Jüdisches Museum Berlin

Achse der Diskontinuität

Der Weg führt durch das Untergeschoss des Libeskind-Zickzack-Baus, vorbei an der »Achse des Exils« und gerade entlang auf der »Achse der Kontinuität« bis zu der dunklen, steilen Treppe, die hinauf ins zweite Obergeschoss und in die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin führt. In hellem Licht werden tanzende hebräische und lateinische Buchstaben auf die Stufen projiziert: eine Installation in Schwarz-Weiß.

Oben steht ein großer Baum. Wer die alte Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin kennt, wird den Baum von damals noch im Gedächtnis haben – sein Nachfolger sieht allerdings ganz anders aus. Grünweiße Blätter baumeln von seinen weißen Ästen; die Installation wirkt auf den ersten Blick etwas blass.

Doch schon durch die ersten Eindrücke wird deutlich, was – wie die Chefkuratorin und säkulare Jüdin Cilly Kugelmann es ausdrückt – den Kern des Judentums ausmacht: die Heilige Schrift. »Etz Chajim«, Baum des Lebens, ist ein hebräischer Ausdruck für die Tora. Passend zu der Baum-Installation liegt eine aufgeschlagene Torarolle in der Vitrine des ersten Ausstellungsraums. Sie gehörte dem jüdischen Zahnarzt Hans Librowicz, der 1937 mit seiner Familie nach England fliehen konnte. Sein Sohn Rudi Leavor hatte sie 2011 dem Museum gespendet.

TORAROLLE Gerne wäre Leavor, bis heute Präsident der Reformgemeinde »Tree of Life Synagogue« im englischen Bradford, zur Eröffnung des Museums gekommen, doch wegen der Corona-Pandemie verzichtete der 94-Jährige auf den Flug nach Berlin. Dass ausgerechnet die Torarolle seines Vaters einen so prominenten Platz in der neuen Dauerausstellung bekommt, freut Leavor sehr: »Damit hätte ich nicht gerechnet«, sagte er der Jüdischen Allgemeinen.

Corona hat auch die Eröffnung der neuen Dauerausstellung verzögert: Eigentlich war sie für Mai geplant. Eine Zeit großer Herausforderungen für die Mitarbeiter, allen voran die neue Direktorin Hetty Berg, die im April ihr Amt antrat. Sie musste nicht nur aus dem Homeoffice heraus ihre neuen Kollegen kennenlernen, sondern hatte das Haus nach dem Abgang ihres Vorgängers Peter Schäfer im Juni 2019 ohnehin in einer schweren Krise übernommen.

Als Reaktion auf den heftigen Streit um die Haltung des Jüdischen Museums Berlin zu Israel und zur israelfeindlichen BDS-Bewegung hat Berg aber von Anbeginn klargestellt, dass das Haus unter ihrer Führung einen anderen Kurs einschlagen und sich insbesondere um mehr Kontakt zur jüdischen Gemeinschaft in Deutschland bemühen würde.

Eine »Hall of Fame« im Comicstil zeigt berühmte Juden – Jesus, Paul Celan und die Marx Brothers.

Nun setzt das Jüdische Museum Berlin einen starken künstlerischen Akzent: Nach mehr als zwei Jahren – 2017 war die alte Schau geschlossen worden – öffnet an diesem Sonntag die neue Dauerausstellung mit rund 1000 Objekten auf 3500 Quadratmetern für das Publikum. Die erste Schau hatten seit 2001 mehr als elf Millionen Menschen gesehen.

Die Neuauflage besticht nicht zuletzt durch ihre Gestaltung. Libeskind hat über seinen Entwurf des Baus einmal gesagt: »Das englische Wort Void ist in der Architektur normalerweise ein technischer Fachbegriff dafür, dass es darüber oder darunter nichts gibt. Die Leere auf Deutsch. (…) Egal, was man tut, es wird immer eine Diskontinuität durch diese Lücke bestehen. Die Lücke ist nicht besonders breit, aber es reicht, um Licht, einen Lichtstrahl zu erzeugen, der das Gebäude durchtrennt.«

DIALOG Das, was der zickzackförmige Bau von außen verspreche, habe man nach innen holen wollen, auch durch die »vielfältige und sinnliche« Verwendung von Metall, sagt Detlef Weitz von der ARGE chezweitz, die die neue Ausstellung mitgestaltet hat, bei der Eröffnungspressekonferenz am Dienstag im Glashof des Museums: »Es geht darum, mit Libeskind in einen fruchtbaren Dialog zu treten, die Stärken und manchmal auch die Absurditäten dieses Gebäudes ernst zu nehmen und daraus eine neue, starke und selbstbewusste Gestaltung für die Dauerausstellung des Jüdischen Museums zu entwickeln.«

Die ersten Ausstellungsräume sind überwiegend in Schwarz, Weiß und Grautönen gehalten. Doch in den nächsten Räumen wechseln Farbgebung und Stil. Viel Kunst ist zu sehen, insgesamt 30 Gemälde jüdischer Künstler, darunter bekannte wie Felix Nussbaum, Max Liebermann und Lesser Ury.

Eine Installation von Anselm Kiefer zeigt die kosmische Katastrophe, »Schewirat Ha-Kelim« (»Bruch der Gefäße«) – eine Interpretation der Mythen von der Erschaffung der Welt des Kabbalisten Isaak Luria. Und durch die Fenster im Libeskind-Design, in die Ausstellungsräume bewusst und aufwendig integriert, sind immer wieder der Hinterhof, die viel befahrene Lindenstraße und der Garten des Jüdischen Museums zu erkennen – so, wie man auch von außen in die Ausstellung hineinsehen kann.

