Russland

Von Putins Gnaden

Wladimir Putin ist bekannt für seine markigen Worte. Er fand sie auch, als im Januar der Chef des Europäischen Jüdischen Kongresses, Mosche Kantor, bei einer Unterredung im Kreml über den Hass gegen Juden in Westeuropa klagte. »Sollen sie doch zu uns kommen, wir nehmen sie auf«, sagte Russlands Präsident. Das staatliche Fernsehen berichtete ausführlich darüber, und auch Kantor freute sich über diese »fundamentale Idee«.

Michael Gochshtat hingegen kann das nicht ernst nehmen. Auf die Einladung angesprochen, muss der Journalist der jüdischen Nachrichtenagentur AEN erst einmal lachen. Gochshtat sitzt an seinem Schreibtisch im Moskauer Stadtteil Marjina Roschtscha in Sichtweite des Jüdischen Museums. »Natürlich gehen die europäischen Juden nicht nach Russland, sondern nach Israel«, sagt er knapp.

zahlen Was könnte sie auch nach Russland locken? Die wirtschaftliche und die politische Situation gewiss nicht. Juden kommen nicht nach Russland, im Gegenteil, viele von ihnen verlassen das Land. Im vergangenen Jahr gingen allein 7124 nach Israel, fast 40 Prozent mehr als jeweils in den Jahren zuvor. Bei, grob geschätzt, anderthalb Millionen Juden, die in Russland leben, sind diese Zahlen nicht hoch. Vor allem dann nicht, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass in den 90er-Jahren zwei Millionen Juden die auseinanderfallende Sowjetunion verließen.

»Heute ist die Situation eine andere. Die Leute gehen aus wirtschaftlichen Gründen«, sagt Gochshtat. Der neuerliche Rubelabsturz und die Dynamik der Sanktionen erschweren selbst in der ehemaligen Wirtschaftswunderstadt Moskau die Geschäfte.

Juden sind aber nicht die Einzigen, die das Land verlassen: In den vergangenen 25 Jahren haben sich Hunderttausende auf den Weg in den Westen gemacht. Auch Mosche Kantor gehörte zu ihnen. 1953 als Wjatscheslaw Kantor in Moskau geboren, lebt der russische Milliardär heute in der Schweiz. Und vermutlich wird er auch trotz seiner guten Beziehungen nach ganz oben nicht zurückkehren.

Grusskarten Die Lage der russischen Juden ist kompliziert. Die Nähe der beiden Dachverbände, der Föderation der jüdischen Gemeinden (FEOR) und des Russischen Jüdischen Kongresses (REK), zum politischen Establishment ist bekannt, genauso wie Wladimir Putins Engagement für die Gemeinde. Der russische Präsident besucht das Jüdische Museum, schickt Grußkarten zu jüdischen Feiertagen, trifft sich mit dem Oberrabbiner. »Die politische Situation ist sehr angenehm, die Autoritäten und der russische Präsident heißen die Juden willkommen«, sagt Gochshtat.

Putins Einladung hat darum einigen Symbolcharakter. Für die russischen Juden hat sich unter Putin manches zum Positiven geändert. Das jüdische Leben in Moskau spielte sich noch nie auf einem so hohen Niveau ab wie heute. »Wir haben eine Infrastruktur, die mit Paris vergleichbar ist. Das liegt an Putin«, sagt Michael Gochshtat. Er überlegt kurz, dann schiebt er verschmitzt hinterher: »Ganz sicher beten die Rabbiner für seine Gesundheit.« Eigentlich, meint der Journalist, könne den Juden nur die wirtschaftliche Lage gefährlich werden. »Denn sobald sie sich verschlechtert, wächst auch der Antisemitismus wieder«, ist sich Gochshtat sicher.

