Schweiz

»Wo isch’s Buschi?«

Drei Wochen nach der Beschneidung: Pidjon HaBen, die Auslösung des Erstgeborenen Foto: Montage: Roger Reiss

Am achten Tag nach der Geburt eines Sohnes stand in der Regel der Familien-Mohel, der Beschneider der jeweiligen Mischpoche, bereit. Doch unser Erstgeborener Laurent Jerucham war auch am neunten Tag nach seiner Ankunft noch nicht für die Briss-Mile, seine Beschneidung, bereit. Nachdem er einen Monat zu früh auf die Welt gekommen war, musste er seinen bisherigen Aufenthaltsort fürs Erste mit einem der gläsernen Brutkästen der Genfer Pouponnière de Grangette eintauschen. Vier lange Monate nach seiner überstürzten Ankunft wurde er dort von einer lächelnden Krankenschwester gehätschelt und umsorgt.

Länger hätten wir die Briss auf keinen Fall hinausschieben können. Und so rief ich an einem Sonntag unseren Beschneider mit dem vielsagenden Namen Eisenmann an, um einen geeigneten Termin zu vereinbaren. Aufgrund der enormen Anforderungen an Nervenstärke und Geschicklichkeit hatte der greise Eisenmann bei den charedischen Jidn das Monopol auf seine Tätigkeit inne. Niemand außer ihm wagte sich an diese heikle Tojwe heran. Ein falscher Schnitt, ein unachtsamer Augenblick, und ein jüdisches Männerleben wäre verpfuscht gewesen, um seine alles entscheidende Lust- und Fortpflanzungsaussicht beraubt.

Da Eisenmann im Hauptberuf Lebensversicherungen verkaufte, erfolgte die Bezahlung durch Abschluss einer entsprechenden Police für das zu beschneidende Mündel. Bis dahin musste ein Blauaugenamulett aus Gold, das wir über seiner Wiege aufhängten, für den Schutz unseres Erstgeborenen sorgen.

stammbaum Im Vorfeld erkundigte sich Eisenmann stets, mit wem er es zu tun hatte, und überprüfte, am liebsten bis zu Abraham, die Herkunft des Neugeborenen. Nicht mal die kleinste Verästelung in dem betreffenden Familienstammbaum blieb ihm bei seinen akribischen Recherchen verborgen.

Da Eisenmann jedoch seit vielen Jahrzehnten in unserer Mischpoche wirkte, kannte er meine Familienverhältnisse fast auswendig. Tatsächlich hatte er vor Langem schon mir das heikle Stückchen Haut entrollt und in einem zurückgehaltenen Atemzug geraubt, ohne dabei etwas zu entfernen, für das ich später noch Verwendung gehabt hätte. Er war eben der perfekteste, magendavidkantige Genitalienlanghautschneider.

Leider war aber die sefardische Familie meiner Frau vollkommenes Neuland für den jekkischen Beschneider, und so führte er seine telefonische Befragung mit peinlicher Genauigkeit durch. Dass Leni mit ihrer Familie nur wenige Jahre zuvor dem zusammengeschossenen Beirut entkommen war und dabei alle Papiere verloren hatte, war Eisenmann herzlich egal, er insistierte auf seinen Fragen.

Nachdem er Lenis Eltern samt Onkeln und Tanten von allen nur denkbaren Seiten betrachtet und untersucht hatte, stürzte er sich unvermittelt in den Schacht der Urgeschichte der Mischpoche: »... und wie hieß denn die Urgroßmutter mütterlicherseits?« Zufällig wusste ich das, und so antwortete ich wahrheitsgemäß: »Ich glaube, Madame Picciotto.« »Pischijodo?« Der Name war ihm ebenso fremd wie alle anderen in Lenis libanesischer Familie. »Und der Ururgroßvater?« »Der Ururgroßvater?!«, platzte es aus mir heraus, »ach Gott majner!«

Spätestens jetzt wusste Eisenmann, dass Mischpochologie nicht gerade zu meinen Vorlieben zählte. Ich holte tief Luft, beugte mich nach hinten und säuselte so beiläufig wie möglich in den hinteren Teil unserer Wohnung: »Liebling, wie hieß noch mal dein Urgroßvater?« »Harari!«, antwortete es aus dem Badezimmer. »Herr Eisenmann? Ich höre gerade von meiner Frau, der Name lautet Harari.« »Hahlaaaliie?«

