Ungarn

Wo der Wunderrabbi heilte

Für manche chassidische Juden ist die Stadt Sátoraljaújhely im Nordosten Ungarns ein Sehnsuchtsort. Denn hier lebte der als Wundertäter bekannte Rabbiner Mosche Teitelbaum (1759–1841), ein wegweisender Lehrmeister des frühen Satmarer Chassidismus.

In den 70er-Jahren haben observante Touristen den Mythos des Wunderrabbis wiederbelebt, was sich nach dem Ende des Kommunismus 1989 noch verstärkte. »Jedes Jahr besuchen rund 20.000 Pilger die Ruhestätte des Mosche Teitelbaum, um hier zu beten. Die meisten reisen aus Israel und Amerika an, aber es kommen auch welche aus anderen Ländern wie Brasilien oder Australien«, erzählt Elek István Varga, der das Grabmal jahrzehntelang betreut hat. Vor allem »am Johrzeit«, dem Todestag des Gelehrten, kämen viele.

Kabbalist Der im heute polnischen Przemysl geborene Rabbiner kam 1808 nach Sátoraljaújhely und begründete hier eine chassidische Gemeinde und eine Jeschiwa. Er galt als großer Toragelehrter und Kabbalist. Seinen größten Einfluss im Volk verdankte er jedoch seiner sonderbaren Heilungsmethode.

Er schrieb kranken Menschen kleine Zettel mit religiösen Texten, die er dann in einen Beutel steckte. Diese sogenannten Kameen sollten sie für den Rest ihres Lebens tragen. Laut den Erzählungen soll er damit sämtlichen Kranken, unter ihnen auch zahlreiche Christen, geholfen haben, wieder gesund zu werden. Die Einnahmen gab er an Hilfsbedürftige weiter.

Kurz nach dem Tod des Wunderheilers begannen die Wallfahrten zu seiner Begräbnisstätte. Rabbi Mosche, so die Legende, soll die Wünsche derjenigen, die zu seinem Grab kommen, an die Person weitergeben, an die sie gerichtet sind.

gelände Das Grab befindet sich auf dem alten jüdischen Friedhof in einem klimatisierten Ohel, einem Grabraum. Das kleine Gebäude beherbergt drei Gräber: das des berühmten Rebben und seiner Frau sowie das eines anderen bekannten Rabbiners, Alexander Sender Safrin (1770–1818), dem Begründer einer ähnlichen Bewegung, die der Komarno-Chassiden. Auf dem Gelände gibt es auch eine moderne Mikwe, einen Gebetsraum und eine Küche.

Heute streiten die Erben des Wunderrabbis über die Pflege des Grabs.

Der Leiter des regionalen Touris­musverbands, Róbert Blanár, sagt, der alljährliche Andrang sei eine Belastung für die Kleinstadt Sátoraljaújhely mit ihren rund 16.000 Einwohnern. Laut einer Studie fehlte es früher an allem: Gaststätten und sogar Parkplätze waren knapp, aber vor allem gab es nicht genügend Unterkünfte.

Dies habe dazu geführt, dass die Organisatoren der Pilgerfahrten Immobilien kauften, was unangemessen hohe Preise nach sich zog. Mit dem Umbau eines ehemaligen Kollegs wurde vergangenes Jahr eine moderne Herberge für 75 Personen errichtet, finanziert von der ungarischen Regierung und der EU. Die Situation habe sich also etwas entspannt.

anhängerschaft Bis zum Holocaust war die chassidische Anhängerschaft innerhalb des orthodoxen ungarischen Judentums sehr groß. In der Stadt direkt an der slowakischen Grenze, rund 250 Kilometer nordöstlich von Budapest, war sie besonders bedeutend. Vor dem Krieg war ein Viertel der Einwohner jüdisch – nach der Schoa kehrten nur etwa 350 aus den Konzentrationslagern zurück.

Die von der Teitelbaum-Dynastie angeführten Satmarer organisierten sich nach der Schoa in den Vereinigten Staaten neu und gelten heute als eine der bedeutendsten ultraorthodoxen Strömungen. In Sátoraljaújhely ist kaum einer von ihnen geblieben, ohne Pilger kommt heute nicht einmal ein Minjan zusammen.

Leider überschattet ein Rechtsstreit das Andenken des berühmten Rabbiners. Seine beiden Urenkel streiten seit Jahren darüber, wer der rechtmäßige Fürsorger des Grabes ist.

ERBE Der Enkel des Wunderrabbiners hat auf dem Sterbebett nicht wie erwartet und sonst üblich seinen erstgeborenen Sohn, Aharon, als Erben für die Pflege des Grabes bestimmt, sondern den jüngeren, Zalman, damit Aharon sich auf die Führung der Gemeinde in Brooklyn konzentrieren könne. Doch dieser akzeptierte die Entscheidung nicht und kämpft seitdem mit allen Mitteln dagegen an.

Die Meinungsverschiedenheit der beiden Männer eskalierte Ende 2020 am Grabmal, sodass sogar die Polizei gerufen werden musste, um Ordnung zwischen den Vertretern der beiden Parteien zu schaffen. Es werden weitere rechtliche Schritte erwartet. All dies deutet darauf hin, dass das Grab des wundersamen Mosche Teitelbaum für einige Zeit kein Ort der Andacht, sondern der Auseinandersetzung sein könnte.

Trondheim

Vorfall vor Synagoge in Norwegen

Im norwegischen Trondheim drang ein bewaffneter Mann in die Synagoge ein. Die Polizei konnte ihn festnehmen

 12.03.2026

Michigan

Amokläufer fährt mit Truck in Synagoge

Ein Amokläufer hat im Nordwesten von Detroit ein jüdisches Gemeindezentrum angegriffen, in dem sich auch ein Kindergarten befindet

 12.03.2026 Aktualisiert

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  12.03.2026

Belgien

Steckt der Iran hinter dem Terroranschlag von Lüttich?

Ein Bekennervideo, das die Explosion vor der Lütticher Synagoge am frühen Montagmorgen zeigt, deutet auf einen islamistischen Hintergrund der Tat hin

 12.03.2026

Supercentenarians

Älteste Holocaust-Überlebende Mollie Horwitz wird 110 - oder gar 113

Mit 110 Jahren steigen Hochbetagte auf in die Gruppe der »Supercentenarians«, von denen es nicht viele auf der Welt gibt. Gehört Mollie Horwitz jetzt dazu oder schon seit drei Jahren, wie Wissenschaftler vermuten?

von Christiane Laudage  11.03.2026

Brüssel

Belgische Juden fordern Antisemitismusbeauftragten

Nach dem Sprengstoffanschlag auf die Synagoge von Lüttich verlangt der jüdische Dachverband CCOJB größere Anstrengungen der Politik im Kampf gegen Judenhass

 10.03.2026

Antisemitismus

Schweiz: Dauerbelastung durch Judenhass

In seinem Jahresbericht zum Antisemitismus verzeichnet der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) zwar einen Rückgang bei tätlichen Angriffen - aber einen massiven Zuwachs im Online-Bereich

von Michael Thaidigsmann  10.03.2026

Polen

Wenige Juden, viele Debatten

Jüdisches Leben pendelt seit 1989 zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Eine Begegnung mit dem früheren Dissidenten, Aktivisten und Publizisten Konstanty Gebert

von Nicole Dreyfus  09.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026