Belgien

Weniger Auschwitz, mehr Darfur?

Ein Bauzaun und ein Kran: mehr deutet in diesem Winter noch nicht auf die großen Veränderungen hin, die dem Jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseum (JMDV) im flämischen Mechelen bevorstehen. Bislang befindet es sich in einem der übrig gebliebenen Blocks der ehemaligen Kaserne Dossin, die während der deutschen Besatzung als Sammellager diente. Zwischen 1942 und 1944 wurden von dort 25.484 Juden und 351 Roma aus Belgien und Nordfrankreich in 28 Konvois nach Auschwitz deportiert. Nur 1.221 überlebten.

Auf der Freifläche, die die abgerissenen Kasernenblocks hinterließen, soll in den nächsten Monaten ein vierstöckiger Neubau entstehen. Im Sommer 2012 ist die Eröffnung geplant, bis zu 100.000 Besucher im Jahr sollen dann das Museum zwischen Antwerpen und Brüssel besuchen.

Aus Ward Adriaens’ Arbeitszimmer fällt der Blick auf die künftige Baustelle. Der Direktor zeichnet einen steil aufsteigenden Pfeil auf ein Papier. Er steht nicht nur für die Dimensionen des ambitionierten Projekts, sondern auch für die Entwicklung des JMDV seit seiner Gründung vor 15 Jahren. »Eine Erfolgsgeschichte«, sagt Adriaens: Die Besucherzahlen schnellten innerhalb kürzester Zeit in die Höhe, inzwischen liegt man bei 35.000 im Jahr, 85 Prozent davon sind Schulklassen aus dem ganzen Land. In der Hochsaison sind 400 Menschen am Tag keine Seltenheit.

Gerade diese Resonanz aber erfordert neue Wege. »Wir sind an der Grenze angelangt. Rein physisch können wir nicht mehr Menschen ins Museum lassen. Wir haben strukturell zu wenig Platz. Es gibt nur zwei Toiletten und nicht den mindesten pädagogischen Komfort. So fehlt uns ein Raum, in dem die Besucher das Gesehene auf sich wirken lassen können«, sagt der Direktor, der seit Jahren bei der Kommune und der flämischen Regionalregierung auf die begrenzten Kapazitäten aufmerksam macht.

Dorien Styven, die als eine von nur zehn Angestellten die Besuchergruppen führt, freut sich auf die Erweiterung. »Sie bietet uns neue Möglichkeiten, die Geschichte der Juden aus dieser Region zu erzählen und Gegenstände zu zeigen, für die wir bisher keinen Platz hatten.«

Menschenrechte Nicht nur größer wird das Museum – auch sein Charakter dürfte sich verändern. Künftig soll es nämlich nicht mehr ausschließlich um die Schoa und den belgischen Widerstand gehen, der im JMDV einen prominenten Platz einnimmt. Beiden sind zwar drei von vier Etagen des Neubaus gewidmet, doch sollen sie dabei nicht nur für sich selbst stehen.

Am Beispiel der Judenverfolgung will man fortan auch grundsätzliche Merkmale aufzeigen, die die Rahmenbedingungen struktureller Verletzung von Menschenrechten bilden. Die vierte Etage schließlich soll Platz bieten für Sonderausstellungen, Seminare und Lesungen zu heutigen Menschenrechtsverletzungen. Diesem erweiterten Ansatz wird auch der neue Name Rechnung tragen: »Kaserne Dossin. Gedenkstätte, Museum und Dokumentationszentrum für Holocaust und Menschenrechte«.

Von einem jüdischen Museum ist künftig also offiziell nicht mehr die Rede. Dennoch zeigt sich Ward Adriaens, der gerne Direktor bleiben würde, zufrieden. »Wichtig ist uns, dass der Holocaust explizit im Namen steht. In dieser Bedingung können sich viele jüdische Repräsentanten wiederfinden.« Auch das Konzept sieht Adriaens als akzeptablen Kompromiss. »Es gab zwei Richtungen: Entweder das neue Museum erzählt ausschließlich jüdische Geschichte, oder es steht unter dem Motto ›Weniger Auschwitz, mehr Darfur‹.

Letzteres läuft auf eine Opferkonkurrenz und damit eine sehr schmutzige Debatte heraus.« Beteiligt an den Verhandlungen waren neben der Stiftung Kaserne Dossin, die bislang das JMDV betreibt, auch Vertreter der Stadt und der flämischen Regierung. Beide Seiten teilen sich künftig paritätisch die Verwaltung des Museums.

umstritten In den jüdischen Organisationen Belgiens ist das Großprojekt umstritten. Diane Keyser, Generalsekretärin des Forum Joodse Organisaties (FJO) sieht die Gefahr, dass die jüdische Besonderheit des Museums verschwindet. »Es wird uns ein wenig weggenommen«, befürchtet sie. Julien Klener, Vorsitzender des Consistoire Central Israélite de Belgique, lobt einerseits die Initiative.

Gleichzeitig weist er darauf hin, wie wichtig aus jüdischer Sicht »bestimmte Empfindlichkeiten« sind. »Man muss sehr genau darauf achten, dass der Einzigartigkeit der Schoa historisch kein Abbruch getan wird. Sie sollte nicht zu einem der Genozide reduziert werden, so schlimm und beklagenswert diese auch sind. Ihre besondere Grausamkeit darf nicht verwässert werden, sonst wir der pädagogische Effekt des Museums vernachlässigt.«

Ward Adriaens versteht die Bedenken, doch hält er sie in diesem Fall nicht für angebracht. Da das Museum von der flämischen Regierung finanziert werde, sei es »natürlich ein flämisches«. Den Beschluss zu diesem Projekt hätten das alte JMDV und die Regierung jedoch gemeinsam gefasst. Im Übrigen, betont der Direktor, gehe das JMDV zwar auf eine jüdische Initiative zurück, sei aber ebenfalls zu zwei Dritteln von der Region bezuschusst worden.

Flanderns Ministerpräsident Kris Peeters sagte bei der feierlichen Eröffnung der Bauarbeiten im Herbst, das neue Museum werde »ein Mahnmal, das nicht mehr übersehen werden kann«. Der Holocaust verdiene »mehr Aufmerksamkeit«, zudem sei es nötig zu verstehen, wie die Gräuel der Deportationen und Vernichtungslager möglich waren. Schließlich sollten heutige Formen gesellschaftlicher Ausschließung auf Grundlage der »Mechanismen« des Holocaust untersucht werden können.

Die inhaltliche Feinabstimmung, sagt der Direktor, wird zur Zeit noch ausgearbeitet. Er ist zuversichtlich, dass das Ergebnis dieser »Gleichgewichtsübung« dem Gedenken des Sammellagers Kaserne Dossin gerecht wird. Eine winzige spitze Bemerkung kann er sich dennoch nicht verkneifen: »Wie wäre es wohl, wenn man in ein Rubensmuseum geht und fragt: ›Leute, kennt ihr eigentlich Van Gogh?‹«

www.cicb.be

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