In diesem Stil ging es noch eine ganze Weile weiter. Mit jeder weiteren Frage wurde es schwieriger, vor Leni den Eindruck zu wahren, es handle sich bei der Befragung nur um eine Formsache. Immer wieder musste ich sie – die ich eher nach unerforscht gebliebenen Schönheitskriterien als wegen ihrer Abstammung ausgewählt hatte – über ihre sefardische Familie ausfragen. Als Leni schließlich aus dem Badezimmer kam, bemerkte ich, dass sie den Tränen nahe war. Sie fühlte sich, als stände sie vor einem Tribunal. Weitere Kinder wollte sie nicht mehr mit mir kriegen, zumindest bis auf Weiteres.

Endlich jedoch, als ich schon nicht mehr daran glaubte, war Eisenmanns Neugier befriedigt. Er war mit meinen Sippenerläuterungen schließlich auch ohne verschlungene Genealogien und matrilineare Ableitungen bis ins 14. Jahrhundert zufrieden. Für meinen Ehefrieden kam Eisenmanns plötzliches Einlenken gleichwohl zu spät. Bevor er die Mutter des Knaben das erste Mal zu Gesicht bekam, hatte sich der berüchtigte Babyhautsammler und knallharte Interviewer bereits nach Kräften unbeliebt bei ihr gemacht.

apotheke Zwei Wochen später reiste er mit seinem Instrumentenköfferchen aus Basel an. Der greise Mohel war bis ins letzte Detail organisiert: Etliche Tage im Voraus hatte er die Basler Sanitas-Apotheke beauftragt, uns sämtliche Utensilien ins Haus zu schicken, die er für seinen Einsatz brauchte.

Eisenmann hatte es sich nicht nehmen lassen, mit seiner zitterigen Schnörkelschrift das Etikett des Päckchens zu beschriften. Meinen Namen hatte er mit dem Zusatz »Fischel« versehen, dem Rufnamen des Sejden, woraus ersichtlich wird, welch großen Wert er auf die Abstammung legte.

Als Leni das Paket öffnete, bekam sie einen fürchterlichen Schreck. All die Massen von Watte und Verbänden, die ihr entgegenquollen, konnten nur einem einzigen Zweck dienen, dem Aufsaugen von großen Mengen Blut. Da nützte auch die Glückwunschkarte mit dem Kürzel »B.H.« –«BeEzrat HaSchem«, »mit Gottes Hilfe« – nichts, die der Apotheker den Päckchen für Eisenmanns »Kundschaft« routinemäßig beilegte.

Trotz seiner inquisitorischen Befragung holte ich Eisenmann vom Bahnhof ab und brachte ihn mit allem gebührenden Kowed in unsere Wohnung. Sein komisches Verhalten blieb mir von Anfang an undurchsichtig. Die Mesuse an unserer Eingangstür berührte er wie jeder gläubige Jude mit dem Finger, dann aber ging er schnurstracks durch die Wohnung hinaus auf den Balkon, ohne die anwesenden Feiergäste auch nur eines Blickes zu würdigen. Hatte er sie nicht gesehen, oder waren sie ihm so zuwider, dass er dringend frische Luft brauchte?

Draußen studierte er durch seine dicken Brillengläser unsere Geranientöpfe. Wer sollte sich darauf einen Reim machen? Nach weiteren strengen Blicken und einigen energischen Schritten auf unserem Balkon erteilte er erste Befehle. Ich war erleichtert, wenigstens hatte er seit unserem letzten Telefonat nicht die Sprache verloren. Eisenmann gab Anweisungen für dieses und jenes, hier, direkt unter dem Fenster, sollten wir einen kleinen Tisch aufbauen.

