Schweiz

Von der Kanzlei in die Küche

Nachdem er sein Restaurant im November schließen musste, hat er auf Take-away-Gerichte umgestellt: Elli Benaiah Foto: Peter Bollag

Seit Elli Benaiah im Sommer 2020 das Koscher-Restaurant in Basel übernommen hat, muss er, wie so viele Gastronomen, sehr flexibel sein. Nachdem das Restaurant mit dem lautmalerischen Namen »numnum« im Untergeschoss der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) wegen eines Pächterwechsels mehr als ein Jahr geschlossen war, freute man sich auf die Wiedereröffnung.

Doch wegen Corona war die Freude nicht von langer Dauer: Ende November musste das Restaurant aufgrund der neuen Schutzmaßnahmen wieder schließen und auf Take-away umstellen – ein Zustand, der laut den Beschlüssen der Schweizer Regierung vorerst bis Ende März dauern wird, vielleicht aber auch noch länger.

Er war Anwalt in einem der größten Mafia-Prozesse Israels.

Da sind Flexibilität und Innovation angesagt: Das hat der 60-jährige Elli Benaiah im Laufe seines Lebens schon oft bewiesen. Beispielsweise im letzten Sommer, als er die Wirteprüfung des Kantons Basel-Stadt bestanden hatte. Und dies in Deutsch und damit in einer Fremdsprache, dazu noch fast mit der Bestnote.

»Das Auswendiglernen hat mir noch nie Mühe gemacht«, sagt Benaiah in fast mustergültigem kanadisch-britischen Englisch. Das Wirtepatent war eine Art definitive Eintrittskarte in eine Welt, die Benaiah schon vor einiger Zeit betreten hat: die Welt der Kulinarik, des feinen Essens, der exotischen Gerichte.

INDIEN Seine Vorfahren väterlicherseits stammen aus Indien, die Mutter ist ein Spross der berühmten Rabbinerdynastie Auerbach aus Halberstadt. Ihr Vater amtierte dort als letzter Rabbiner vor der Schoa.

Elli Benaiahs Eltern lernten sich in England kennen. Einige Jahre nach seiner Geburt gingen sie nach Kanada und ließen sich in Toronto nieder. Dort ging Benaiah auf die Jeschiwa und studierte dann Jura und Philosophie. Nach erfolgreichem Abschluss arbeitete er als Anwalt, zuerst in Kanada, später in Israel. Dorthin war er seinem Bruder gefolgt, der schon als 16-Jähriger entschieden hatte, Alija zu machen, nach Israel auszuwandern. Die gemeinsame Schwester lebt heute in Australien.

Als Anwalt befasste sich Elli Benaiah unter anderem mit straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen – auch solchen, die mit dem organisierten Verbrechen zu tun hatten. Dabei sah der Anwalt nicht selten in tiefe Abgründe. So war er in einen der größten Mafia-Prozesse Israels involviert. Ein anderes Arbeitsfeld, Kriminalfälle im Beduinenmilieu, führte Benaiah häufig in den Negev, nach Beer Sheva, und zeigte ihm ebenfalls sehr komplexe Seiten menschlichen Handelns – ein harter Gegensatz zum beschaulichen Basel, wo der Anwalt nun oft seine Wochenenden verbrachte.

LIEBE Dass sich Elli Benaiah plötzlich für die Schweiz interessierte, hatte mit Liebe zu tun. Nachdem seine erste Ehe gescheitert war, lernte der Anwalt die Baslerin Mirjam kennen. Die Heirat 2014 fand in Venedig statt – »irgendwie der ideale Ort zwischen der Schweiz und Israel«, meint Benaiah.

Arbeit in Israel und privates Leben in der Schweiz – dank easyJet war dies für den Israeli einige Jahre möglich, doch irgendwann hatte er genug davon. »Einer von uns beiden musste einen Schritt machen – und ich entschied, dass ich derjenige bin, der ihn tut und nach Basel zieht.«

Das habe auch damit zu tun gehabt, dass er an einem Punkt angekommen sei, beruflich etwas Neues anzugehen, wie er erzählt. »Ich wollte mein Berufsleben nicht in einem israelischen Gerichtssaal beenden.« Dass das Neue darin bestehen könnte, Basels koscheres Restaurant zu übernehmen, hätte er sich nicht träumen lassen, obwohl ihm die Stadt am Dreiländereck von Anfang an gut gefallen hatte.

Wurzeln Seine Begeisterung für die Küche und Gastronomie hatte Elli Benaiah aber schon lange vorher entdeckt: »Meine Liebe zum Kochen stammt auch von meinem Interesse für Gewürze« – angesichts seiner indischen Wurzeln ein nicht unbedingt überraschendes Statement. Doch ihm sei ebenso die bodenständige aschkenasische, osteuropäische Küche nicht fremd. Sie ist deshalb auch auf der Speisekarte zu finden.

Essen allgemein habe für ihn etwas Vereinendes, Gemeinsames, sagt er: »Und koscheres Essen ist da meiner Meinung nach keine Einschränkung, sondern, im Gegenteil, ein Plus, ein zusätzliches Argument.«

Nicht nur dieser Gründe wegen hat Elli Benaiah darum als neuer Pächter ganz eigene Pläne, wenn Corona irgendwann vorbei ist: »Ich möchte hinausgehen in die Stadt und meine kulinarischen Ideen an verschiedenen Orten der Stadt umsetzen.« Die Küche des Restaurants soll dabei so etwas wie die Basis, eine Art »Heimathafen«, sein.

Weil seine Vorfahren aus Indien kommen, hat er ein besonderes Faible für Gewürze.

So will er beispielsweise Kabbalat-Schabbat-Abende außerhalb der IGB durchführen – möglichst mit interessanten Gästen – und dabei auch Leute anziehen, die nicht auf koschere Schabbat-Mahlzeiten fokussiert sind.

Doch eben: Im Moment besteht Benaiahs Alltag darin, an jedem Werktag ein Take-away-Angebot mit verschiedenen Menüs aus aller Herren Länder zu zaubern, das mittags am Eingang der IGB abgeholt werden kann.

resonanz Bisher sei das Angebot auf gute Resonanz gestoßen, sagt Benaiah, und komme auch bei der nichtjüdischen Kundschaft sehr gut an. Und all dies, obwohl im Quasi-Lockdown deutlich weniger Menschen unterwegs sind als noch im Spätherbst.

Immerhin hat Elli Benaiah in Basel auch auf diesem Gebiet schon Erfahrungen sammeln können: Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 kochte er in einer separaten Küche für Pessach und überraschte die Gemeinde damals zum ersten Mal mit besonderen Ideen.

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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