Rumänien

Zu Gast in der Choral-Synagoge

Sprachen über die Flüchtlingshilfe: Bundespräsident Steinmeier (l.) und Gemeindechef Silviu Vexler Foto: picture alliance/dpa

Die letzten 40 Minuten galten der jüdischen Gemeinde. Zum Abschluss seines eintägigen Arbeitsbesuchs in Bukarest ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch vergangener Woche mit führenden Vertretern des rumänischen Judentums zusammengetroffen.

Im Choral-Tempel, der größten Synagoge des Landes, sprach er mit Silviu Vexler, dem Vorsitzenden der Föderation der jüdischen Gemeinden in Rumänien (FCER), und dessen Stellvertreter Ovidiu Banescu sowie mit Oberrabbiner Rafael Shaffer, FCER-Sozialdezernentin Mona Bejan und Geschäftsführer Eduard Kupferberg.

vorbild Das Bethaus im Zentrum der rumänischen Hauptstadt wurde in den 1860er-Jahren nach dem Vorbild des Leopoldstädter Tempels in Wien errichtet und gilt als eine der schönsten Synagogen Europas.

Die Vertreter der FCER erzählten Steinmeier von den rumänischen Opfern der Schoa und wie die jüdische Gemeinschaft des Landes derzeit die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine unterstützt. Mehr als 600.000 sind in den vergangenen zwei Monaten nach Rumänien gekommen oder auf ihrer Flucht aus der Ukraine durch das Land gereist – darunter rund 14.000 jüdische Flüchtlinge.

In Vama Siret, einem Grenzübergang rund 40 Kilometer südlich der ukrainischen Stadt Czernowitz, betreibt die Gemeinde gemeinsam mit dem American Jewish Joint Distribution Committee (JOINT) ein Notaufnahmezelt. FCER-Vize Ovidiu Banescu betont, dass man dort sowohl jüdischen als auch nichtjüdischen Flüchtlingen helfe: »Wir machen da absolut keinen Unterschied!«

FLüchtlinge Seit Ende Februar haben sie dort Tausende Flüchtlinge mit warmen Mahlzeiten versorgt. Gemeinde und JOINT helfen mit Information, organisieren den Transport ins Landesinnere und kümmern sich um Unterkünfte für ein bis sieben Tage. Und im März, so erzählt FCER-Sozialdezernentin Mona Be­jan, sei im jüdischen Gemeindezentrum in Bukarest eine Telefonhotline eingerichtet worden, die rund um die Uhr Auskunft erteilt.

Die Verbindung zwischen der Födera­tion und dem JOINT sei mehr als 100 Jahre alt, sagt sie. »Für unsere Gemeinde ist der JOINT ein großartiger Partner und enger Freund.« Die amerikanisch-jüdische Organisation unterstützt die Gemeinde vor allem im sozialen Bereich und medizinisch. So gibt es ein Programm für Kinder in Not und mehrere Altersheime sowie Lebensmittelgutscheine und Medikamente für ältere Menschen.

Die jüdische Gemeinschaft des Landes sei stark überaltert, sagt FCER-Vize Banescu, seit Jahrzehnten nehme die Zahl der Mitglieder ab. »Wir würden uns freuen, wenn einige Flüchtlinge bei uns blieben – aber für die meisten ist Rumänien leider nur ein Transitland, und sie ziehen nach ein paar Tagen oder Wochen weiter nach Westen.« Viele gingen nach Österreich, Deutschland oder Frankreich, so Banescu.

tageszentrum Geblieben sind bisher nur etwa ein Dutzend. Sie werden zu allen Gemeindeveranstaltungen eingeladen wie dem Gemeindeseder oder den regelmäßigen Treffen mit dem Tageszentrum für ältere Menschen. Den Flüchtlingen, die den Weg in die Gemeinde gefunden haben, stellt man verschiedene soziale Dienste zur Verfügung, und die NS-Opfer unter den Flüchtlingen erhalten Lebensmittelgutscheine sowie Medikamente, die aus Mitteln der Claims Conference beschafft werden.

Nach Angaben der Föderation der FCER leben heute rund 4000 Juden in der rumänischen Hauptstadt. Im ganzen Land sollen es zwischen 7000 und 10.000 sein. Vor dem Holocaust waren es rund 800.000 – eine der größten jüdischen Gemeinschaften der Welt.

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