Gesellschaft

52-mal Schabbat

Hinterfragte ihr Selbstverständnis als Jüdin: die Schauspielerin und Schriftstellerin Lana Lux Foto: Chris Hartung

Am liebsten würde sie sie alle anprobieren, die Perücken und Hüte, Tücher, Turbane und Schleier. Das ist das Erste, was Lana Lux sagt, als sie den verwinkelten Raum im Jüdischen Museum Berlin betritt. Nicht einfach so. »Was macht das mit mir?«, würde sie fragen und herausfinden wollen, wie sie sich dabei fühlt. Es ist kein Zufall, dass sich die junge Jüdin die Ausstellung Cherchez la femme. Perücke, Burka, Ordenstracht ausgesucht hat, um ihr »Schabbat‐Experiment« vom vergangenen Jahr Revue passieren zu lassen: Ein Jahr lang, so hatte es sich die Künstlerin mit 29 Jahren vorgenommen, wollte sie jüdische Traditionen »zurückerobern« und leben – und jede Woche Schabbat halten.

»Es war so anstrengend!«, gibt sie unumwunden zu. Sie sei froh, dass der freiwillige Selbstversuch nun vorbei ist. Und sie Schabbat nun weiter halten kann, auch ohne diesen Rahmen. Lanas Lachen klingt befreit. Ja, sagt sie, das Ergebnis habe sie überrascht. Denn sie habe etwas Erstaunliches wiederentdeckt: Zeit, mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit ihrer Identität und genau das aus Religion und Tradition, was zu ihr passt.

blog Lana Lux wählt ihre Worte mit Bedacht. Das Schabbat‐Experiment habe ihr Leben verändert, »in vielerlei Hinsicht radikal«, besonders das soziale Umfeld betreffend. »Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach passiert, ich habe das so nicht erwartet.« Alte Freunde seien plötzlich weggeblieben, neue hinzugekommen. »Ich wollte versuchen hineinzuwachsen, und schauen, wohin ich mich entwickle«, beschreibt sie die Ausgangslage. Die Erfahrungen aus dem Selbstversuch wollte sie, so war es geplant, in einer Performance »zu einer fiktiven Familiengeschichte« verarbeiten – mit per Audio eingespielten Tagebuchaufzeichnungen.

Lana, die Schauspielerin. Zwischen 2011 und 2013 studierte sie Schauspiel am Michael Tschechow Studio Berlin. Sie ist es gewohnt, in Rollen zu schlüpfen. Ist Jüdin zu sein, eine davon? Es sei eher »ein Puzzleteil«, überlegt Lana, während sie die Genesis‐Zitate an der Museumswand studiert. Ein Puzzlestück, das vielleicht nicht das Bild komplettiert, aber »das Gesicht wieder kenntlich macht«.

Das geplante Stück wurde schließlich abgesagt. Geschrieben hat sie trotzdem: erst einen Blog über 52 Schabbatot, parallel dazu einen Roman, Kukolka. Im September erscheint er im Aufbau‐Verlag.

Lana, die schauspielernde Schriftstellerin, sagt, das Experiment sei vor allem ein Weg gewesen, sich »bewusst und kritisch« mit Religion auseinanderzusetzen. »Ich möchte die freie Wahl haben«, sagt sie bestimmt. »›Das hat man schon immer so gemacht‹ greift mir als Begründung für Traditionen und Rituale einfach zu kurz.« Lana Lux wirkt jünger, als sie ist. Doch es sind Sätze wie diese, die zeigen, wie dieser Eindruck täuschen kann.

etikett »Um die praktischen Inhalte der Religion in einen Kontext der Moderne zu setzen, der zu mir passt, muss ich sie kennen«, war sie vor dem Experiment überzeugt. »Ich komme aus einer Gesellschaft, die mir gesagt hat, dass ich jüdisch bin«, begründet die Künstlerin ihre Herangehensweise. Im Alter von zehn Jahren kam sie als Kontingentflüchtling mit ihren Eltern aus dem ukrainischen Dnepropetrowsk ins Ruhrgebiet.

