Psychologin

Vom Trauma zum Triumph

»Würde ich hassen, wäre ich noch immer eine Gefangene«: Edith Eger Foto: Getty Images

Der ehemalige britische Oberrabbiner Jonathan Sacks hat vor einiger Zeit über ein »ungewöhnliches Buch« geschrieben, das 2017 zum internationalen Bestseller wurde. Ungewöhnlich sei es, »weil die Autorin 90 Jahre alt und dies ihr erstes Buch ist«, so Sacks. Ungewöhnlich sei es auch, weil sie eine Überlebende von Auschwitz ist. 

Das Buch heißt The Choice, und die Autorin ist Edith Eger. Inzwischen ist es auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel Ich bin hier, und alles ist jetzt erschienen. 

Edith Eger wurde 1927 in der Slowakei geboren und ist in Ungarn aufgewachsen. 1944 wurden sie und ihre Familie von den Nazis nach Auschwitz deportiert. Für ihre Eltern war das das Todesurteil, Ediths Mutter wurde sofort in die Gaskammer geschickt. Edith und ihre Schwester Magda erlebten die Befreiung vor 75 Jahren, am 4. Mai 1945, in Gunskirchen, einem Außenlager von Mauthausen.

Edith Eger ist inzwischen 92 Jahre alt. Sie ist von beeindruckender Energie, verfügt über einen mitreißenden Charme. Im Gespräch erzählt sie, dass sie von Freunden und Familie seit ihrer Kindheit Edie genannt wird. Und so heißt die Psychologin und Therapeutin, die in San Die­go/Kalifornien lebt und weiterhin praktiziert, auch einfach Dr. Edie.

Patienten Sie ist eine Überlebende der Schoa, die anderen hilft, ihre Traumata zu bewältigen. Das kann im Einzelgespräch mit Patienten in ihrer Praxis oder auch vor 5000 jungen Marinesoldaten auf dem US-Kriegsschiff »Nimitz« geschehen, denen sie erläutert, wie sie mit den Schrecken des Krieges umgehen können.

»Sie selbst kann anderen helfen, Heilung zu finden, denn sie selbst hat den Weg vom Trauma zum Triumph zurückgelegt«, schreibt der renommierte Psychologe Philip Zimbardo im Vorwort zu Edith Egers Buch. 

»Wir können uns aussuchen, dass wir frei sein wollen, dass wir die Vergangenheit hinter uns lassen«, davon ist Edith Eger überzeugt.

Über diesen Weg schreibt Edith Eger selbst: »Wir können uns kein Leben ohne Leid aussuchen. Aber wir können uns aussuchen, dass wir frei sein wollen, dass wir die Vergangenheit hinter uns lassen, egal, was uns zustößt, und dass wir das Mögliche wagen.«

Vergangenheit Dabei gehe es nicht darum, die Vergangenheit zu überwinden. Jeder Moment des Grauens lebe weiter in ihr, in ihren Erinnerungen und Albträumen. Die Vergangenheit sei nicht vorbei, betont sie. 

Doch habe sie ihren Weg gefunden, aus dem »Gefängnis« der Vergangenheit zu entkommen. Sie habe die »Befreiung« erlebt, weil sie die Hoffnung in ihrem Herzen am Leben erhalten habe. Und weil sie gelernt habe zu vergeben. »Würde ich hassen, wäre ich noch immer eine Gefangene«, sagt sie.

Häufig bezieht sich die Autorin auf Viktor E. Frankl, den Begründer der Logopädie, der ebenfalls in Auschwitz interniert war. Er hat seine Erinnerungen an die Schoa in dem Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen aufgeschrieben. Durch den Arzt und Psychiater fand Edith Eger ihre Berufung – »die Suche danach, mein Leben sinnvoll zu gestalten, indem ich anderen helfe, Sinn in ihrem Leben zu finden«. 

Und dabei folgt sie auch einem Satz, den ihr ihre Mutter noch auf dem Weg nach Auschwitz mitgegeben hat: »Denk daran, niemand kann dir das wegnehmen, was du in deinen Kopf hineingetan hast.« 

Die Schoa-Überlebende und Psychologin Edith Eger lehrt, wie man nicht zum Opfer der Umstände oder einer bestimmten Situation wird: »Sie können nicht ändern, was geschehen ist, Sie können nicht ändern, was Sie getan haben oder was Ihnen angetan wurde. Aber Sie können wählen, wie Sie jetzt damit leben«, rät sie den Lesern ihres Buches.

Corona-Krise Und auch in der derzeitigen Corona-Krise versichert sie: »Jede Erfahrung macht uns stärker.« Ja, es befänden sich alle in einer Art Schock, da die Pandemie so unerwartet kam. Insofern sollten Gefühle der Hoffnungslosigkeit ruhig zugelassen werden. Zugleich aber müsse alles getan werden, um die Hoffnung nicht aufzugeben.

In einem Fernsehinterview mit der amerikanischen Moderatorin Oprah Winfrey betonte sie Ende März: »Wir können nicht ändern, was uns geschieht.« Doch alles, was geschieht, könne als Chance betrachtet werden. Die Krise sei eine gute Gelegenheit, näher zusammenzurücken und sich wieder mit anderen zu verbinden. Dafür gebe es wundervolle Wege der Kommunikation. Und es sei eine Gelegenheit, eine Inventur des eigenen Ichs zu unternehmen. Man könne sich gerade jetzt das Geschenk einer Auszeit machen, meint sie.

Niemand außer uns selbst könne uns zum Opfer machen, das komme von innen.

Auf ihrer Facebook-Seite wünscht Edith Eger allen einen positiven und produktiven Tag inmitten all dieser Unsicherheit: »In der Tat gibt es nichts Wichtigeres, als in schwierigen und unvorhersehbaren Zeiten stark und weise zu bleiben.« 

Viktimisierung Rabbiner Jonathan Sacks schrieb in seinem im November vergangenen Jahres veröffentlichten Text »To have a Why«, Edith Eger habe festgestellt, dass wir wahrscheinlich alle im Laufe unseres Lebens auf irgendeine Weise zum Opfer werden. »Irgendwann werden wir irgendeine Art von Bedrängnis oder Unglück oder Missbrauch erleiden, verursacht durch Umstände oder Personen oder Institutionen, über die wir wenig oder keine Kontrolle haben. So ist das Leben. Und das ist Viktimisierung. Das kommt von außen.«

Doch niemand außer uns selbst könne uns zum Opfer machen, das komme von innen. »Wir werden Opfer nicht aufgrund dessen, was mit uns passiert, sondern wenn wir uns entscheiden, an unserer Viktimisierung festzuhalten. Wir entwickeln den Geist eines Opfers – eine Art zu denken und zu sein, die starr, beschuldigend, pessimistisch, in der Vergangenheit gefangen, unversöhnlich, strafend und ohne gesunde Grenzen ist.«

Sacks schrieb, er sei davon überzeugt, dass das, was zählt, der Glaube ist, nicht die oft schwierigen Umstände. Der Glaube helfe uns, das »Warum« zu finden, das es uns ermögliche, fast jedes »Wie« zu ertragen.

https://dreditheger.com/

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