Kern Am Ende hat Putins Einladung, sei sie ernst gemeint gewesen oder nicht, einen wahren Kern. Auch Boruch Gorin sieht Putins Einladung an die europäischen Juden als einen Witz – doch einen mit doppeltem Boden. Denn die Juden aus dem ehemaligen Sowjetimperium sind in Russland tatsächlich willkommen. Seit den 90ern und bis heute wandern sie zu Tausenden aus der Ukraine und Zentralasien ein.

Gorin ist einer von ihnen. Er kam 1989 mit 16 Jahren aus der Ukraine nach Moskau. Heute arbeitet er für die FEOR. Genaue Zahlen will er keine nennen – nur so viel: Der Dachverband hat eigene Programme für die ukrainischen Juden, die aus dem Donbass geflohen sind. Und so wächst die Gemeinde. »Alle meine Freunde aus Kindertagen sind mittlerweile hier«, sagt Gorin.

Sein Büro liegt nur ein paar Hundert Meter von der Nachrichtenagentur entfernt in einem unscheinbaren Eckhaus. Im selben Block befinden sich die Synagoge Marjina Roschtscha, drei jüdische Schulen, zwei koschere Geschäfte. Will man zu Gorin, muss man die unbeschriftete Eingangstür aus Stahl finden und mehrere Sicherheitsschleusen überwinden. Nach einem Paradies sieht das nicht aus.

vorbildwirkung Und dennoch: Bei Putins astronomischen Zustimmungsraten kann man davon ausgehen, dass sein öffentliches Eintreten für die Gemeinde tatsächlich Vorbildwirkung hat. Trotz eines traditionell sehr starken Antisemitismus – von Stalins Vernichtung der jüdischen Intelligenzija und Chruschtschows antisemitischer Initiative gegen »Wirtschaftsverbrechen« bis hin zur offenen Judenfeindschaft vieler radikaler Anhänger der orthodoxen Kirche – gehen antisemitische Übergriffe seit Jahren zurück.

Das bedeutet viel, denn die Fremdenfeindlichkeit im Land wächst mit zunehmender politischer Isolation und Wirtschaftskrise, flankiert von Putins Patriotismus-Offensive, rasant. »Fremdenfeindliche Gewalt trifft in Russland aber vor allem Menschen mit ›nicht-slawischem‹ Aussehen«, erklärt Olga Sibirewa vom Moskauer SOWA-Zentrum, einer NGO, die Xenophobie untersucht. »Russische Juden sind selten traditionell gekleidet, und sie tragen russische Namen.«

Im vergangenen Jahr hat Sibirewa lediglich ein Dutzend antisemitisch motivierte Fälle von Vandalismus und Sachbeschädigung registriert. Es dürfte durchaus im Interesse des politischen Establishments sein, dass dies so bleibt. Denn etliche der auf der Forbes-Liste geführten reichsten Russen sowie viele Banker, Medienmacher und Fernsehstars sind Juden.

Antisemitismus
Aber nur weil die Regierung den Antisemitismus nicht unterstützt und sogar mehr Gerichtsprozesse dagegen anstrengt, verschwindet dieser natürlich nicht: Das russischsprachige Internet ist voller antisemitischer Hassreden, in zahlreichen Druckerzeugnissen kann man ihn finden, und auch in Talkshows des staatlichen Fernsehens, wo man dem politischen Gegner an den Kopf knallt, er möge sich nach Israel scheren. Im Moment befördern den Judenhass vor allem Verschwörungstheorien. Sie werden durch die Isolation des Landes und die zunehmend aggressive antiwestliche Stimmung genährt und von staatlicher Propaganda geschürt.

Boruch Gorin spricht in diesem Zusammenhang von einer allgemeinen politischen Unsicherheit, die die Juden besonders verspürten. »Wir können uns nicht sicher sein, dass sich das Land nicht noch mehr verschließt, dass es keinen neuen Eisernen Vorhang geben wird«, sagt Gorin. »Die Menschen bemerken, wie ihre demokratischen Freiheiten eingeschränkt werden.«

opposition Im Unterschied zur gängigen Meinung geht Gorin davon aus, dass eine große Zahl jüdischer Russen die Opposition unterstützt, auch wenn die offiziellen Beziehungen zwischen den Gemeindeinstitutionen und der Regierung gut sind. Doch nichts ist von Dauer. Und im Moment verhält es sich eben so: Die Juden zählen zur großen russischen Nation, weil Putin es so möchte.

