Antisemitismus-Bericht

Schweiz: »Wir haben einen Dammbruch erlebt«

Demonstration gegen Israel in Basel am 5. Oktober 2024 Foto: IMAGO/dieBildmanufaktur

Es sind Sätze, die mittlerweile vertraut klingen: »Das Sicherheitsgefühl jüdischer Menschen und die Sicherheitslage jüdischer Einrichtungen haben sich deutlich verschlechtert. Das Jahr 2024 hat wiederum eine äußerst große Zahl an antisemitischen Vorfällen hervorgebracht. Haupttreiber ist der Krieg in Nahost.«

Der Antisemitismusbericht für die deutsch-, italienisch- und rätoromanischsprachige Schweiz, den der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) und die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) am Dienstag vorlegten, unterscheidet sich kaum von vergleichbaren Untersuchungen anderer europäischer Länder. Das vergangene Jahr stand ganz im Zeichen der durch den 7. Oktober 2023 ausgelösten Welle an Judenhass.

Auch wenn die Zahlen an judenfeindlichen Vorfällen zuletzt wieder etwas rückläufig waren, stelle man ein »beispiellos hohes Niveau« fest, so der SIG und die Stiftung. Jüdische Menschen in der Schweiz erlebten Antisemitismus viel direkter und unverhohlener als zuvor. So wurden 2024 ein versuchter Brandanschlag auf eine Synagoge und elf Tätlichkeiten registriert, darunter ein Messerangriff auf einen Juden in Zürich im März, der beinahe tödlich endete. In den Jahren vor 2023 wurde allenfalls eine Gewalttat erfasst. Die Statistik verzeichnet im Berichtsjahr 221 Fälle (2023: 155; 2022: 57), was gegenüber 2022 fast einer Vervierfachung entspricht.

Bei knapp der Hälfte der Vorfälle gab es laut SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner einen direkten Zusammenhang zum Nahostkonflikt. »Wahrscheinlich sind es sogar noch mehr«, sagte er im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Zwar habe es auch in der Vergangenheit schon mehrfach »Triggerereignisse« gegeben, die für einen sprunghaften Anstieg des Antisemitismus gesorgt hätten. Das sei dann aber eher im Internet als auf der Straße messbar gewesen. Nach dem 7. Oktober 2023 und dem Beginn der israelischen Militäraktion gegen die Hamas sei das jedoch auch in der Schweiz ganz anders verlaufen.

»Das begann unmittelbar nach dem 7. Oktober und nicht erst, als Israel begann, sich zur Wehr zu setzen, was ja mit ein paar Wochen Verzögerung geschah«, so der SIG-Generalsekretär. »Wir haben einen Dammbruch erlebt. Grenzen wurden verschoben, Menschen auf der Straße beleidigt und angegriffen.« Erneut sei dies rund um den ersten Jahrestag der Massaker der Hamas vor fünf Monaten deutlich geworden. Da habe man wieder einen Ausschlag bei den registrierten Vorfällen erlebt, »vor allem bei sogenannten pro-palästinensischen Demonstrationen«, erinnert sich Kreutner.

Faustschlag ins Gesicht

In Luzern beschimpfte vor einigen Wochen ein 46-jähriger Schweizer einen Juden zunächst wüst und schlug ihm dann mit der Faust ins Gesicht. In den sozialen Medien kursierte ein Video eines weiteren Angriffs, das wohl denselben Mann zeigt, wie er einen Hitlergruß zeigt und eine weitere Person bedrängt. Jonathan Kreutner: »Wir verzeichnen neuerdings einmal im Monat eine antisemitische Attacke. Früher gab es Vorfälle wie den in Luzern vielleicht alle paar Jahre mal. Und wir sind seit einiger Zeit ja in einer eher ruhigen Phase, was den Krieg in Gaza angeht.«

Er glaubt nicht, dass das so schnell wieder rückgängig zu machen sein wird. »Wahrscheinlich hat sich dauerhaft etwas verschoben.« Sowohl in der Häufigkeit als auch in der Heftigkeit habe der Antisemitismus in der Schweiz eine neue Qualität erreicht, die dem SIG-Generalsekretär Angst macht. War die Schweiz in punkco Judenhass früher eher eine Insel der Seligen, so hat sich das gewandelt.

Nicht nur von den Rändern, auch aus der Mitte der Gesellschaft erfährt die jüdische Gemeinschaft des Landes immer mehr Gegenwind. Im noblen Urlaubsort Davos kam es auch 2024 zu Spannungen zwischen Hoteliers und ultraorthodoxen jüdischen Feriengästen. Auf einem Schild hatte der Betreiber einer Bergbahn ausschließlich auf Hebräisch geschrieben: »Aufgrund verschiedener sehr ärgerlicher Vorfälle, darunter der Diebstahl eines Schlittens, vermieten wir keine Sportgeräte mehr an unsere jüdischen Brüder.«

Der Vorfall in Graubünden löste ein großes internationales Medienecho aus. Im SIG-Antisemitismusbericht sei er angesichts anderer, noch gravierender Vorkommnisse dieses Mal trotzdem nicht besonders hervorgehoben worden, betont Jonathan Kreutner.

Rote Linien

Für die Aufspürung judenfeindlicher Aussagen im Netz, insbesondere in den sozialen Netzwerken wie TikTok, setzte der SIG erstmals eine spezielle Software ein. Diese lieferte mehr als 50.000 Treffer, die dann nochmals manuell durchgeschaut wurden.

Insgesamt erfasste der Bericht 1596 Online-Vorfälle. Mehr als die Hälfte davon entfällt auf den Nachrichtendienst Telegram. Hoch ist auch der Anteil antisemitischer Vorfälle in den Kommentarspalten von Online-
Zeitungen: 300 davon wurden 2024 gezählt, verteilt auf sechzehn verschiedene Medien. Man sei sehr konservativ vorgegangen und habe nur eindeutig antisemitische Äußerungen in die Statistik aufgenommen und auch nur solche, die aus der Untersuchungsregion kamen, sagte der Generalsekretär. Für die französischsprachige Schweiz wird ein separater Bericht erstellt.

Maßgeblich sei die Arbeitsdefinition zum Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die auch der Bundesrat (die Schweizer Regierung) sowie sie tragenden Parteien mit Ausnahme der Schweizerischeren Volkspartei (SVP) anerkannt hätten, auch wenn es gelegentlich Kritik daran gebe.

Mit der Politik ist Kreutner im Großen und Ganzen zufrieden. »Wenn es um das Thema Antisemitismus geht, gibt es rote Linien. Die decken sich mit unseren. Wir brauchen aber endlich eine Strategie.«

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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