Österreich

Zwei Tote, 21 Verletzte

Nach dem Anschlag am 29. August 1981 Foto: ullstein bild - Imagno



Wenn Wilhelm Steiner über den 29. August 1981 spricht, dann werden seine Arme zu Wegweisern. »Dort stand er, der Mann mit der Airlinetasche, und dort der Polizist.«

Wilhelm Steiner sitzt in einer Fenster­nische des Stadttempels in der Wiener Seitenstettengasse, in der Hand eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug. Er schielt über den Rand seiner Brille und erzählt, grüßt Vorbeigehende, hält Smalltalk. Er deutet auf einen Punkt weiter oben in der Seitenstettengasse und auf eines der geschlossenen Nachtlokale gegenüber. Dann dreht er sich um und zeigt auf die Fenster im ersten Stock. »Dort haben wir gewohnt.« Von dort oben habe er die ganze Sache beobachtet. Die Sache: Das ist der Anschlag auf den Stadttempel durch palästinensische Terroristen vor genau 40 Jahren.

HAUSTECHNIKER Wilhelm Steiners Mutter war Mädchen für alles im Stadttempel, sie bereitete das Essen für die Beter, putzte. Heute arbeitet Wilhelm Steiner als Haustechniker in der Synagoge. Hier ist er aufgewachsen, in genau jenem Gebäude, in dem heute auch die Büros der Israelitischen Kultusgemeinde untergebracht sind.

Kanzler Bruno Kreisky, selbst Jude, suchte den Dialog mit der PLO.

Aus dem Fenster geguckt habe er damals eigentlich nur, weil ihn seine Mutter gebeten hatte, zu schauen, ob denn die Beter nach dem Schabbatgottesdienst schon auf die Straße kämen.

Als er da stand, sah er einen Mann mit einer Tasche, der mit einem Passanten stritt. Das Gebet war noch nicht aus. Komisch sei dieser Streit gewesen, sonderbar laut. Vor allem, als der Mann plötzlich ein Eierbrikett aus der Tasche gezogen und es auf den Polizisten weiter unten in der Straße geworfen habe. »Ich hab noch zu meiner Mutter gesagt: ›Der muss verrückt sein.‹« Und dann knallte es ganz laut.

Was wie ein Brikett aussah, war eine Handgranate. Dann rannte der Attentäter die Seitenstettengasse hinauf – und wurde vom Leibwächter des Industriellen Leopold Böhm niedergeschossen.

Wilhelm Steiner deutet auf einen schmalen Durchgang zur Ruprechtskirche: »Da stand er, der Rudi.« Steiner meint den Leibwächter. Der habe den Polizisten in einen Hauseingang gezogen und auch den Mann, mit dem der Attentäter gestritten habe. Beide waren am Leben. Was Wilhelm Steiner da aber noch nicht wusste: Es gab noch einen zweiten Mann. Der hatte zeitgleich mit der Detonation der Granate oben auf dem Friedmann-Platz begonnen, um sich zu schießen, eine junge jüdische Frau getötet, die sich schützend über ihren Kinderwagen gebeugt hatte, sowie ein älteres Mitglied der Kultusgemeinde.

Zwei Menschen kamen an diesem Tag ums Leben, 21 Personen wurden verletzt. Die Attentäter konnten gefasst werden.

TERRORJAHRE Es waren die Jahre des Terrors in Wien: 1973 hatten Palästinenser Extremisten in Marchegg östlich von Wien drei jüdische Migranten aus der Sowjetunion und einen österreichischen Zollbeamten in ihre Gewalt gebracht, 1975 die Geiselnahme in der OPEC, 1979 explodierte ein halbes Kilogramm Plastiksprengstoff im Hof einer Synagoge in Wien, im Mai 1981 wurde der SPÖ-Politiker und Präsident der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, Heinz Nittel, in Wien erschossen, im August desselben Jahres der Anschlag, den Wilhelm Steiner miterlebte, 1985 schließlich ein Attentat auf den El-Al-Schalter am Wiener Flughafen. Anschläge, die allesamt PLO-Abspaltungen und der Abu-Nidal-Gruppe zugeschrieben wurden.

