Schweiz

Zu Hause in Biel

Jahrhundertelang fast ohne Antisemitismus: Biel (Marktplatz) Foto: JA

Der Blick zurück in die Geschichte der jüdischen Minderheit in Europa ist meist ein düsterer. Es gab kaum eine Stadt oder Region, die sich nicht durch Pogrome, Diskriminierung oder Enteignung schuldig gemacht hat. Nicht verwunderlich, dass die europäischen Juden jener Zeit kaum von einer Heimat sprechen konnten, einem an sich positiven Begriff.

Randerscheinung Doch es gab Ausnahmen. In Biel, einer Stadt im Schweizer Seeland, blieben die Juden sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit von Antisemitismus nahezu verschont. Darum nennt die Schweizer Historikerin Annette Brunschwig ihr Buch Heimat Biel. »In den Perioden, in denen die Juden in der Stadt lebten, bot sie ihnen Schutz, Auskommen und Heimat«, begründet sie ihren Buchtitel. Auch in den 30er-Jahren, als sich in Deutschland die Situation zuspitzte, war in Biel Antisemitismus eine Randerscheinung.

Annette Brunschwig hat in ihrem Buch detailgetreu den Wandel und die Veränderung der jüdischen Bevölkerung festgehalten. Beginnend im Jahr 1305, als die erste jüdische Person in Biel sesshaft wurde, bis zum Zweiten Weltkrieg schildert sie chronologisch genau die Veränderungen im Leben der Bieler Juden. Das Buch ist Teil einer Schriftenreihe des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), die im Chronos-Verlag erscheint. Werke über die Juden in Basel und St. Gallen liegen bereits vor, demnächst ist ein Buch über die Juden in Bern geplant.

Brunschwig schreibt, dass es früher in der Schweiz Pogrome gab wie anderswo auch, etwa wenn eine Pestepidemie ausbrach und die Bevölkerung Sündenböcke suchte. Die Autorin hat herausgearbeitet, dass die Seeländer Juden im Mittelalter weniger in Furcht lebten als ihre Leidensgenossen in Bern oder Basel. Auf bischöflichen Druck hin wurde im Jahr 1450 aber auch aus Biel die letzte jüdische Familie ausgewiesen. So blieb die Stadt für mehrere Jahrhunderte ohne jüdische Bevölkerung. Erst im frühen 19. Jahrhundert kamen aus dem Elsass wieder Zuwanderer. Dies gefiel aber längst nicht allen Schweizer Städten. So beklagten sich etwa Bern und Basel über »all die herumtreibenden Juden«.

Wandel Brunschwig gelingt es gut, den Wandel zu beschreiben, den die Migranten in Biel ausgelöst haben. Anhand der Gründer von Kolonialwarenläden, Warenhäusern oder Uhrenmanufakturen beleuchtet sie den Ideenreichtum und Geschäftssinn der jüdischen Bevölkerung. Die erste Synagoge aus dem Jahr 1883 hat für die Historikerin eine besondere Bedeutung, war es doch auf dem Dachstuhl jenes Gotteshauses, wo die Autorin das Quellenmaterial für ihr Buch fand.

Brunschwig hat ein fundiertes Buch geschrieben. Die Lektüre setzt historisches Wissen voraus, doch die übersichtliche Gliederung und die Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels erleichtert es dem Leser, die Thematik zu verstehen.

Annette Brunschwig: »Heimat Biel. Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz«. Chronos, Zürich 2011, 238 S., 29,00 €

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Interview

»Das ist nicht normal«

Regina Sluszny überlebte die Schoa, weil sie von katholischen Belgiern versteckt wurde. Angesichts des Strafverfahrens gegen Mohalim fragt sich die Vorsitzende des jüdischen Dachverbands FJO, ob es für Juden in Belgien noch eine Zukunft gibt

von Michael Thaidigsmann  27.05.2026

Italien

Pride in Rom schließt jüdische LGBTQ-Organisationen aus

Die Organisatoren der Rome Pride Parade verbannen jüdische LGBTQ-Gruppen, die sich nicht von einem angeblichen Völkermord in Gaza distanzieren

von Nicole Dreyfus  27.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

New Jersey

Donald Newhouse mit 96 Jahren gestorben

Er war einer der einflussreichsten Medienmanager in den USA. Das Rampenlicht suchte er nur selten

 27.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Nachruf

Barney Frank mit 86 Jahren gestorben

Als liberale Stimme im Washingtoner Kongress prägte der jüdische Abgeordnete der Demokraten sowohl die Debatten über Finanzmarktregulierung als auch über die Rechte von Homosexuellen

 20.05.2026

Spanien

Mordverdacht: Sohn von Mango-Gründer festgenommen

Die Polizei in Katalonien hat Medienberichten zufolge den Sohn des Mango-Gründers und Philanthropen Isaak Andic festgenommen. Jonathan Andic war als einziger dabei, als sein Vater im Dezember 2024 einen Abhang hinunterstürzte

 19.05.2026