Berlin

Aktivismus zuerst

Die gute Nachricht vorweg. Die 12. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst mit dem Titel Still Present! ist keine zweite documenta. Im Mittelpunkt sollen die »Hinterlassenschaften der Moderne« und der »daraus resultierende Notstand« stehen, heißt es in der Ankündigung. Bis zum 18. September sind Arbeiten von rund 70 Künstlerinnen und Künstlern zu sehen, und zwar an gleich sechs verschiedenen Orten.

»Die Welt ist von den Wunden gezeichnet, die im Lauf der Geschichte der westlichen Moderne entstanden sind«, skizziert Kader Attia das Konzept dahinter. »Werden sie nicht repariert, suchen sie unsere Gesellschaften weiterhin heim«, so der französisch-algerische Künstler und Kurator. Nun könnte man glauben, in diesen Zeilen schwinge das viel zitierte Konzept von Tikkun Olam, also der »Reparatur der Welt«, das aus der klassischen rabbinischen Literatur und lurianischen Kabbala bekannt ist, gleich mit.

Wo »Visionen der De-Kolonisierung« in den Mittelpunkt rücken, ist Israel nicht weit.

Doch weit gefehlt, es geht Attia nur um die Möglichkeiten des »kulturellen Widerstands«. Und damit zeigt sich bereits der Kern des Problems. Denn wieder einmal soll Kunst »engagiert« sein und sich den »drängenden Fragen der Gegenwart« stellen. Ein Künstler wird als solcher in diesem Umfeld nur noch begriffen, wenn er auch »Aktivist« ist.

Damit befindet man sich zwangsläufig im Fahrwasser der postkolonialen Theoriebildung, die sich oftmals nicht als reine Wissenschaft versteht, sondern gerne den Aktivismus mit in den Vordergrund rückt. Und wo »Visionen der De-Kolonisierung« in den Mittelpunkt rücken, ist Israel nicht weit.

Himmel Bereits bei der allerersten Installation, die Besucher im Hamburger Bahnhof, dem bedeutendsten Ausstellungsort, zu Gesicht bekommen, merkt man, gegen wen sich der »kulturelle Widerstand« da richtet. Zu sehen ist das raumumspannende Kompositbild des britisch-libanesischen Künstlers Lawrence Abu Hamdan, das den Himmel über dem Libanon zum Gegenstand hat.

»AIR CONDITIONING« ist es betitelt und zeigt finstere, geradezu dreckige Wolken. Veranschaulicht werden soll die Gewalt, die Israel den Libanesen antut, weil seine Flugzeuge regelmäßig den Luftraum verletzen würden. »Nach dem Libanonkrieg 2006 begann Israel mit einer speziellen Methode der Kriegsführung – der akustischen Konditionierung des libanesischen Luftraums, zunächst mit F-35-Kampfjets, dann mit unbemannten Luftfahrzeugen (UAVs) und wendigen, tieffliegenden Drohnen.«

Jetzt könnte man die Tatsache, dass F-35-Kampfjets erst 2016 in Israel in Dienst gestellt wurden, als Unwissenheit ignorieren – aber Petitessen dieser Art stehen symptomatisch für das Defizit einer Kunst, die sich dem dekolonialen Aktivismus verschrieben hat: Komplexitätsreduzierungen sind die Norm, Fakten und Kontexte werden oftmals ignoriert, quasi als liberaler Luxus diffamiert. Was sich assoziativ bei »AIR CONDITIONING« zudem aufdrängt, ist das alte antisemitische Stereotyp vom Juden als Brunnenvergifter, der anderen absichtlich gesundheitlichen Schaden zufügt.

Pflanze Auch der zweite Raum steht im Zeichen des Nahostkonflikts. Die Video­installation »Oh Shining Star Testify« von Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme reproduziert Aufnahmen von Überwachungskameras des israelischen Militärs des Sicherheitsstreifens, der das Westjor­danland vom israelischen Kernland trennt.

»Am 19. März 2014 überschritt der 14-jährige Yusef Al-Shawamreh die israelischen Sperranlagen, um Akkoub zu sammeln, eine essbare Pflanze, die in der palästinensischen Küche eine große Rolle spielt. Akkoub zu pflücken, ist in Israel verboten, seit die Pflanze unter Naturschutz gestellt wurde – eine Entscheidung, die angesichts der kulturellen Bedeutung der Pflanze eindeutig auf Palästinenser:innen abzielt. Nachdem er die Absperrungen zum israelischen Westjordanland überschritten hatte, wurde Al-Shawamreh von israelischen Kräften erschossen«, liest man dazu.

Israel ermordet Kinder, die einfach nur Pflanzen pflücken wollen, und vernichtet die kulturelle Identität der Palästinenser – es sind genau diese Informationen, die bei den Besuchern hängen bleiben.

Israelis Im Unterschied zur documenta sind auch Israelis auf der Biennale vertreten, beispielsweise Dana Levy, die zum Umfeld von B’Tselem gehört, einer israelischen NGO, die Israel als Apartheidstaat verunglimpft. »Erasing the Green« heißt ihr Projekt, es geht um die »Zerstörung der besetzten palästinensischen Gebiete«.

Fakten und Kontexte werden oftmals ignoriert, quasi als liberaler Luxus diffamiert.

»Die Macher der Biennale waren deutlich schlauer als die der documenta«, lautet dazu die Einschätzung von Daniel Laufer. »Indem sie eher antizionistische Künstler aus Israel einluden, setzten sie sich nicht dem Vorwurf aus, Israelis boykottieren zu wollen«, so der Künstler und Kurator von DAGESH, dem Programm der Leo Baeck Foundation, das jüdische Künstler unterstützt.

Problematisch ist für ihn aber vor allem eines: »›AIR CONDITIONING‹ und ›Oh Shining Star Testify‹ im Hamburger Bahnhof bilden ganz klar den Auftakt der Ausstellung und bestimmen somit, wie die Besucher die gesamte Biennale wahrnehmen.«

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