Schweiz

Zwölf Töne

Aller Anfang ist schwer: Übung im Schofarseminar Foto: Peter Bollag

In der Basler Ahornstraße herrscht an diesem warmen Spätsommerabend ein wenig Schulatmosphäre: Der Lehrer, Rabbiner Zalman Wischetzky, verfolgt von vorn aufmerksam, was seine Schüler tun. Sie sind an Pulten platziert, natürlich mit Corona-Abstand.

Es ist eine Gruppe von zwölf männlichen Teilnehmern im Alter zwischen neun und 75 Jahren. Sie alle haben einen Schofar an den Lippen und bemühen sich, ihm Töne zu entlocken – mit einigem Erfolg.

Der neunjährige Liam als Jüngster erntet für seine Töne großen Applaus aus der Runde und auch vom Lehrer. Rabbiner Wischetzy sagt: »Schofarblasen ist ein wenig, wie wenn man eine Zitrone auspressen möchte. Man muss behutsam und langsam vorgehen.«

Kosten Die Teilnehmer haben für den Kurs 100 Franken bezahlt und dafür auch einen eigenen Schofar bekommen. Das »Schofar-Seminar«, wie Rabbiner Wischetzky die Veranstaltung betitelt hat, ist in Basel auf ziemlich großes Interesse gestoßen. »Ich finde es wichtig, gerade in diesem Corona-Jahr die Mizwa des Schofarblasens einem breiteren Publikum näherzubringen«, sagt er. Darum sei ihm die Idee gekommen, ein solches Seminar anzubieten.

Zwar können in der Schweiz die Rosch-Haschana-Gottesdienste unter Auflagen stattfinden, doch weil gerade viele ältere Menschen nicht in die Synagoge kommen wollen oder können, ist die Nachfrage nach Freiwilligen, die die Mizwa privat durchführen, sehr groß.

»Ich weiß, dass ich so einigen Menschen den Feiertag verschönern könnte«, sagt ein jüngerer Seminarteilnehmer. Zwar sei die Zeit bis zum Neujahrsfest sehr kurz, aber er gebe die Hoffnung nicht auf, dass er das Blasen noch lernt.

Halacha Für Rabbiner Wischetzky ist wichtig, dass die Anwesenden nicht nur lernen, die richtigen Töne zu blasen, sondern sich auch mit den strengen halachischen Vorschriften des Schofarblasens auseinandersetzen. Darum hat er ein dreiseitiges Merkblatt mit den wichtigsten Regeln zusammengestellt, das die Teilnehmer zwischendurch immer wieder konsultieren: Wie viele Töne bläst man genau? Zwischen welchen Tönen darf man, ja, muss man sogar atmen? Wie hält man den Schofar richtig?

Was passiert, wenn jemand dem Instrument trotz der größten Bemühungen keinen Ton entlocken kann? Wann ist ein Schofar koscher, wann »passul«, ungeeignet?

Der aus Israel stammende Rabbiner, der seit rund 15 Jahren das Basler Chabad-Zentrum leitet, gibt Antwort auf alle diese und viele weitere Fragen und erklärt im zweiteiligen Kurs auch aus aktuellem Anlass, warum man am Schabbat keinen Schofar bläst.

mizwa Auch die Frage eines Teilnehmers, wieso eigentlich eine zweite Person alle Töne laut vorsagen muss, beantwortet Wischetzky: »Der Baal Tokea, der Schofarbläser, muss sich absolut auf die Mizwa konzentrieren und kann diese Aufgabe nicht auch noch übernehmen.«

Trotz aller Ernsthaftigkeit wird bei dem Seminar aber immer wieder auch gelacht. »Es kommt kein Ton heraus, nur ein wenig Corona«, kommentiert Rabbiner Wischetzky beispielsweise den erfolglosen Versuch eines Teilnehmers. Und ein anderer Teilnehmer erzählt: »Ich arbeite zurzeit im Homeoffice, heute gab es vor dem Haus den ganzen Tag laute Bauarbeiten mit dem Presslufthammer. Als die Arbeiter Pause machten, habe ich mich dann revanchiert – und Schofarblasen geübt.«

Beim Verabschieden gibt Rabbiner Wischetzky denjenigen, die daran zweifeln, dass sie es in den wenigen Tagen noch schaffen, dem Schofar die richtigen Töne zu entlocken, als Trost mit auf den Weg: »Am Ende von Jom Kippur bläst man ja ebenfalls noch einen Schofarton. Vielleicht schaffen Sie das – bis dahin sind ja noch einige Tage mehr Zeit.«

Spanien

Bericht: Jüdische Touristen von Menschenmenge verfolgt

Erneut ist es in Barcelona zu einem antisemitischen Vorfall gekommen: Zwei jüdische Touristen wurden eigenen Aussagen zufolge von mehreren Menschen verfolgt, bespuckt und beleidigt

 07.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Terrorismus

In diesem Land gibt es keinen Platz für Islamisten. Sie sollten konsequent abgeschoben werden

Eine Klarstellung

von Jessie Katz  05.07.2026

Ungarn

Ein Löffel Paprika, eine Prise Identität

Lili Lantos präsentiert auf Instagram ihr digitales Kochbuch mit jüdischen Familienrezepten. Dabei schafft sie Nähe, ohne viele Worte zu verlieren

von Nicole Dreyfus  05.07.2026

Wien

Antisemitismus am Denkmal für einen Antisemiten

Ausgerechnet am umstrittenen Denkmal für den einstigen Wiener Bürgermeister Karl Lueger ist es zu einem judenfeindlichen Eklat gekommen

 03.07.2026

Großbritannien

London ehrt Stefan Zweig

84 Jahre nach seinem Tod wird der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig in London geehrt. Dorthin war er 1936 vor den Nazis geflohen

 02.07.2026

Schweiz

Zürcher Attentäter schweigt vor Gericht

Der 17-jährige Angeklagte, der am 2. März 2024 in Zürich einen orthodoxen jüdischen Mann fast tötete, verweigert vor Gericht jede Aussage. Ihm droht wegen mehrfachen versuchten Mordes die höchstmögliche Jugendstrafe von einem Jahr Freiheitsentzug.

von Nicole Dreyfus  02.07.2026

USA

Es war einmal ein »Reich der Güte«

Vor 250 Jahren wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Aus jüdischer Perspektive war die Entstehung der Neuen Welt auch der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte

von Paul Bentin  02.07.2026

Großbritannien

Oberrabbiner Mirvis fordert, den Ruf »Tod der IDF« unter Strafe zu stellen

Oberrabbiner Mirvis hat die Politik seines Landes zu einem schärferen juristischen Vorgehen gegen anti-israelische und antisemitische Hassrede aufgefordert

 01.07.2026