Schweiz

Weiblich, jüdisch, engagiert

Kerzenzünden zu Chanukka Foto: Getty Images

Schweiz

Weiblich, jüdisch, engagiert

Vor allem in der Zeit um Chanukka haben jüdische Frauenvereine viel zu tun

von Peter Bollag  19.12.2019 16:01 Uhr

In vielen Gemeinden weltweit ist Chanukka die hohe Zeit der Frauenvereine. Das wissen auch die älteren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Bern. Etliche haben sich deshalb nächste Woche Freitag schon lange im Kalender notiert. Denn am Abend des sechsten Chanukkatages findet in der Gemeinde das traditionelle Freitagabendessen für Senioren statt. »Auch wenn es in diesem Jahr in die Ferien fällt, wollten wir es nicht verschieben«, sagt Karin Rom, die Präsidentin des Jüdischen Frauenvereins Bern. »Ältere Mitglieder fahren oft nicht mehr in die Ferien und wären deshalb enttäuscht, wenn unser Channuka-Essen in diesem Jahr ausfallen würde.«

Spieleabend Die Vorbereitung dieser Mahlzeit ist eine der zahlreichen Aufgaben, denen sich der Berner Frauenverein – mit 152 Jahren der älteste seiner Art in der Schweiz – widmet. Erwartet werden mindestens 60 Personen.

Bei anderen jüdischen Frauenvereinen der Schweiz, wie zum Beispiel in Basel, nimmt man allerdings Rücksicht darauf, dass das Lichterfest in diesem Jahr vollständig in die Schulferien fällt und manche ehrenamtlichen Helfer nicht da sind. So fand der traditionelle Spieleabend der Emunah-Misrachi-Frauen in Basel ausnahmsweise bereits Anfang der Woche statt.

Der Israelitische Frauenverein Zürich (IFZ), der den Frauen aller jüdischen Gemeinden offensteht, führt an Chanukka keine Veranstaltung durch. »Wir geben bei dieser Gelegenheit Geld oder Gutscheine an bedürftige Menschen in den Gemeinden«, sagt IFZ-Präsidentin Tal Kessler. Um niemanden zu beschämen, laufe diese Aktion aber absolut anonym ab. Man arbeite mit den Sozialressorts der Gemeinden zusammen, um zu wissen, wer das Geld brauche. Ähnliche Aktionen veranstalte man auch an Pessach und Rosch Haschana.

Der IFZ als größter jüdischer Frauenverein der Schweiz führt eine eigene Kindertagesstätte: das »Maon Jom«. Zurzeit werden dort 17 Kinder betreut. Als vor mehr als 30 Jahren das Jüdische Kinderheim in der Ostschweiz mangels Nachfrage geschlossen wurde, habe der Frauenverein diese Aufgabe übernommen, sagt Tal Kessler weiter.

Sargenes Daneben gibt es für den Israelitischen Frauenverein Zürich aber noch eine andere wichtige Tätigkeit: Jede Woche treffen sich in der Stadt etwa elf Frauen, um Sargenes zu nähen – Totengewänder für die Beerdigung jüdischer Frauen und Männer. Die Aufgabe geht auf eine jahrzehntelange Tradition zurück und galt früher in allen jüdischen Gemeinden als noble Beschäftigung der Frauen in den jüdischen Gemeinden.

»Wir nähen heute auch für kleinere Gemeinden in der Umgebung Zürichs«, erklärt Monika Zielinsky, die diese Aufgabe im IFZ koordiniert. Die Frauen, die diese weißen Gewänder sowie die Hauben und Socken nähen, die den Verstorbenen angezogen werden, seien meist selbst schon älter: »Zwischen 67 und 85 Jahren«, sagt Monika Zielinsky. Nachwuchs für diese Aufgabe zu finden, sei nicht ganz einfach – und dies nicht nur, weil die jüngeren Frauen oft sehr beschäftigt seien mit Familie und Beruf. Schwierig sei, dass heute immer mehr Frauen nicht mehr nähen können.

Die Berner Frauen wiederum freuen sich schon jetzt auf die warme Jahreszeit: Denn neben einem monatlichen Treffen und speziellen Veranstaltungen zu den Feiertagen organisiert der Frauenverein jedes Jahr im Sommer auch einen Ausflug – da seien ebenfalls immer sehr viele Frauen dabei, sagt Karin Rom.

Glosse

Der Rest der Welt

Kamele an der Limmat oder wie Zürich mit Tradition umgeht

von Nicole Dreyfus  20.04.2026

Besuch

Milei ist in Israel, um die Botschaft in Jerusalem zu eröffnen

Der argentinische Präsident gilt als enger Verbündeter des jüdischen Staates, es ist sein dritter Besuch binnen zwei Jahren

 19.04.2026

Großbritannien

Weitere Synagoge in London angegriffen

Die Angriffe auf die jüdische Gemeinschaft in Großbritannien reißen nicht ab. Ein angeblicher Drohnenangriff auf die israelische Botschaft hat sich als Falschmeldung herausgestellt

 19.04.2026

Frankreich

Französisches Gericht: Antisemitismus kein Motiv für die Vergiftung jüdischer Familie durch Nanny

Ein Gericht in Versailles sieht Antisemitismus nicht als Motiv des Versuchs einer Nanny, ihre Arbeitgeber und deren Kinder zu vergiften

 19.04.2026

Spanien

Madrid ist raus

Premier Pedro Sánchez geriert sich und seine Anti-Israel-Politik seit dem 7. Oktober 2023 als vorbildlich. Das hat nun Folgen

von Michael Ludwig  19.04.2026

Iran

Iran macht Öffnung der Straße von Hormus rückgängig

Keine 24 Stunden nach der Zusage des Iran, die Straße von Hormus zu öffnen, wurde sie wieder zurückgenommen.

 19.04.2026

Frankreich

43 Jahre nach Anschlag auf jüdisches Lokal: Verdächtiger Palästinenser ausgeliefert

Der Anschlag auf das »Chez Jo Goldenberg« in der französischen Hauptstadt am 9. August 1982 erschütterte das Land und seine jüdische Gemeinschaft schwer

 17.04.2026

New York

Die Tiger der Tora

Einst feierten jüdische Fußballclubs in der Bronx das Leben, und sogar Marilyn Monroe kickte den Ball. Schwarz-weiße Erinnerungen zur Einstimmung auf die WM in den USA, Kanada und Mexiko

von Helmut Kuhn  16.04.2026

Ungarn

Wer ist Péter Magyar?

Viktor Orbán hat die Wahl verloren. Sein Nachfolger strebt weitreichende Veränderungen an. Doch bei vielen Themen setzt auch Magyar auf Kontinuität

von Michael Thaidigsmann  15.04.2026