»Aber die Beziehungen können sich ändern, Putin kann sich ändern«, schränkt Gorin ein. Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, zeigen die Erfahrungen der vergangenen Monate. Russland hat unter Putin einige überraschende Kehrtwenden vollzogen, schnell wurden enge Verbündete zu Feinden – zuletzt die Türkei.

Genauso könnten die hervorragenden Beziehungen zwischen Russland und Israel ein schnelles Ende nehmen, wenn sich Israels innenpolitische und Russlands geopolitische Interessen nicht mehr decken, wenn Russland nicht nur Assad unterstützt, sondern auch die Hisbollah und den Iran mit Waffen versorgen wird. Niemand macht sich darüber Illusionen. Die jüdischen Gemeinden fürchten diese Wankelmütigkeit.

Unsicherheit Der Krieg in der Ukraine hat die Atmosphäre der allgemeinen Unsicherheit noch weiter zugespitzt und auch die Juden zu einem Spielstein auf dem Tableau der Feindbilder gemacht. Denn Russland hat mit den antisemitischen Bewegungen in der Ukraine Politik gemacht, seinen ganzen Propagandaapparat gegen die Maidan-Bewegung und die neue Regierung aufgefahren. Im Moment zieht dieses Argument: Sie sind unsere Feinde, weil sie Antisemiten sind. »Es ist Teil des Spiels, auf der Seite der Juden zu stehen«, sagt Gorin. »Das ist das Gute an einer ziemlich schlimmen Sache.«

Und so wappnet sich die jüdische Gemeinde in Russland. Es ist eine Gratwanderung zwischen der Nähe der Institutionen zum Staat und dem Versuch, sich nicht nur auf die Laune eines Mannes zu verlassen.

Im Umfeld der jüdischen Gemeinden gibt es viele, vor allem junge Initiativen, die sich von der regierungstreuen Linie der Dachverbände distanzieren und neue Strukturen suchen. Auf der anderen Seite wächst eine neue Generation junger russischer Juden heran, die sich abseits der Institutionen zusammenschließen. »Es gibt eine Skepsis gegenüber den großen Organisation, auch weil sie dem politischen Establishment nahestehen«, sagt Simon Parizhsky von Eshkolot, einer dezentralen Organisation, die in Moskau verankert ist.

pass Und der Grund für die ansteigenden Zahlen, die die israelische Einwanderungsbehörde veröffentlicht, ist eben auch ein ganz simpler: Russische Juden können nach Israel reisen, die Staatsbürgerschaft bekommen – und ihren russischen Pass behalten. Das ist erlaubt, auch wenn die Behörden es nicht gern sehen.

Es ist kein Geheimnis, dass nicht alle 7124 russischen Juden, die vergangenes Jahr nach Israel ausgewandert sind, auch dort leben. Viele verlassen Russland nur mit einem Bein – sie pendeln, leben in Israel und arbeiten in Moskau. In Michael Gochshtats Freundeskreis gibt es viele Pendler, und auch Gorin kennt sie. Er begrüßt die enge Verbindung sogar. »Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob man diese Bewegung überhaupt Emigration nennen kann«, schränkt Gorin ein. »Vielleicht sollte man lieber von einem Zweitwohnsitz sprechen.«

Die Vorteile eines zweiten Passes sind für russische Staatsbürger jedenfalls sehr verlockend. Denn auch, wenn die wirtschaftliche Lage in Israel nicht so viel besser ist als in Russland – sicher ist sicher. Mit dem israelischen Pass kann man 129 Staaten visumfrei bereisen – mit dem russischen aber wird die Welt immer kleiner.

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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