Ausstellung

Aktenzeichen Bundeslade

Das Geheimarchiv des Vatikan gilt als einer der rätselhaftesten Orte der Erde. Wenn ab März mit der Ausstellung »Lux in arcana – das Vatikanische Geheimarchiv präsentiert sich« in Rom das 400-jährige Bestehen des von Papst Paul V. (Papst zwischen 1605 und 1621) gegründeten Archivs gefeiert wird, wundert es nicht, wenn die ganze Welt wissen will, was die katholische Kirche in dem geheimen Archiv eigentlich aufbewahrt. Schließlich reichen die Gerüchte über die verborgenen Schätze der Kirche Roms knapp 2.000 Jahre zurück.

Schon zu Lebzeiten von Simon bar Jona, der in der katholischen Tradition Petrus genannt wird, sollen die ersten Schätze aus Israel in Rom aufgetaucht sein. So verehren die Päpste seit knapp 2.000 Jahren ein Bild, das ein Engel in Jerusalem von Jesus von Nazareth gemalt haben soll und das angeblich im Besitz des Evangelisten Markus war, bevor es nach Rom gelangte.

Diese Schätze nutzten die Päpste später, um ihren größten Wunsch zu erfüllen: Sie wollten nach dem Vorbild des salomonischen Tempels ebenfalls ein Allerheiligstes haben, einen Ort, der nur dem Papst zu betreten erlaubt war, so wie der Hohepriester des Tempels Salomons das Allerheiligste nur am Jom Kippur betreten durfte.

Menora Doch die ersten Päpste waren noch weit davon entfernt, ein Allerheiligstes bauen zu können. Nach der Tradition der katholischen Kirche musste der zweite Papst Linus (zwischen 68 und 79 u.Z.) mit ansehen, wie Kaiser Titus einen der verehrtesten Gegenstände der damaligen Welt, die Menora aus dem Tempel in Jerusalem, nach der Zerstörung des Tempels als Beutegut durch Rom schleppen ließ.

Da der Kaiser die Menora auf seinem Triumphbogen in Rom verewigen ließ, gibt es kaum einen Zweifel daran, dass der Leuchter tatsächlich in Rom war. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass die Kirche später in den Wirren des Zusammenbruchs des römischen Reiches die Menora in ihre Gewalt und in den Palast des Papstes gebracht habe. Dass sie sich bis heute im vatikanischen Geheimarchiv befindet, ist Teil dieses Gerüchts.

Möglich wurde das »Allerheiligste« der Päpste – der Ursprung des Geheimarchivs – erst nach den »Einkaufstouren« der Mutter von Kaiser Konstantin (etwa 246 bis 330), des Gründers der römischen Kirche, Helena. Die fromme Frau brachte nicht nur das angebliche Kreuz von Jesus von Nazareth und dessen Inschrift nach Rom, sondern auch die Stufen, über die Jesus zum Berg Golgatha gegangen sein soll.

Tempel Jetzt konnten die Päpste endlich ihren Tempel bauen, er ist heute noch zu sehen: die Kapelle des »Heiligsten Ortes der Welt« an der Heiligen Stiege in Rom. Dort wird noch immer das Bild verehrt, das der Engel in Jerusalem gemalt haben soll. Und wieder ist es die Stadt Jerusalem, die den Ruf der sagenhaften Schätze der Päpste in geheimnisvollen Archiven begründet.

Die Tempelritter hatten auf dem Tempelberg, in einer Burg auf dem Gelände, auf dem die Kirche der Heiligen Maria gestanden hatte und wo heute die Al-Aksa-Moschee ist, ihr Hauptquartier errichtet. In den Jahren zwischen ihrer Gründung 1118 bis zur Vertreibung aus dem Heiligen Land im Jahr 1291 durchsuchten die Templer systematisch Jerusalem nach Schätzen der Christen und Juden. Rasch verbreitete sich die Sage, dass sie im Tempelberg eine geheime Schatzkammer entdeckt und darin die Bundeslade gefunden hätten. Darüber spekulieren Wissenschaftler bis heute.

Wenn man das Geheimarchiv des Vatikan besuchen möchte, muss man zunächst an der Porta Sant’ Anna die Grenze zum Vatikanstaat übertreten, dann geradeaus an der vatikanischen Post vorbei zum Hof des Heiligen Damasus gehen. Dort liegt der unscheinbare Eingang in das geheime Reich der Päpste. Am Eingang warten geduldig die wenigen Eingeweihten, die wissen, dass der Eingang des Geheimarchivs zu den exklusivsten Souvenir-Shops Roms gehört – nur hier bekommt man Füllfederhalter, die mit der originalgetreuen Kopie der Unterschrift Michelangelos verziert sind, die im Archiv aufbewahrt wird.

Wer das Büro des Archiv-Chefs Sergio Pagano betritt, fragt sich unweigerlich, wozu er die gigantischen Fernsehschirme braucht. Monsignor Pagano spricht nur sehr ungern über diesen Punkt. Die Bildschirme sind an Überwachungskameras angeschlossen, weil im Geheimarchiv der Päpste viel geklaut wurde.

Einige der weltweit etwa 1.500 Forscher, die das Archiv benutzen dürfen, können wohl manchmal der Versuchung nicht widerstehen und nehmen ein Original mit. Der Vatikan kam angesichts der kriminellen Veranlagung einiger Historiker nicht umhin, so wenige Originale wie möglich auszuleihen. Die meisten Dokumente gibt es als Kopie auf DVD.

Schoa Durch die beiden Lesesäle geht es schließlich hinunter in den »Bunker«. Eine gigantische bombensichere Stahlbetondecke schützt die endlos scheinenden Regale. Aneinandergereiht ergäben die Bücher eine Strecke von über 80 Kilometern. In einer Klimakammer werden die besonderen Schätze aufbewahrt, so die päpstliche Bulle an König Heinrich VIII. von England, die zur Abspaltung der anglikanischen Kirche führte.

Wer den wirklich geheimen Teil des Archivs zumindest sehen will, muss aus dem Bunker in Richtung des sogenannten Turms der Winde gehen. Dort lagern die Unterlagen, die erst in zwei Jahren veröffentlich werden sollen: die Dokumente der Regierungszeit des umstrittenen Papstes Pius XII. (1939 bis 1958). Erst wenn sie der Öffentlichkeit zugänglich sind, wird die Welt wirklich wissen, ab wann der Papst die Tatsachen über die Schoa kannte und warum er dazu so wenig zu sagen hatte.

Der Autor arbeitet seit 25 Jahren im Vatikan, seine zahlreichen Bücher über die katholische Kirche wurden in elf Sprachen übersetzt.

Julia Franck

»Sie liebt, aber sie wird nicht geliebt«

Die Schriftstellerin über ihre literarische Biografie der Jüdin Baladine Klossowska und den Dichter Rainer Maria Rilke

von Knut Elstermann  11.10.2026

Aufgegabelt

Rote Bete mit Tahini

Rezepte und Leckeres

 11.10.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Texten der Jüdischen Allgemeinen

 10.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Berlin

733 Tage, 2 Stunden und 35 Minuten

Eine Ausstellung im Paul-Löbe-Haus erzählt von Verlust, Hoffnung und bleibenden Folgen in der Zeit zwischen dem 7. Oktober und dem Abkommen zur Freilassung der Geiseln

von Pascal Beck  09.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026