Schweiz

Vor dem Aus?

2021 wurde eine kleine Jeschiwa (Talmudschule) in Luzern neu gegründet. Jetzt sollen ihre Sschüler attackiert worden sein. Foto: Thinkstock

Schweiz

Vor dem Aus?

Die jüdische Gemeinde in Luzern bangt um ihre Zukunft – wie andere Kleingemeinden im Land

von Peter Bollag  07.10.2015 14:32 Uhr

Kommen Sie und schließen Sie sich unserer harmonischen und familienfreundlichen Gemeinde an» – so warb man in Luzern noch im vergangenen Winter in der orthodoxen Jüdischen Zeitung um neue Mitglieder. Das Inserat richtete sich offenbar auch an Menschen, die Mühe haben, im Großraum Zürich eine erschwingliche Wohnung zu finden. In Luzern dagegen seien 4- und 5-Zimmer-Wohnungen «in der Nähe der Synagoge» zu vernünftigen Preisen zu finden, war in der Anzeige zu lesen.

Wer die jüdische Szene der Zentralschweiz, deren Mittelpunkt Luzern ist, kennt, hatte damals schon gewisse Zweifel und wertete das Inserat als Verzweiflungstat, das drohende Aus für die Jüdische Gemeinde Luzern (JGL) zu verhindern. Nun gerät die JGL tatsächlich ernsthaft in Schwierigkeiten. Dies liegt vor allem daran, dass die Zukunft der in einem Luzerner Vorort gelegenen Jeschiwa Kriens, der praktisch letzten jüdischen Talmudhochschule der Schweiz, mehr als ungewiss ist.

jeschiwa Die Jeschiwa ist seit den Hohen Feiertagen geschlossen. Ob sie überhaupt noch einmal öffnet, ist unsicher. Die Schule hat finanzielle Probleme, in mehreren Presseberichten war von umgerechnet rund einer Million Euro Schulden die Rede. Als ein Grund wird angegeben, dass neuerdings weniger Talmudschüler aus dem Ausland zum Studium nach Kriens kommen. Man hoffe, die Jeschiwa bald wieder öffnen zu können, sagte ein Komitee-Mitglied kürzlich der Zeitschrift «Tachles».

Die Talmudschüler halfen in der Luzerner Gemeinde auch bei den Gottesdiensten an Wochentagen sowie am Schabbat und den Feiertagen aus. Die JGL zählt derzeit gerade noch 40 Mitglieder, etliche von ihnen sind längst im Rentenalter und nicht im täglichen Minjan dabei.

nachfolger Auch schon in hohem Alter, aber regelmäßiger Synagogenbesucher, ist Gemeindepräsident Hugo Benjamin (83) – der keinen Nachfolger findet. «Ich wollte schon mehrmals zurücktreten, aber es gibt niemanden, der mein Amt übernehmen möchte», sagte er vor einigen Wochen einer Luzerner Zeitung. Und so macht Benjamin weiter und hofft auf die große Wende. Nach dieser sieht es derzeit allerdings nicht aus. Längst sind das Gemeindehaus, die Metzgerei und der koschere Lebensmittelladen geschlossen. Ein koscheres Restaurant besaß Luzern im Gegensatz zu den großen jüdischen Zentren in Zürich, Basel und Genf ohnehin nie, weil es sich, trotz der vielen Touristen, die in die Stadt und die Region kommen, nicht gerechnet hätte.

Der Luzerner Niedergang spiegelt bis zu einem gewissen Grad das Schicksal jüdischer Kleingemeinden der Schweiz wider: Die Jugend wandert in größere Gemeinden ab oder ins Ausland, und irgendwann lässt sich eine jüdische Infrastruktur nicht mehr aufrechterhalten. Auch in Luzern, das zu seinen besten Zeiten mehrere Hundert Gemeindemitglieder zählte, war der Substanzverlust wohl zu groß.

mitglieder Hinzu kam, dass sich die Gemeinde, die sich als sehr orthodox versteht, äußerst schwer damit tat, liberale jüdische Familien oder Einzelmitglieder zu integrieren und Interessenten aus sogenannten Mischehen erst gar nicht akzeptierte. Nicht wenige von ihnen sind deshalb Mitglieder in der liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich geworden. Die Entfernung dorthin beträgt mit der Bahn nur knapp 50 Minuten.

So scheint das Schicksal der JGL frappant demjenigen ihrer Schwestergemeinde auf der anderen Seite des Gotthard-Tunnels, der die deutsche von der italienischen Schweiz trennt, zu gleichen: Auch die orthodoxe Gemeinde Lugano existiert faktisch nur noch auf dem Papier.

Nutznießer sowohl in Luzern als auch in Lugano sind die Rabbiner der chassidischen Bewegung Chabad Lubawitsch, die für ein halbwegs jüdisches Leben sorgen und alle Feiertage sowie den religiösen Unterricht abdecken. So überrascht es niemanden, dass der Luzerner Chabad-Rabbiner Chaim Drukman sagt, er würde die Schließung der Jeschiwa Kriens zwar bedauern, auf seine Arbeit hätte dies aber keinerlei Einfluss.

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026

Hilfe in Zeiten des Krieges

Wie geht es Juden in der umkämpften Ukraine und im angrenzenden Rumänien? Unser Autor begleitete eine ZWST-Delegation auf ihrer Reise nach Czernowitz und Suceava

von Michael Thaidigsmann  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026