ALLTAGSLEBEN Anders als zuvor wird die 1700-jährige Geschichte der Juden in Deutschland und ihr Verhältnis zu ihrer Umwelt nicht streng chronologisch erzählt. In verschiedenen Themenräumen wird gefragt: Was ist dem Judentum heilig? Was bedeutet der Schabbat? Wer möchte, kann liturgischen Gesängen oder israelischer Popmusik lauschen. In einem Mitmachspiel können Besucher sogar testen, ob sie als Messias geeignet sind – zum Zug kommen allerdings nur Männer.

Eine »Hall of Fame« im Comicstil zeigt berühmte Juden, unter anderen Jesus, Paul Celan und die Marx Brothers. Auf einer interaktiven Wand ist es möglich, auf Fotos aus Familiennachlässen zu tippen – es öffnen sich Fenster mit Einblicken in das jüdische Alltagsleben.

Die Erklärtexte zur Ausstellung sind kurz, aber gehaltvoll. Multimedial wird großgeschrieben, ohne dass die Besucher von Informationsmaschinen »erschlagen« werden – sie können sich aber von einer neuen Museums-App durch die Ausstellung leiten lassen.

EPOCHENRAUM Die Schoa ist sehr präsent, doch auf unerwartete Weise. Im Epochenraum »Katastrophe« werden auf großen Fahnen 962 antijüdische Verordnungen aus der NS-Zeit gezeigt. Sie machen die perfiden, bürokratischen Schikanen in allen Bereichen des Alltags deutlich. Neben einer Fahne mit einer Verordnung, die Juden die Abgabe von Gegenständen aus Edelmetallen an die Behörden vorschreibt, steht ein großer Schrank mit Silbergegenständen: Leuchter, Kidduschbecher, aber auch Silberbesteck und Zuckerdöschen.

Hetty Berg erklärt, die Ausstellung wolle die Schoa nicht als unausweichlichen »Flucht- und Endpunkt« jüdischen Lebens in Deutschland verstehen. »Die Geschichte der Juden hat sich nicht geändert, aber unsere Perspektive darauf« – auch vor dem Hintergrund des erstarkten Antisemitismus und den Diskussionen um Israel, dem ersten eigenen Staat der Juden nach 2000 Jahren, betont die Museumsleiterin.

Die Gegenwart bildet daher einen Schwerpunkt in der Ausstellung, die in den Schlusschor »Mesubin« von Yael Reuveny mündet – mit Videos von heute in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden. Ein großer Teil ist der Nachkriegszeit gewidmet, wie der weiß-blau gehaltene Ausstellungsraum zum Beziehungsdreieck Israel, Deutschland und die Juden mit historischem Filmmaterial über die Rekrutierung von Freiwilligen für Israel in DP-Camps oder die Gründung des Staates Israel.

Die Gegenwart bildet einen Schwerpunkt in der Ausstellung.

Politisch ist die Ausstellung in dem Themenraum zu heutigem Judenhass, eingeleitet von dem Zitat »Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden« des Philosophen Theodor W. Adorno. Hier werden die Besucher mit aktuellen Kontroversen konfrontiert, wie dem »Judensau«-Relief an der Stadtkirche zu Wittenberg. Nach einem Kurzfilm können die Zuschauer – die Zielgruppe sind vor allem Schüler – eine Ja-Nein-Frage zum Antisemitismus beantworten. In Einspielungen äußern sich Wissenschaftler, Publizisten und zweimal auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden.

In seinem Videostatement zur Beschneidungsdebatte wird Schuster persönlich: »Es wird argumentiert, es gibt psychische Schäden für das ganze Leben. Ich habe meinen Großvater kennengelernt, ich habe meinen Vater kennengelernt, ich empfand die als völlig normal. Über meine Person können andere besser Auskunft geben. Ich habe einen Sohn und zwei Enkelsöhne, alle sind beschnitten und in ihrem Verhalten in meinen Augen völlig normal.« Auch die beiden anderen Statements weisen auf die problematischen Aspekte der Beschneidungsdebatte hin – eine gelungene Brücke zu einem zentralen Anliegen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.

BUND Also alles wieder im Lot? Kulturstaatsministerin Monika Grütters gab sich bei der Pressekonferenz optimistisch, die Krise des Jüdischen Museums Berlin sei überwunden. Insgesamt mit 30 Millionen Euro Finanzierung habe sich der Bund an der neuen Dauerausstellung und dem Kindermuseum »Anoha«, das voraussichtlich im November öffnet, beteiligt – auch als »Ausdruck der Wertschätzung jüdischen Lebens in Deutschland«.

Einige Besucher äußerten allerdings den Eindruck, der Staat Israel komme in der neuen Dauerausstellung zu wenig vor. Und Salz in die noch nicht ganz verheilten Wunden streute ein Journalist bei der Pressekonferenz: In der »Hall of Fame« vermisse er ein Porträt von Theodor Herzl. Warum jegliche zionistischen Namen fehlten? Wo seien David Ben Gurion und Amos Oz?

Bei der Antwort sprang Hetty Berg ihrer Chefkuratorin Cilly Kugelmann bei: Der Begründer des Zionismus sei sehr wohl in der Ausstellung vertreten, unter anderem mit einem Zitat und einem Kunstwerk der israelischen Künstlerin Yael Bartana, die sich in Herzl-Verkleidung fotografieren ließ. Woraufhin Kugelmann zufrieden erklärte: »Theodor Herzl ist in der Tat überrepräsentiert in der Ausstellung!«

Ab Sonntag, 23. August, ist die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin für das Publikum geöffnet. Infos unter www.jmberlin.de

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