Das Etikett Jüdin sei schwer und einfach zugleich – schwer zu ertragen und einfach, eine jüdische Identität zu haben, weil die anderen sie einem auferlegten. »Schwieriger wird es, wenn plötzlich niemand mehr sagt, dass du jüdisch bist – außer dir selbst.«

Damit fing ihr Selbstversuch im Grunde an. Galt sie in der früheren Sowjetunion laut Pass als ethnische Jüdin, kam in Deutschland plötzlich die Religion ins Spiel. Auf einmal sah sie sich mit der Frage konfrontiert: Darf ich das denn überhaupt noch sagen, dass ich jüdisch bin? Ist es denn so?

mehrwert »Die Antwort war: Ja, klar. Und doch gab es keinen Inhalt.« Den gibt es jetzt. »Für mich ist Judentum etwas anderes als Religion – es hat viel mehr mit einem Volk zu tun, mit einer Tradition, den Werten, den Geschichten: Davon geht die Faszination aus, da ist auch der Bezug da.« Religion hingegen nehme den Menschen viele Entscheidungen ab, meint sie.

Ein weiterer Grund für den Versuch, ein Jahr lang jüdisch zu leben, war ihr Kind. »Nach der Geburt meiner Tochter habe ich mich gefragt: Was gebe ich ihr mit? Welches Fundament, welche Sozialisation, welche Rituale?« Die jüdischen, welche sonst, das war klar. »Nur mit dem Religiösen«, sagt die 30‐Jährige achselzuckend, während ihr Blick zu Schwarz‐Weiß‐Fotos von religiösen und säkularen Frauen wandert, »konnte ich mich nicht anfreunden.«

Zum Glück gebe es gerade im Judentum viele Möglichkeiten, Traditionen praktisch zu leben. »Religiöse Erklärungen müssen für mich glaubwürdig sein, alles, was keinen Mehrwert hat, das mache ich nicht.«

symbole Vor zwei Bildern der orthodoxen israelischen Fotografin Sigal Adelman bleibt Lana stehen. Das untere Foto zeigt eine Mittvierzigerin mit kurzem Haar, das obere dieselbe Frau mit Rollkragenpullover, Perücke und Kopfbedeckung.

»Viele Dinge innerhalb der Religion sind eher abstrakt, während eine Kopfbedeckung etwas sehr Haptisches vermittelt, ein Symbol, durch das man sich kenntlich machen kann«, sagt die Künstlerin. Obwohl orthodox zu leben für sie nicht infrage komme, habe ihr genau das manchmal gefehlt: etwas »ganz Eindeutiges, das meiner Umgebung noch stärker signalisiert, wozu ich gehöre«. Sie habe »das Pferd nicht von hinten aufzäumen« wollen. Doch ihre Kette mit Davidstern, die trägt sie jetzt wieder öfter.

Überhaupt habe sie sich im Laufe der Zeit viel häufiger »geoutet«. Arbeitsanfragen für samstags lehnte sie ab, freitags verzichtete sie auf Theater‐ und Konzertbesuche – wegen Schabbat. »Früher, wenn mir Leute ›Frohe Weihnachten‹ wünschten, habe ich geantwortet: ›Dir auch‹. Nun sage ich: ›Das wünsche ich dir, denn ich selbst feiere Chanukka.‹«

erwartungen Als sie mit dem Experiment begann, habe sie einerseits »keine Ahnung gehabt, wie das ist, überhaupt Schabbat zu halten und dann auch noch auf längere Sicht«. Zugleich hatte sie große Erwartungen, sowohl an sich selbst als auch an das ganze Ereignis. »Alles ist blitzeblank geputzt. Es gibt großartiges Essen. Der Tisch ist wundervoll gedeckt. Alle sind richtig schick gekleidet. Es gibt immer Gäste. Am Freitagabend geht man in die Synagoge – das war meine Vorstellung von Schabbat«, erinnert sich Lana Lux.

Dann holte die Realität sie ein. »Freitagabend in die Synagoge mit einem knapp zweijährigen Kind? Das haben mein Mann und ich sofort wieder gelassen«, gibt sie ehrlich zu. Es sei einfach nicht praktikabel gewesen. »Es war viel zu spät, die Kleine drehte abends völlig auf.« Stattdessen ging die Familie samstags in die Synagoge. Aber auch das stellte sich als »unpraktisch« heraus.

