Bilbao

20 Jahre Guggenheim-Museum

Mit 1,2 Millionen Besuchern im vergangenen Jahr war das Museum im Baskenland deutlich erfolgreicher als die Zentrale in New York. Foto: dpa

Geheimnisvolle Wesen steigen aus dem Nervión-Strom. Irgendwo schlägt jemand mit Klanghölzern auf einen Baumstamm – die Txalaparta, das Instrument der baskischen Volksmusik.

Dann eine rote Feuerwand, dunkle Ketten klirren über ein Laufrad, ein enormer Hammer schmiedet Stahl. Aus Lautsprechern dröhnt psychedelische Computermusik über den Fluss. Plötzlich ein gleißendes Licht vom Himmel, reflektiert von einer Oberfläche aus Titan. Als wüssten es die Zuschauer nicht längst – am Ende der Schriftzug auf dem Gebäude: Guggenheim-Bilbao XX.

Am 18. Oktober ist der 20. Geburtstag der architektonischen Ikone des Baskenlandes, des Guggenheim-Museums des jüdisch-kanadischen Architekten Frank O. Gehry mit seiner spektakulären Titanhülle. Es hat die nordspanische Hafenstadt Bilbao so sehr verändert, dass der Begriff vom »Bilbao-Effekt« oder »Guggenheim-Effekt« geprägt wurde. Zum Jahrestag hat die Leitung des Hauses der Stadt nun die Licht- und Toninstallation »reflections« spendiert.

Aufschwung Mit dem Museum nahm Bilbao einen beispiellosen Aufschwung: Es war eine vom Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie geprägte Hafenstadt, in der die Luft schmutzig, die Hauswände rußig und die Arbeitslosigkeit hoch waren. International machte sie nur dann Schlagzeilen, wenn die baskische Terrorgruppe ETA einen Anschlag verübt hatte.

Heute lädt entlang des Nervión-Flusses eine Parkanlage zum Joggen und Spazieren ein; wo einst Hochöfen in den Himmel ragten, steht ein Kongresszentrum. Die Fassaden sind dank öffentlicher Subventionen für die Renovierung längst wieder sauber.

Von Melancholie oder gar Trauer wegen der verloren gegangenen Identität als Stadt der Schwerindustrie ist nirgends etwas zu spüren. Bilbao scheint die Weichen von der Industrie zur Dienstleistung erfolgreich gestellt zu haben. Das schreiben heute viele dem Guggenheim-Museum zu. Im Jahr 1997 konnte sich kaum einer vorstellen, dass die Stadt einmal von einer Million Touristen im Jahr besucht werden würde, die wegen der Kultur kommen – und auch wegen der erstklassigen Gastronomie.

erfolg Museumsdirektor ist seit Beginn an Juan Ignacio Vidarte. Der Baske legt zum Jubiläum beeindruckende Zahlen vor: Er hat die Filiale in Bilbao zur erfolgreichsten der gesamten Guggenheim-Kette gemacht: Mit 1,2 Millionen Besuchern im vergangenen Jahr war das Museum im Baskenland deutlich erfolgreicher als die Zentrale in New York. 20 Millionen Menschen haben die Ausstellungen besucht, davon waren 37 Prozent Spanier.

Die Besucher hätten in den vergangenen 20 Jahren 4,3 Milliarden Euro zum baskischen Bruttoinlandsprodukt beigetragen, rechnet Vidarte vor, und mehr als 5000 Arbeitsplätze geschaffen. Das Guggenheim-Museum habe seit seinem Bestehen rund 660 Millionen Euro an Steuern gezahlt. Die Baukosten beliefen sich hingegen auf nur 133 Millionen Euro.

Dabei hatte das Gebäude vor seiner Eröffnung für viel Kritik gesorgt: Der Nervión werde zum Panama-Kanal für die imperialistische Kulturpolitik der USA, lästerte der baskische Bildhauer Jorge Oteiza. Niemals würden seine Werke in diesem Bau zu sehen sein, kündigte er an.

Konzept Oteiza ist neben dem Bildhauer Eduardo Chillida einer der bekanntesten Vertreter der baskischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Er versuchte lange vor der Eröffnung des Guggenheim-Museums, ein Zentrum für die baskischen Künstler zu entwickeln. Sein Konzept ist damals gescheitert.

Heute zählen auch Werke aus Oteizas Hand zur Sammlung des Guggenheim Bilbao. Insgesamt umfasst sie 130 Arbeiten von 74 Künstlern. Das Museum hat für seine Sammlung bislang 110 Millionen Euro ausgegeben, beziffert deren Wert aber auf inzwischen 729 Millionen.

Die größte Sorge der Kritiker war vor 20 Jahren, das mächtige Guggenheim werde den Künstlern aus der Region keinen Raum mehr lassen, sie regelrecht erdrücken. Es werde wie eine Franchise-Kette Ausstellungen aus New York über seine Filialen verteilen. Baskische Kunst habe keine Chance, in dieses Vermarktungssystem aufgenommen zu werden. Kunstgalerien hofften hingegen, das Museum könnte Werke lokaler Künstler bei ihnen kaufen oder Sammler in ihre Läden bringen.

Anspruch Aus heutiger Sicht klingen die Sorgen, aber auch Hoffnungen von damals ein wenig provinziell. Das Guggenheim-Museum habe einen internationalen Anspruch, keinen lokalen, sagt Juan Manuel Lumbreras. Der baskische Galerist hat eine Vorliebe für zeitgenössische spanische Künstler, die weniger im Scheinwerferlicht stehen, etwa Marcelo Fuentes und Rosa Artero. Seine Kritik am Guggenheim ist eine andere: Das Museum in Bilbao habe keine eigenen künstlerischen Leiter. Vidarte sei ein Mann der Zahlen, die Zentrale in New York zeichne für das Programm verantwortlich.

Ignacio Mugica, Miteigentümer der Galerie CarrerasMugica, die nur wenige Meter entfernt vom Bauwerk von Frank O. Gehry liegt, sieht gerade darin einen Vorteil: So sei das Museum nicht dem Druck der Lokalpolitik ausgesetzt.

Die lokale Kunstszene, sagt er, profitiert anders als erwartet von dem spektakulären Nachbarn: Auf internationalen Kunstmessen wecke eine Galerie aus der baskischen Hafenstadt heute Interesse, während Messebesucher früher skeptisch geblieben seien: »Das Guggenheim hat Bilbao einen Platz in der internationalen Kunstwelt gegeben.«

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