme zu lösen. Vielleicht ist sie auch eine gute Interimslösung, bis es etwas Neues gibt.

»Alles ist möglich, und alles ist unmöglich.«
Alles ist möglich. Man kommt immer auf diesen Satz zurück.

Sie wurden 1939 geboren und haben Israel in vielen unterschiedlichen Phasen und Jahrzehnten erlebt. Gibt es eine Zeit in der Vergangenheit, von der das Land für die Gegenwart – und vielleicht auch für die Zukunft – lernen könnte?
Seltsamerweise würde ich die Zeit vor und um den Zweiten Weltkrieg als Beispiel nennen, und ich will auch sagen, warum: Zwischen Juden und Arabern war Waffenruhe. Und: Es war die Zeit, in der viele Einrichtungen, ohne die unser Land heute nicht funktionieren würde, gegründet wurden. Gerade jetzt in der Pandemie haben wir erfahren, wie wichtig es ist, eine effiziente Krankenkasse zu haben. Jede Bürgerin, jeder Bürger Israels ist in der Krankenkasse versichert. Das ist das Gesetz. Und die Krankenkasse wurde in den 1920er-Jahren gegründet. Diese Einrichtung hat uns jetzt gerettet.

Wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit?
Die war in den 40er-Jahren. Es gab da diese Zeit im Jahr 1942, die später in Israel als die 200 Tage der Angst in die Geschichte eingegangen ist. Man war sich nicht sicher, ob das Afrikakorps von Erwin Rommel die britische Armee in Palästina angreifen würde. Die Briten versprachen, die Menschen mit Waffen auszustatten, sollte es zum Angriff kommen. Und die Menschen machten sich, sollte es zum Äußersten kommen, Gedanken über Selbstmord. Ich erinnere mich, wie ich als Kind einmal in der Küche auf den oberen Schrank kletterte. Dort, weit hinten, stand eine Schachtel mit Tabletten. Seltsame Tabletten. Ich nahm sie herunter und fragte, was dies sei. Jemand riss mir die Schachtel aus den Händen und brachte sie weg. Ich verstand nicht, was los war. Später fand ich heraus, dass es sich um Strychnin handelte, also Gift. Der Schock war groß. Die Erleichterung darüber, dass nichts eingetreten war, wovor man Angst hatte, war riesig! Danach folgte eine Zeit des Wohlstands.

Wie machte sich der bemerkbar? Ausschließlich wirtschaftlich?
Die britische Armee hatte über eine Viertelmillion Soldaten im Nahen Osten stationiert. Die mussten versorgt werden, und die jüdische Bevölkerung war sehr produktiv. Es war eine Zeit, die auch von einem guten Verhältnis zwischen Juden und Arabern geprägt war. Meine Eltern hatten gute arabische Freunde im Nachbardorf. Mein Vater bewirtschaftete die Zitrusplantagen im Dorf. Wir hatten arabische Händler, sie waren Freunde. Und der Nahe Osten war damals sehr offen. Menschen fuhren nach Beirut, nach Kairo. Es gab damals diesen Witz: Palästina ist ein tolles Fleckchen Erde. Man verbringt den Sommer in Beirut und den Winter in Kairo. Ich möchte gern glauben, dass es wieder so sein könnte.

Mit dem israelischen Schriftsteller sprach Katrin Richter.

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