Chanukka

Wunderlampe aus dem Internet

Recycelte Fahrradkette: Chanukkia aus Indien Foto: fairtradejudaica.com

Wenn wir an Chanukka sagen: »Ein großes Wunder ist hier geschehen«, bezieht sich das »hier« nicht auf China – auch wenn ich das jahrelang glaubte. Mit Schachteln voller elektrischer Menorot und blinkenden LED-Dreideln, alles »Made in China«, glaubte ich, für Chanukka gewappnet zu sein – bis ich eine neue Menora entdeckte, eine Art Wunderlampe aus Indien, die man nicht zu reiben braucht (man muss sie biegen) und die meine Feiertage auf ganz neue Weise erhellte.

China Dass mein Chanukka-Equipment in China hergestellt worden war, interessierte mich lange nicht. Was ging es mich an, dass die Arbeiter, die diese Sachen produziert hatten, gerade mal 200 Euro im Monat verdienten? Ich erstand meinen Chanukka-Schnickschnack günstig in einem Drogeriemarkt oder einer Buchhandlung. Es tröstete mich, in der Weihnachtszeit etwas Jüdisches zu sehen. Was mich betraf, war der Ramsch aus China gut für die Juden.

Vor Kurzem führte mich der Zufall in einen Fair-Trade-Laden. Dort entdeckte ich zu meiner Überraschung unter Getöpfertem, Gewebtem und Schmuck aus aller Welt einen metallenen Chanukkaleuchter aus Indien, hergestellt aus einer recycelten Fahrradkette. Die Betreiber des Ladens versicherten mir, die Chanukkia sei ohne jede Ausbeutung hergestellt worden. Bei den Produzenten handelt es sich um eine Gruppe von Handwerkern, zumeist Frauen, die für Noah’s Ark International, eine Fair-Trade-Organisation in Moradabad, arbeiten. Ich dachte nach: Wenn ich den Leuchter kaufe, werde ich mich zum ersten Mal beim Lichterzünden nicht fragen müssen, ob die Arbeiter, die meine Chanukkia hergestellt haben, genügend verdienen, um ihr eigenes Haus zu erhellen.

Arbeitsbedingungen Im Licht meiner neuen Erkenntnis fragte ich mich, ob es wohl eine Organisation gibt, die sich für fair gehandelte Judaica einsetzte. Diese Frage führte mich zu Ilana Schatz. Sie hat vor vier Jahren die Webseite »Fair Trade Judaica« ins Leben gerufen. Dort können westliche Vermarkter und Einzelhändler mit zertifizierten Handwerkern und Herstellern in der Dritten Welt Kontakt aufnehmen, die sich faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen, Gleichbehandlung von Männern und Frauen, das Verbot von Kinderarbeit und ökologische Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben haben.

Ilana Schatz ist der Auffassung, dass die auf der Tora basierenden Gesetze und die Auslegungen des Talmuds den Zusammenhang zwischen Judentum und fairem Handel durchaus stützen. Beide fordern, Löhne zur rechten Zeit auszuzahlen, die Arbeiter nicht zu unterdrücken und keinen Betrug und keine Täuschung zu begehen.

»Wenn Chanukka eine Geschichte der Befreiung ist, dann stellen auch die für einen fairen Lohn hergestellten Erzeugnisse eine Art von Befreiung dar«, sagt Schatz, die in der Nähe von San Francisco lebt. »Wer ein Fair-Trade-Produkt kauft, hilft einer Familie, der Armut zu entrinnen.«

Außer der Fahrradketten-Menora gibt es bei Ilana Schatz eine Entenfamilie-Menora aus Kambodscha, eine etwa fünf Meter lange mexikanische Scherenschnitt-Girlande mit Chanukka-Motiven und vieles mehr. »Wir würden auch gern israelische Produkte fördern«, sagt Schatz, »aber in Israel gibt es keine Fair-Trade-Organisation, obwohl ein Laden in Tel Aviv fair gehandelte Produkte vertreibt.«

Schokolade Durch das Sammelsurium von Schatz’ Waren schimmern ein paar Schokoladentaler: koscheres Chanukkagelt der besonderen Art. Der Fair-Trade-Schokoladenproduzent bezahle den Bauern in Ghana einen fairen Preis für ihren Kakao, sagt Schatz. 45 Prozent der Firma seien im Besitz der Bauern. Das sind keine »Bohnen der Bedrängnis«, erklärt sie mit einer Pessach-Metapher. »Das ist wirklich gute Schokolade.«

Wenn man die Bedeutung von handgemachten rituellen Gegenständen im Judentum bedenkt, erinnert die Fahrradketten-Menora daran, wie wichtig die Absicht ist, die bei der Herstellung in die Dinge einfließt. »Die Handwerker haben großen Respekt und möchten verstehen, was sie produzieren«, sagt Schatz.

Als ich die Menora in meiner Hand umdrehte, konnte ich sehen, wie die Schönheit eines Gegenstandes aus einem Material, das wir normalerweise wegwerfen, ihren Wert erhöhte. Was die rituelle Korrektheit des Entwurfs angeht, so war der Schamasch richtig positioniert, höher als die anderen acht Kerzenhalter. Die Kette macht es möglich, das Design in eine Reihe von interessanten Positionen zu biegen. Für traditionelle Nutzer, für die nur Kerzen in einer geraden Linie rituell korrekt sind, kann die Chanukkia problemlos in diese Anordnung gebogen werden. Ich habe sie gekauft, denn sie erzählt die Geschichte von wirtschaftlicher Freiheit, die in ihrem Design steckt.

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  22.01.2026

USA

Ein Stück Heimat

1943 gründeten Flüchtlinge aus Europa einen Stammtisch in New York. Mehr als acht Jahrzehnte war er eine Institution. Mit dem Tod einer der letzten Überlebenden aus dieser Zeit endet eine Ära

von Heidi Friedrich  22.01.2026

Ukraine

Die Kältefolter

Rund drei Stunden mit Licht und Wärme, gefolgt von etwa zehn Stunden ohne: So sieht heute der Alltag – oder vielmehr der Überlebenskampf – der meisten Kyiver aus

von Michael Gold  21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

Gespräch

»Israel ist stark und schützt uns«

Kommende Woche wird sie im Bundestag die Rede zum Holocaust-Gedenktag halten. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman spricht Tova Friedman im Interview über ihre Sicht auf Deutschland - und ihre Aktivitäten auf TikTok

von Michael Thaidigsmann  20.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  19.01.2026

USA

Top-Cop im Dilemma

Jessica Tisch, New Yorks erste jüdische Polizeipräsidentin, bleibt auch unter dem antizionistischen Bürgermeister Zohran Mamdani im Amt – zumindest vorerst

von Katja Ridderbusch  18.01.2026

USA

Old Shul

Bundesrichter Alvin K. Hellerstein leitet das Verfahren gegen Venezuelas Ex-Präsidenten Nicolás Maduro. Er ist 92 Jahre alt und orthodoxer Jude

von Michael Thaidigsmann  18.01.2026

Italien

Licht der Erinnerung

Die Juden Lecces wurden 1541 aus dem Königreich Neapel vertrieben. Fast 500 Jahre später wird ihre Geschichte in dem kleinen »Museo Ebraico« zu neuem Leben erweckt – dank zweier engagierter Familien

von Lydia Bergida  17.01.2026