»Du stehst auf, fährst in die Synagoge, fährst etwas später, damit du nicht den ganzen langen Gottesdienst mitmachst, tust so, als wärst du zufällig zu spät gekommen«, schildert Lana die ersten Schabbat‐Erfahrungen. »Das Kind quengelt, ihr wetteifert, wer mit Kind hinausgehen darf; dann triffst du ein paar Leute, es wird dann doch ganz schön. Aber dann kommt der Hunger. Kiddusch – ja oder nein? Das dauert noch länger, das Essen reicht auch nicht, also gehen wir essen – aber das funktioniert auch nicht so richtig, es ist auch nicht wirklich schön, es kommt kein Schabbatgefühl auf.«

smartphone Irgendwann aber, nach den ersten zwei, drei Monaten, sei eine gewisse Routine eingekehrt. »Nachdem mich die ersten vier Schabbatot buchstäblich freitagmorgens überraschten, bekam ich allmählich ein Gefühl für die Woche«, sagt Lana. Das habe sie sehr genossen, zu wissen: Hier fängt die Woche an, dort hat sie einen Höhepunkt, dann endet sie, und dieses Enden beginnt donnerstags.

»Da überlege ich dann meistens schon: Was brauchen wir? Was fehlt, das wird besorgt – oder eben auch nicht.« Denn mit der Zeit habe sie begriffen: »Der Schabbat ist für uns da, nicht wir für den Schabbat.« Inzwischen sei sie viel sicherer geworden. »In dem Moment, wo es keine Beobachter gibt, darf es einfach unser Schabbat sein«, schwärmt Lana. »Dann sind wir auch einmal nicht schön angezogen, die Wohnung ist nicht blitzblank, das Essen ist einfach – aber die Kerzen und der Wein, die machen einfach etwas mit einem.«

Zu den Kinderschabbatot in den Synagogen Rykestraße und Fraenkelufer geht die Familie immer. Und ab Freitagabend bleibt die Technik ausgeschaltet – auf ihr Smartphone verzichtet Lana auch weiterhin komplett. Schabbat sei für sie wie eine Meditation.

»Die Übung besteht für mich darin, zu merken: Wann wäre der Moment, in dem ich zum Handy greifen würde? Um mir dann die Frage zu stellen: Warum möchte ich das jetzt, warum genüge ich nicht mir selbst?« Diesen Moment zu erspüren, ihn festzustellen und zu überwinden, sei für sie das eigentlich Wertvolle am Schabbat. »Es mag profan klingen, aber im Umgang mit meinem Handy hat es mich viel entspannter gemacht«, sagt Lana und grinst.

Und die besten Schabbatot? Lana muss nicht lange überlegen. Das waren die, an denen sie mit Mann und Kind in den Schrebergarten der Schwiegermutter gefahren ist. »Wir haben eingekauft, vor Schabbat gegrillt, gegrillt, Glut in die Feuerschale geworfen und saßen den ganzen Abend unter freiem Himmel am Feuer – es gab nichts außer uns und unserem Gespräch.«

lücke Da ist es wieder, dieses befreite Lachen. Es rührt wohl von dem Bewusstsein, sich für 24 Stunden allem zu entziehen und danach festzustellen: »Ich habe nichts verpasst. Die Welt dreht sich auch ohne mich weiter.« Wenn sie zu anderen Zeiten nicht arbeite, habe sie das Gefühl: Sie müsste eigentlich. »An Schabbat darf ich nicht einmal, ich soll sogar ruhen.«

Schabbat, Pessach, Rosch Haschana – die Feiertage, die sie sich zurückerobert hat, fühlen sich »gut und organisch« an, sagt sie. Tradition und Wissen – diese Lücke hat die junge jüdische Künstlerin nun gefüllt.

Und dennoch, etwas fehlt ihr noch, meint sie. »Es ist definitiv nicht das Religiöse.« Sie komme gut ohne Symbole aus, sagt sie mit Blick auf die Ausstellung. Es sei auch nicht das Essen. Lana backt keine Challe – denn sie verträgt kein Gluten. Sie wird nie die Gehackte Leber ihrer Großmutter zubereiten – denn sie ernährt sich vegetarisch, aus Überzeugung.

So ist das Experiment zwar beendet. Die Suche nach mehr Puzzleteilen ist es nicht. Schon jetzt weiß Lana, was sie als Nächstes tun will: Iwrit lernen und Klarinette spielen – um das Puzzle zu vervollständigen.

Andrej Hermlin

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