Er schießt schneller als sein Schatten und präziser als jeder Revolverheld im Westen: Seit 80 Jahren gehört Lucky Luke zu den prägenden Figuren der europäischen Comicgeschichte. Doch so sehr sein Schöpfer Morris das Bild des lässigen Cowboys formte – zur Legende wurde die Serie vor allem durch einen jüdischen Autor aus Paris, nämlich René Goscinny.
Goscinny, 1926 in Paris als Sohn polnischer Jude geboren, die zuvor nach Frankreich eingewandert waren, wuchs zeitweise in Buenos Aires und New York auf. Seine Biografie war von Migration, Sprachwechseln und kulturellen Grenzgängen geprägt – Erfahrungen, die später auch seinen Humor bestimmten: scharf, weltläufig, voller Anspielungen.
Als er in den 1950er-Jahren auf den belgischen Zeichner Morris traf, begann eine Zusammenarbeit, die mehr als zwei Jahrzehnte dauern sollte. Von 1955 bis zu seinem frühen Tod 1977 schrieb Goscinny die Texte für Lucky Luke – eine Phase, die bis heute als das »Goldene Zeitalter« der Serie gilt. In diesen Jahren entstanden zahlreiche Klassiker, in denen der einsame Cowboy auf die vier Dalton-Brüder, windige Geschäftsleute, Richter, Siedler oder andere Revolverhelden trifft.
Dialogwitz und satirische Schärfe
Goscinny verlieh der Serie Tempo, Dialogwitz und satirische Schärfe. Unter seiner Feder wurde Lucky Luke mehr als eine Westernparodie: Die Geschichten spielten mit amerikanischen Mythen, karikierten Machtstrukturen und nahmen gesellschaftliche Absurditäten aufs Korn – stets leichtfüßig, nie belehrend.
Parallel schrieb Goscinny mit Albert Uderzo auch an Asterix, schuf Figuren wie Iznogoud und prägte mit »Der kleine Nick« Generationen von Kindern. Doch während Asterix weltpolitische Allegorien im antiken Gewand bot, war Lucky Luke sein Spielfeld für amerikanische Mythen.
Dabei brachte Goscinny auch seine Ansichten ein: Als europäischer Jude, dessen Familie vor Antisemitismus und politischen Umbrüchen geflohen war, blickte er mit ironischer Distanz auf nationale Erzählungen. Der Western wurde bei ihm zur Bühne für menschliche Schwächen – Gier, Eitelkeit, Feigheit –, aber auch für Solidarität und Mut.
Ende der Ära
Sein früher Tod im Jahr 1977 – er starb mit nur 51 Jahren an einem Herzinfarkt – beendete diese Ära abrupt. Morris führte die Serie mit anderen Autoren fort, doch viele Leser verbinden bis heute gerade die Goscinny-Alben mit dem unverwechselbaren Ton, der Lucky Luke international berühmt machte.
Zum 80. Geburtstag des Cowboys erscheint nun ein umfangreiches Jubiläumsprogramm. Den Auftakt macht im März die Hommage »Dakota 1880«, in der Lucky Luke eine Postkutsche quer durch die Vereinigten Staaten begleitet. Unterschiedliche Begegnungen – mit Pionieren, Frauenrechtlerinnen, ehemaligen Sklaven oder indigenen Gruppen – sollen neue Perspektiven auf den Mythos Wilder Westen eröffnen.
Im Juni folgt mit »Die Grimm Brothers« ein Album deutscher Künstler, das Lucky Luke mit den Brüdern Grimm zusammentreffen lässt. Märchenfiguren prallen dabei auf staubige Saloons – ein kulturübergreifendes Spiel, das den Humor der Reihe in neue Konstellationen führt.
Museale Würdigung
Für November ist Band 103 angekündigt, gezeichnet von Achdé und geschrieben von Nachfolgern Goscinnys. Details zur Handlung bleiben noch unter Verschluss.
Auch museal wird das Jubiläum gewürdigt: Das Museum für Kommunikation in Berlin plant eine Ausstellung über Morris und die Entstehung des Westernhelden. Originalzeichnungen und Hintergrundmaterial sollen Einblicke in die Werkstatt des Zeichners geben.
Zugleich erreicht Lucky Luke ein neues Publikum über den Bildschirm. Eine neue Animationsserie auf Disney+ bringt den Cowboy ins Streaming-Zeitalter – ein weiterer Beweis für die anhaltende Strahlkraft der Figur.
Jüdischer Humor
Acht Jahrzehnte nach seinem ersten Ritt bleibt Lucky Luke lebendig. Doch wer heute über den Kult-Cowboy spricht, sollte auch an René Goscinny erinnern. Sein jüdischer Witz, seine literarische Bildung und seine Erfahrung als Kosmopolit haben der Serie Tiefe verliehen.
Der einsame Reiter am Horizont trägt vielleicht keinen Davidstern. Aber ohne den jüdischen Autor aus Paris wäre er nie zu der Figur geworden, die Generationen begleitet – mit Lasso, Lakonie und einem Lächeln, das breiter ist als sein Schatten. im