Politisch wiederum waren es die Jahre unter Bruno Kreisky. Der Bundeskanzler, selbst Jude, hatte den politischen Dialog mit der PLO gewagt und Yassir Arafat zum Gesprächspartner auf Augenhöhe gemacht. 1979 kam Arafat sogar zu Besuch nach Wien. Bereits 1977 hatte die PLO ein Verbindungsbüro in Wien eingerichtet.

Zugleich aber war Kreisky, früher Austromarxist, eine Koalition mit der rechtsnationalen FPÖ eingegangen und hatte sich schließlich mit dem als »Nazijäger« bekannt gewordenen Schoa-Überlebenden Simon Wiesenthal hasserfüllte Debatten geliefert.

TÄTER-OPFER-UMKEHR Benjamin Nägele, der Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, spricht von antisemitischem Terror, der »von der damaligen Regierung nicht als solcher anerkannt wurde«. Vielmehr habe eine Täter-Opfer-Umkehr stattgefunden, die so in Österreich heute unvorstellbar sei.

Heute gibt die Wiener Kultusgemeinde ein Fünftel des Budgets für ihre Sicherheit aus.

Und dennoch: Wilhelm Steiner nennt Wien in den 70er- und 80er-Jahren eine »Insel der Seligen« – mit Ausnahmen!

»Die wollten die Leute töten, die aus der Synagoge kamen«, sagt er. »Stellen Sie sich das einmal vor!« Er deutet auf die Gasse, »100 Leute auf der Straße, eine Granate – wie schlimm das ausgegangen wäre!«

Und so war es wohl ein glücklicher Umstand, dass der Mann mit der Airline-Tasche die Nerven verlor. »Denn da gab es keine große Security«, erzählt Wilhelm Steiner. Ein Polizist habe dort gestanden in der Gasse, die Waffe im Lederhalfter. Auch Zutrittskontrollen gab es nicht. Einige Studenten hätten am Eingang gestanden, erzählt Steiner weiter. »Und die haben dann einfach die Türen geschlossen.«

Heute gibt die IKG jedes Jahr mehr als vier Millionen Euro für ihre Sicherheit aus. Das sind laut Benjamin Nägele 20 Prozent des Budgets. Gerade seit Mai verzeichne man einen »rasanten Anstieg antisemitischer Übergriffe und Vorfälle bei Anti-Israel-Demonstrationen und den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen.« Das Spektrum antisemitischer Gruppierungen sei heute ein ganz anderes als damals, sagt Nägele: »Es ist viel breiter.«

Kanada

Ein wenig Mizwa, sehr viel Macho

Das Magazin »Rolling Stone« kürte Drake einst zum »größten jüdischen Rapper aller Zeiten«. Doch der Anfang war hart

von Sarah Thalia Pines  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Treffen

Bob Dylan bei Papst Leo XIV. im Vatikan - mit Cap und Kapuze

Der Musiker und Songwriter Bob Dylan ist 1997 zum ersten Mal einem Papst begegnet - damals in Bologna, bei einem Jugendtreffen. Nun kam er in den Vatikan und sprach dort mit einem Landsmann

von Ludwig Ring-Eifel  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

Internetbetrug

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau warnt vor Fake-Webseite

Wer die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen will, muss bei der Buchung aufpassen. Denn aktuell gibt es eine gefakte Webseite, teilte die Gedenkstätte mit

von Christiane Laudage  04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

USA

Jüdische MAGA-Aktivistin an der Uni mit Tod bedroht

Die jüdische Studentin und Trump-Unterstützerin Liz Benichou wurde auf dem Campus der University of Michigan attackiert und zu Boden gestoßen

von Nicole Dreyfus  04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

USA

Die innere Sicherheit

Wie jüdische Gemeinden ihren Alltag gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen – und sich zunehmend selbst schützen müssen. Ein Ortsbesuch in Washington, D.C. und Miami

von Katrin Richter  02.11.2026