USA

Wenn Schönheit wehtut

Das Judentum ist eine tolle Religion. Wir müssen das hier mal ganz objektiv festhalten. Stellen wir uns bitte einmal Folgendes vor: In einer Fernsehshow, in der es darum geht, das nächste Topmodel der Nation zu ermitteln, tritt eine junge religiöse Katholikin oder muslimische Frau mit Kopftuch auf. Sie wird nach ihrer Körbchengröße gefragt und antwortet: »30 G«. Die Jury äußert Unglauben, daraufhin zieht die religiöse Katholikin beziehungsweise Muslima ohne mit der Wimper zu zucken ihr Hemdchen hoch und zeigt ihren wirklich sehr beachtlichen Busen (natürlich BH-umhüllt, wir reden hier vom keuschen amerikanischen Fernsehen). Da wäre aber was los! Ein Aufschrei würde um die Welt gehen! Bei den Juden führte diese Szene nicht einmal zu einem verlegenen Räuspern. Großbusige junge Frauen, die sich entblättern, lassen es zwar gewiss an Zniut fehlen, der wünschenswerten Züchtigkeit – na und?!

Zu einer wütenden Kontroverse unter jüdischen Bloggern führte, was die junge Frau sagte, nicht etwa, was sie vor der Kamera tat. Hier müssen wir nun einen Moment zurückblenden und erklären: Es gibt eine beliebte Fernsehshow namens America’s Next Top Model, die von der reizenden Tyra Banks moderiert wird. Zu den Teilnehmern des Wettbewerbs gehört seit Kurzem eine junge Dame namens Esther Petrack. Dass sie Jüdin ist, gilt in Amerika gewiss nicht als außergewöhnlich. Aber Esther Petrack, die in Jerusalem geboren wurde und in Boston aufgewachsen ist, definiert sich selbst als modern-orthodox. Das heißt: Sie hält sich an sämtliche Gebote der Halacha und besucht eine Synagoge, in der Männer und Frauen getrennt sitzen, lebt aber zugleich ein ganz normales, emanzipiertes Leben.

In der Show erklärte sie kurz die Gesetze des Schabbats: kein Telefon, kein Computer, keine Autofahrten von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang. Dann kam der entscheidende Punkt. Tyra Banks machte Esther Petrack darauf aufmerksam, dass Topmodels sieben Tage die Woche arbeiten und fragte, ob sie bereit wäre, im Dienste ihrer Karriere den Schabbat zu brechen. Esther Petrack ging einen Moment – einen furchtbar kurzen Moment! – in sich, um leichthin zu erklären: »I would do it.« Die Episode, in der sie diesen Satz sagte, wurde ausgerechnet in den Tagen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur ausgestrahlt, also in jener Zeit, in der Juden verschärft über ihre Sünden nachdenken sollen.

Todsünde Die Reaktionen fielen – sagen wir – ein bisschen unfreundlich aus. Ein Rabbi Moshe Pesach Geller etwa notierte in einem Blogeintrag, dies sei »eine Tragödie«. Dass eine orthodoxe jüdische Frau sich vor einem Millionenpublikum so einfach vom Schabbat lossage, sei nichts geringeres als »chillul haschem«, eine Lästerung des Gottesnamens, eine Todsünde.

Ein anderer Blogger widersprach dem Rabbi: Esther Petrack, schrieb er, sei halt anders, das müsse man doch bitte im Namen der Toleranz akzeptieren. Nathan Diament, der für die Öffentlichkeitsarbeit der Union of Orthodox Jewish Congregations of America zuständig ist, möchte unterdessen gern wissen, ob es nicht geltendes Recht bricht, wenn der Fernsehsender, der America’s Next Top Model ausstrahlt, jüdische Wettbewerber am Schabbat nicht nach Hause oder in die Synagoge gehen lassen will. Jüdische Arbeitnehmer bekommen in Amerika selbstverständlich all ihre religiösen Feiertage frei. Aber sind Möchtegernmodels denn eigentlich und überhaupt Arbeitnehmer? Machen sie bei dem Remmidemmi nicht zu genau den Konditionen mit, denen sie vorher zugestimmt haben?

Big Brother Benyamin Cohen von der jüdischen Zeitung Forward weist in seinem Blog darauf hin, dass Esther Petrack nicht der erste orthodoxe Teilnehmer einer amerikanischen Fernsehshow ist. Zu den Bewohnern des amerikanischen Big-Brother-Hauses, die sich rund um die Ohr von Kameras beobachten lassen, gehörte jüngst auch Andrew Gordon, der von seinen Mitbewohnern liebevoll »Captain Kosher« genannt wurde. Andrew Gordon weigerte sich allerdings, die jüdischen Prinzipien seinem Fernsehauftritt zu opfern: Am Schabbat beteiligte er sich nicht an den Aktivitäten der anderen, an Tischa beAw blieb er in seinem Zimmer, fastete, betete und gedachte der Zerstörung des Tempels in Jerusalem.

Benyamin Cohen ist noch etwas Anderes aufgefallen. Frau Petracks Vorname: Esther. Auch ihre biblische Namensvetterin nahm bekanntlich an einem Schönheitswettbewerb teil. Allerdings wurde er damals nicht im Fernsehen übertragen. Kann sein, dass auch Esther sich nicht an die Gebote der Zniut hielt, als sie dem persischen König vorgeführt wurde, der sie prompt seinem Harem einverleibte. Allerdings hat Esther ihre Schönheit später als Waffe eingesetzt, um die Juden des persischen Reiches vor einem Völkermord zu retten. Na gut, in Amerika droht den Juden kein Genozid, nur die nächste Hypothekenrate sowie Haarausfall und gelegentliches Herzflimmern.

Gerade deshalb mag es erlaubt sein, eine klitzekleine Frage zu stellen: Warum hat Esther Petrack auf die Eröffnung, ihr Schabbat sei von nun an gestrichen, Tyra Banks nicht Folgendes ganz nett ins Gesicht gesagt: »Ich will mit jeder Faser meines Wesens das nächste amerikanische Topmodel sein, aber ich werde nie und nimmer die Gesetze meiner Religion brechen. Ich zeige euch meinen gewaltigen Busen an jedem Wochentag, den der Ewige werden lässt – außer am Samstag«? Die Herzen der Amerikaner – nicht nur der orthodoxen Juden – wären der neuen Esther von der Ost- bis zur Westküste zugeflogen.

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