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23 Minuten Grass

Günter Grass mit seinem Gedicht in der Süddeutschen Zeitung Foto: ard

»Es ist oft schwierig, mit einem Menschen umzugehen, der viel oder nur noch meckert«, sagte die Pflegeexpertin Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe vor einiger Zeit der dpa. Da ging es um das Phänomen, dass zahlreiche Senioren aufgrund altersbedingter Veränderungen im Gehirn immer unausstehlicher werden. Man müsse ihnen dann umso sanfter und verständnisvoller begegnen, riet die Expertin.

Eben dieses hat Moderator Tom Buhrow versucht, als er in der gestrigen Ausgabe der ARD‐Tagesthemen den 85‐jährigen Günter Literaturnobelpreisträger Grass zu dessen zum Gedicht umdeklarierten Anti‐Israel‐Pamphlet Was gesagt werden muss interviewte. Zuvor hatte Grass über sein Sekretariat mitteilen lassen, dass er in den Tagesthemen Fragen zu seinem Gedicht beantworten werde. Auch Mitarbeiter des ZDF‐Kulturmagazins aspekte werde er »empfangen«, wie es huldvoll hieß.

Um 23 Uhr, nach der Quizsendung »Schlau wie die Tagesschau«, war es dann so weit. Die Tagesthemen machten mit dem Thema Grass auf, man war extra mit einem Kamerateam nach Lübeck gefahren, wo Grass zunächst Auszüge aus seinem neuesten Gedicht vortrug und sich dann, ganz elder statesman, am Schreibtisch seines Arbeitszimmers sitzend, von Tom Buhrow Fragen stellen ließ.

selbstSchutz Und in der Tat versuchte die Tagesthemen‐Redaktion so gut es ging, den alten Herrn vor sich selbst zu schützen. Die Passagen des Interviews, in denen Grass sich von seiner angeblichen Sorge um einen Atomkrieg im Nahen Osten entfernt und ganz grundsätzlich über Israel herzieht (womit er zeigt, worum es ihm eigentlich geht), zeigte man im Fernsehen vorsichtshalber nicht.

Auf der Website der Tagesthemen ist die 23‐minütige Fassung des Interviews jedoch in voller Länge zu sehen. Dort zieht Grass ungeniert vom Leder: »Israel ist nicht nur eine Atommacht, sondern auch eine Besatzungsmacht.« Von den zionistischen Idealen der Anfangszeit, vom Geist des Kibbuz habe Israel sich verabschiedet, heute gehe es nur noch um Macht. »Mehr und mehr tritt dieser Machtcharakter in den Vordergrund. Jede UNO‐Resolution wird missachtet.«

Das Perfideste aber ist, wie das ehemalige Mitglied der Waffen‐SS seine Warnung vor der Atomapokalypse und der »Auslöschung« eines ganzen Volkes, wohlgemerkt des iranischen, begründet: »Der Titel Was gesagt werden muss geht ja auf das zurück, was meine Generation erfahren hat – dass man immer wieder hörte: Ja, wenn wir das gewusst hätten.« Mit »das« kann ja nur Auschwitz gemeint sein, von dem man nichts gewusst haben will. »Bis in die 50er‐, 60er‐Jahre«, so Grass, »hat man ja so getan, als seien alle Deutschen ahnungslos überfallen worden, als Opfer des Nationalsozialismus, was nicht stimmte.«

So weit, so richtig. Bemerkenswert ist allerdings die conclusio: »Deswegen bin ich der Meinung … als Bürger von diesem Recht Gebrauch zu machen und diese Dinge dann anzusprechen.« Da ging es allerdings nicht mehr um Deutschland, sondern um Israel. Weil seine Generation zu Auschwitz geschwiegen hat (als wäre es nur das gewesen), will Grass heute nicht mehr schweigen, wenn es um tatsächliche oder bloß vorgestellte Verbrechen Israels geht. So geht also deutsche Vergangenheitsbewältigung im Jahr 2012.

Und da die Ehre der Waffen‐SS bekanntlich Treue hieß, gilt es, den Fehler von damals heute auf Israels Kosten wiedergutzumachen: »Dieses Aussparen (der Kritik an Israel; Anm.d.R.), dieses feige Sich‐Wegducken, das schlägt schon in Nibelungentreue um.« Und weiter: »Dass ich nicht genügend Fragen gestellt habe, als 14‐, 15‐Jähriger, das sind Dinge, die mir bis heute nachgehen.«

Selbstverteidigung Darum müsse die »zu lange Rücksichtnahme« auf »das Land Israel« endlich beendet werden. Und weil Deutschland den Zweiten Weltkrieg »angezettelt« hat, darf es heute keine U‐Boote an Israel liefern, die der Selbstverteidigung dienen. Unterschiede zwischen Israel und Nazideutschland dürfen in einer solchen Argumentation natürlich keine Rolle spielen – das wäre ja ein »feiges Wegducken«.

Gleichzeitig beharrt Grass darauf, das alles geschehe zum Besten Israels: »Ja keine Kritik an Israel ist das Schlimmste, was man Israel antun kann.« Schlimmer offenbar als ein Angriff aus dem Iran oder Raketen aus dem Gazastreifen. Man wünschte sich, die selbst erklärten Freunde Israels würden es dem Freund einmal überlassen, zu entscheiden, was gut für ihn ist. Grass hört ja auch nicht auf den Rat von Freunden, die ihm raten, lieber den Mund zu halten. Oder er beeilt sich, wenn dieser Freund Tom Segev heißt und israelischer Historiker ist, worauf Tom Buhrow hinwies, sogleich zu versichern: »Das ist nicht mein Freund.«

Und das waren nur die Passagen, die die ARD nicht ausgestrahlt hat. »Ich bekomme haufenweise E‐Mails von Menschen, die mir zustimmen«, rühmte sich Grass in den Tagesthemen. Man kann sich vorstellen, was für E‐Mails das sind. Es sind wohl solche, wie sie sich auch in den Kommentarspalten im Internet finden und auf die es so wenig Grund gibt, stolz zu sein, wie auf das Lob, das Grass vonseiten der iranischen Nachrichtenagentur Press TV erfuhr: »Noch nie zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat ein prominenter Intellektueller Israel auf so mutige Weise kritisiert wie Grass mit seinem Gedicht. Metaphorisch gesprochen, ist Grass ein lyrischer Vernichtungsschlag gegen Israel gelungen.«

Derweil stilisiert der Walser‐Sohn Jakob Augstein auf Spiegel‐Online Grass heute schon zum neuen Messias: »Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.« Ein regelrechtes Wort zum Karfreitag. Sage niemand, die Traditionen des christlichen Abendlandes seien nicht mehr lebendig.

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