Um ihn nur ja nicht zu verärgern und den Briss unseres Sohnes zu vermasseln, rannten sämtliche Anwesenden im Haus herum und suchten nach einem geeigneten Möbel. Schließlich war ein Tischchen gefunden, Eisenmann holte zwei schmale, kaum 40 Zentimeter lange Holzbrettchen aus seinem Koffer und legte sie auf ihm ab. Ein Zucken ging durch seine Mundwinkel, und seine trüben Augen begannen zu funkeln: »Wo isch’s Buschi?«

Wir sahen uns verwundert an. Wollte er wirklich so umstandslos ans Werk gehen? Gemeinsam mit unserem Kinderarzt Dr. Guinand führte ich ihn ins blau dekorierte Zimmer des Säuglings. Hier schlief der noch unbenannte künftige Jerucham sanft vor sich hin. Die orientalisch besorgte Mutter war außer sich vor Angst. Immer wieder hatte sie versucht, den stets als barbarisch empfundenen Zeitpunkt auf »unbestimmt« hinauszuschieben.

Doch Eisenmann klingelte nie zweimal und war nicht von so weit her gekommen, um unverrichteter Dinge heimzukehren. Die Entschlossenheit in seinen Augen versetzte Leni in helle Panik. Eisenmann redete beruhigend auf sie ein: »Oh, wie groß der Kleine ist! Wie heißt denn der Bechor, Sie wissen schon, in der hiesigen Umgangssprache?« »Laurent, Lolo«, stammelte die schluchzende Mutter. »Lolo, wie interessant! Also Hebräisch ›Nein Nein‹ oder wie?«, fragte Eisenmann, hob, ohne die Antwort abzuwarten, das Kind trotz dieser doppelten Verneinung aus seiner Wiege, und die Zeremonie nahm ihren Lauf.

höhepunkt Alle Anwesenden scharten sich nun um das »Nein Nein«, denn niemand wollte den eigentlichen Höhepunkt der Veranstaltung verpassen. Nur die Mutter hielt sich instinktiv auf Distanz und zog es vor, während der Beschneidung im Kinderzimmer zurückzubleiben. Eisenmann nahm mit gekonntem Griff die wild strampelnden Beine des schreienden Reiss Junior, spreizte die viermonatigen Gelenke
v-förmig auseinander und bandagierte jeden der beiden Schenkel an einen der mitgebrachten Holzleisten.

Jetzt war der Säugling für den Schnitt bereit, und das Elijahu-HaNavi-Prophetengebet begann. Kaum war es zu Ende, machte es einmal schnipp, und der ganze Spuk war vorbei, der Knabe von seinem winzigen Stück Haut und allen religiösen Tagespflichten befreit. Mein Vater, der für diesen Anlass auserwählte Sandek, übergab den nun aus Leibeskräften schreienden, ein Gramm leichteren Laurent Jerucham seiner Mutter, die, durch das Brüllen ihres Lieblings alarmiert, herbeigeeilt war: »Alles ist in Ordnung. Willkommen im Klub der Millionen seit Jahrtausenden beschnittenen Juden!«

Alle waren durch den glücklichen Ausgang der ambulanten Operation erleichtert, die mittels natürlicher Anästhesie mit süßem Kidesch-Wein abgemildert wurde. Das Schoppenmündchen des Neugeborenen lutschte am Zeigefinger des Mohels. »Masl, Masl Tow!«, erklang es aus allen Ecken.

Eisenmann sammelte, noch in seinen weißen Überzug gekleidet, die mit Blut verspritzten Instrumente ein, zündete das verlorene Stück unseres Sohnes mit einem Einwegfeuerzeug an und warf die verzischenden Hautreste des Säuglings – wir trauten unseren Augen kaum – in den Geranientopf auf dem Balkon. Binnen Sekunden flogen die verkohlten Reste, kaum hatte es jemand gesehen, in den Genfer Himmel auf.

Derselbe Blumentopf steht noch heute auf unserem Balkon in der Route de Florissant. Und jedes Jahr aufs Neue erwarten wir den schönsten Tag des beginnenden Frühlings, an dem die magendavidförmigen Blüten, Vorboten der wärmenden Schweizer Sonne, knospen: den sich jährenden Beschneidungstag unseres Erstgeborenen.

Auszug aus Roger Reiss: »Leon und Lucie. Erinnerungen an das Zürcher Schtetl«. Orell Füssli, Zürich 2008, 124 S., 26,50 €

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